Wein- und Kulinarikreise Ostsizilien: Lava, Licht und Nerello Mascalese

„Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem“, schrieb Goethe im Frühjahr 1787 - der Besuch von Italiens größter Insel war der Höhepunkt seiner Italienischen Reise. Fast genau 250 Jahre ist das her, und der Mythos von Sizilien lebt wie eh und je. Kaum hat man den lauten Flughafen von Catania, die wild gestikulierenden Taxifahrer und den chaotischen Verkehr hinter sich gelassen, genügt ein Blick aus dem Fenster, um sich mit der Welt zu versöhnen. Wir fahren Richtung Norden, einmal um den Ätna herum, durch Bronte mit seinen weltberühmten Pistazien, nach Randazzo am Nordhang des Vulkans. Während ich den Sonnenuntergang über dem Vulkan und den Duft der Macchia einsauge, klärt mein Fahrer das Abendessen mit Mamma, beruhigt die schwangere Frau, koordiniert Aufträge, kurz: er regelt die Welt am Telefon - mehr Klischee geht nicht, nirgends ist es unterhaltsamer, Taxi zu fahren.

Terrazze dell Etna: Schlafen inmitten von Weinbergen

Angekommen in den Terrazze dell’Etna scheint die Welt stehen geblieben, geradezu Lichtjahre entfernt von den Touristenzentren an der Küste: Terrassierte Weinberge, rotgetünchte Gebäude, schwarzer Stein - und ein herzlicher Empfang. „La Chiesetta“, die kleine Kirche heißt mein Häuschen, in dem einzig mein Zimmer und das Bad untergebracht sind. Wer auf dem Weingut übernachtet, erwacht mit Blick auf den Ätna, Kastanienwälder und Weinreben - und spürt die Stille, die nur vom Zirpen der Grillen durchbrochen wird. Die Landhäuser und Apartments im alten Gutsgelände sind mit Holzbalken und großen Fenstern ausgestattet. Sogar einen kleinen Pool zum Abkühlen gibt es, lauschige Sitzgruppen und auf Wunsch Frühstück, eine Weinprobe direkt beim Winzer und sogar Kochkurse.

Arancino oder Arancina: Reisbällchen mit Identität

So starten wir unseren ersten Abend mit einer Cooking-Class und werden in die Geheimnisse der köstlichen sizilianischen Reisbällchen eingeweiht: Arancino oder Arancina, das ist hier die Frage! Wir befinden uns an der Ostküste Siziliens, und somit sagt man hier „Arancino“ (in Palermo heißt es „Arancina“ für kleine Orange) für die kleinen Reisbällchen mit den delikaten Füllungen. Ragù (in Deutschland gerne Bolognese genannt), Käse und Schinken oder auch Tomate Mozzarella, alles ist möglich. Nur der spezielle Reis muss kleben, mit Safran aromatisiert sein, die Füllung von Bechamel-Sauce umhüllt sein, bis die Arancini schließlich in ordentlich Paniermehl gewälzt und in reichlich Fett frittiert werden. Eher ein Mittagssnack auf die Hand ist das - danach geht eigentlich nichts mehr. Aber zu der großartigen Pasta alla Norma- einer weiteren sizilianischen Ikone - unserer Köchin können wir doch nicht Nein sagen. Schließlich braucht es eine Grundlage für die erste Begegnung mit Nerello Mascalese, der authochtonen roten Ätna-Rebsorte, der hier nicht nur als Etna Rosso DOC ausgebaut, sondern auch als Weißwein vinifiziert wird.

Alte Reben am Fuß des Vulkans

„Der Ätna lehrt den Wein, was er ist: ein Kind des Bodens, der Zeit und der Geduld. Nichts hier ist beliebig“, sagt Nino Bevilacqua, Terrazze dell’Etna. Der Ingenieur aus Palermo, dessen Name ironischerweise Weise „Trink Wasser“ bedeutet, rettete 2008 alte Terrassenrebberge auf der Nordseite des Vulkans bei Randazzo, auf 800 Metern Höhe, im Bezirk Bocca d'Orzo. Heute umfasst das Gut über 36 Hektar mit Nerello Mascalese, Nerello Cappuccio und Carricante. Der renommierte Önologe Riccardo Cotarella berät das Haus. Die alten Stöcke – über 60 Jahre – ergeben den Cirneco, einen Etna Rosso DOC von nobler Eleganz, der nach mediterranem Gebüsch, Kirsche und Vulkanerde duftet. 92 Punkte im Falstaff, ausgezeichnet mit dem WineHunter Award Gold 2022. Die Weine haben - wie fast immer vom Ätna - ihren Preis und starten bei 22 Euro die Flasche bis zu 50 Euro für den Cirneco.

Terrazze dell'Etna – Country Rooms & Apartments | Località Bocca d'Orzo, 95036 Randazzo (CT) | Preise: ab ca. 90–130 € / Nacht

Etna DOC: Lavaterroir und kühle Nächte

Die Etna DOC ist jung, aufregend und bereits unter den bedeutendsten Weinbaugebieten Italiens. Was sie auszeichnet: die Höhenlage, der mineralische Boden, die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht – und eine Generation von Weinmachern, die altes Savoir-faire mit modernem Denken verbinden. Hier, auf einer Höhe zwischen 600 und 800 Metern, winden sich die Rebzeilen an den Hängen des Ätna empor wie grüne gewebte Teppiche im Lavastein. Dazu der salzige Wind vom Meer, die vulkanischen Böden: Alles trägt zu lebendigen, terroirbetonten Weinen bei.

Torre Mora: Sizilien mit toskanischem Blut

An der Ostseite des Ätna liegt auf 700 Metern das Weingut Torre Mora. Die Höhe schenkt den Weinen fruchtige Leichtigkeit und feinen Tannin. Besonders der Scalunera (ab ca. 19 Euro), ein Etna Rosso aus alten Reben (Nerello Mascalese 95 %, Nerello Cappuccio 5 %), zeigt die typische Eleganz des Terroirs: Kirsche, Vulkanerde, langer würziger Abgang. James Suckling vergab 93 Punkte, Wine Enthusiast ebenfalls 93. Aus der Einstiegslinie des Hauses, das zur Piccini-Familie mit Hauptsitz in der Toskana gehört, gibt es auch einen Rosato (Nerello Mascalese, ab 16 Euro) und einen Bianco (Carricante, ab 19 Euro). Ein Spaziergang durch die Weinberge lohnt ebenso wie die historische Cantina, die aufwändig renoviert wurde. Auf Anfrage kann man Weinproben mit lokal produziertem Käse – Pecorino Siciliano, Provola dell'Etna –, Salumi und geröstetem Brot mit Olivenöl buchen.

Torre Mora, Adresse: Quota Mille, Frazione Rovittello, Strada Regionale Mareneve, 95012 Castiglione di Sicilia CT, Italien

Cantine La Contea – Wein und Küche vereint

Die Cantine La Contea liegen auf 400 bis 500 Metern Höhe am Osthang des Ätna, in Santa Venera di Mascali – mit Blick auf das Ionische Meer, umgeben von Weinreben auf alten Lavaböden. Über hundert Jahre alt sind die Rebstöcke aus dem Besitz von Pippo Turrisi, der mit Telekommunikation sein Vermögen aufgebaut hat. Heute leitet seine Tochter Maria Grazia das Unternehmen. Enkelin Ludovica Lombardo bringt sich mit eigenen Weinen ein, deren persönliche Handschrift sich nicht nur in den kreativ gestalteten Etiketten niederschlägt. Ein geschichtsträchtiges Terrain ist das hier, wir befinden uns nämlich in Mascali und somit auf dem namensgebenden Geburtsterroir der Ätna-Traube schlechthin, dem Nerello Mascalese. Wir starten mit dem Spumante Metodo Classico „12 Mesi“ Sicilia DOC aus weiß vinifizierten Nerello Mascalese, der nach 12 Monaten auf der Hefe noch angenehm frisch schmeckt. Generell überraschen die Weine von La Contea durch viel Trinkigkeit, so etwa der „Classe 3“ Rosato, ebenfalls aus Nerello Mascalese-Trauben, der sich als idealer Auftakt fürs Dinner erweist: Frisch, mineralisch, mit einem würzigen Abgang und Lust machend auf einen zweiten Schluck. Schön auch Ludovicas Weißer „Il Matto“ aus Cataratto, wo sie ordentlich zum Holz greift - ein bisschen oldschool ist das, steht dem Wein aber durchaus. Richtig spannend wird es bei den Rotweinen, die das Lava-Terroir mit viel Kraft und Struktur zur Geltung bringen, so etwa der in Tonneaux gereifte Gocce di Lava. Er kann durchaus mit französischen Burgundern mithalten, ohne seine sizilianische Seele zu verleugnen - ein Mascarello Mascalese at its best. Die erst zwanzigjährige Ludovica gilt als Rebellin der Familie - definitiv mit Biss, Vision und Ideen - so gehört neuerdings auch ein Aperitif in den Weinbergen zum Angebot.

Auf dem Teller: Wie Ostsizilien schmeckt

Die sizilianische Küche ist eine der komplexesten Italiens – ein Mix aus arabischen, griechischen, normannischen und spanischen Einflüssen. Im Osten der Insel ist sie besonders erdverbunden: Mandeln, Pistazien, Feigen, Kapern, Caponata, Pasta alla Norma, Granita, Cannoli. Wer hier isst, isst Geschichte. Die neue Küche, die sich in Restaurants wie dem "La Contea Ristorante" oder dem "Lumìa Organic Restaurant" in der Dimora delle Balze entwickelt, verbindet das Erbe mit Leichtigkeit: keine unnötige Kompliziertheit, lokale Produkte, aber mit Handschrift und Eleganz zubereitet.

Radikal regionale Küche mit Twist

Im „Ristorante La Contea“ zeichnet Chef Mirko Pappalardo für die Küche verantwortlich. Geboren 1985 in Catania, hat er viel von der Welt und der gehobenen Küche gesehen. Aber irgendwann kommt jeder Sizilianer zurück, vor allem die, die wie er eine tiefe Verbindung zur Küche ihrer Wurzeln spüren. In diesen malerischen Ort habe er sich sofort verliebt, erzählt er. Und kann seine Vorstellung von einer radikal regionalen und gleichzeitig innovativen Küche voll ausleben. Der Gemüsegarten liegt nur wenige Schritte vom Restaurant entfernt, von dort bezieht er den Großteil der Zutaten. Vom überaus köstlichen Brot, den längsten Grissini Siziliens bis zur würzigen Mortadella mit Pistazien macht er alles selbst. „Auf dem Ätna zu kochen ist wie mit Lava-Tinte zu schreiben“, beschreibt Pappalardo seine Herkunftsküche. Kochen ist seine Sprache, die Teller sprechen Bände, jeder Gang erzählt eine Geschichte: Hier geht es um das Sizilien des Terroirs, um saisonale Produkte, um Tradition, die die Moderne trifft.

Vom Meer, Land und aus dem Garten

Zur Wahl stehen ein Meer-, ein Land- und ein vegetarisches Menü, die alle eine verfeinerte sizilianische Küche in den Fokus stellen, ohne ihre Herkunft zu verleugnen. Da ist ein Tartar, dem wilder Fenchel, Kapern aus Pantelleria und eine Creme aus gesalzenen Mandeln die ganzen Aromen des Mittelmeers verleiht. Oder ein in Porchetta gewickeltes Kaninchen, dem eine Modica-Schokoladensauce das bittersüße Finish verleiht. Voll grüner Frische kommen die sanft eingelegten, dünn gehobelten Zucchinischeiben mit gesalzener Pannacotta und frischer Minze. Wer jetzt noch nicht begeistert ist, schmilzt spätestens bei den zarten „Bottoncini della Contea“, mit Kalbfleisch gefüllten Pasta-Bonbons, die von einer hinreißenden Sauce aus Zitronenthymian und Glockenpaprika umgeben sind. Während das Menü für die Sizilianer an unserem Tisch eher einer Reise auf den Mars gleichkam, kam es uns Nordlichtern vor wie ein inspirierender Spaziergang durch die Gärten, Felder und Weinberge des Ätna mit. Mit Amuse bouche, Pre-Dessert - einer erfrischenden Granita aus Maulbeeren - und dem etwas alkoholisch geraten Baba mit Orange kostet das 6-Gang-Menü 70 Euro - fast ein Schnäppchen für die ambitionierte Küche, die hier geboten wird. Das eine oder andere Gel und Tüpfelchen zu viel wiegt wenig im Vergleich zur Produkttiefe und kreativen Handschrift von Mirko Pappalardo, der in den Cantine la Contea eine willkommene Abwechslung zu Pasta alla Norma &Co. bietet.

Cantine La Contea, Via Santa Venera Superiore, 25, 95106 - Mascali (CT)

Masseria Costanza – Luxus im Vendicari-Reservat

Eingebettet in das über 20 Hektar große Anwesen mit Zitronenhain, Olivenbäumen und mediterraner Vegetation, ist die Masseria Costanza in der Nähe von Noto eine der authentischsten und zugleich luxuriösen Adressen im Süden Siziliens. Sieben Zimmer - davon eines mit privater Terrasse und eine Suite - sind im Retrostil und unter Bewahrung der historischen Bausubstanz eingerichtet. Das Schönste sind jedoch die öffentlichen Räume, allen voran die Lounge mit Wow-Weitblick, aber auch der lauschige Pool und die bezaubernden Innenhöfe. Das üppige Frühstücksbuffet ist eine Hommage an den sizilianischen Morgen, mit frischer Ricotta, Granita und hausgemachter Marmelade aus den eigenen Zitronen.

Zitronen, Arkadien und das Meer

Hier schließt sich der Kreis zu Goethe und seinem Gedicht ‚Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen‘, das nicht nur seine tiefe Liebe zu Süditalien, sondern die von Arkadien, des Sehnsuchtsortes seiner Seele schlechthin verkörpert. Nirgends kommen Natur, Schönheit und Klassizismus so harmonisch zusammen wie in Sizilien, kein Ort drückt mehr Fülle und Glück aus wie dieses Stück gelobte Erde. Zurück in der Gegenwart leuchtet Notos barocker Sandstein wie eh und je, und die Zitronen scheinen sonnengelb vor einem Himmel, der blauer nicht strahlen könnte. Unendlich viele davon blühen auf den Feldern Richtung Naturpark Vendicari, einem Vogelparadies direkt am Meer. Eine gute Viertelstunde zu Fuß dauert es ins Naturschutzgebiet I Vendicari. Achtung: Unbedingt die hoteleigene Karte mitgeben lassen, sonst kann der vermeintliche Spaziergang schnell im Oliven- und Zitronenbaumlabyrinth enden. Obwohl nur unweit vom Touristenmagneten Noto gelegen, ist es mit seiner Lagune, Salzwiesen und Macchia eines der unberührtesten Naturjuwelen Siziliens. Im Frühjahr und Herbst ist das Reservat ein wichtiger Rastplatz für Zugvögel: Flamingos, Reiher, Kraniche ziehen hier durch.

Eine der schönsten Badebuchten Siziliens

Zum Baden empfehlen sich die benachbarten Calamosche mit puderzuckerweißem Sand, die mehrfach zum schönsten Strand Siziliens gewählt wurden. Von der Masseria Costanza fährt man 20 min. mit dem Auto, dann geht es nur zu Fuß weiter, das Parken ist nur außerhalb des Reservats erlaubt - das ist der Schlüssel für die relative Leere in dieser Traumbucht. Handy aus, entspannen und genießen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“, um noch enmal Goethe zu zitieren. 

Masseria Costanza – Vendicari Retreat, Contrada Vendicari, 96017 Noto (SR) | Zimmerpreise ca. 250–450 € / Nacht inkl. Frühstück, Nebensaison günstiger)

Dimora delle Balze – Perfektion in der Einfachheit

Auf der Staatsstraße 287 zwischen Noto und Palazzolo Acreide liegt, fast versteckt hinter einer Zypressenallee, die Dimora delle Balze. Ein Anwesen aus dem 19. Jahrhundert, fast ein Jahrzehnt lang mit Liebe restauriert von der Mailänder Unternehmerfamilie Lops. Elf Zimmer, alle verschieden, alle mit Kunstwerken internationaler Künstlerinnen wie Valentine Herrenschmidt, Katrine Arens und Paola Navone ausgestattet. Die historischen Mauern bilden den Rahmen für die Innenarchitektur,  die in ihrer perfekten Einfachheit, farblichen Harmonie und modernem Design ihresgleichen sucht. Die  Entdeckung der Langsamkeit könnte das Motto in diesem Idyll sein, dem Zirpen der Grillen lauschen, den Blick über Orangen- und Zitronenbäume schweifen lassen und ganz langsam jeden Stein entdecken. Alles harmoniert, alles fließt. So exklusiv ist das Anwesen, dass nicht nur die Mailänder Mega-Influencerin Chiara Ferragni hier geheiratet hat.

Mehr farm-to-table geht nicht

Das Herzstück der Anlage ist das „Lumìa Organic Restaurant“ am herrlichen Salzwasserpool, umgeben von 150 Sorten aromatischer Pflanzen. Küchenchef Gabriele Camiolo kocht mit Zutaten aus dem eigenen Biobetrieb Passo Ladro – Tomaten, die zwischen wilden Orchideen wachsen und die Gerüche von Blumen und den Geschmack der Lava annehmen, verschiedene Arten Auberginen, Zucchini und Kräuter. Nach einer Führung durch den Gemüsegarten genießen wir ein farm-to-table-Dinner, wie es authentischer und gleichzeitig ästhetischer nicht sein könnte. Auf der Tafel mit Blick auf Ätna und Sonnenuntergang gibt es die Passa Ladro-Produkte, die von eingewecktem Gemüse über Chutney, Guacamole und Oliven reichen. Über den Onlineshop kann man sie sogar in Deutschland bestellen. Dazu stimmt uns die mit außergewöhnlichen Ätna-Weinen bestens vertraute Sommelière Erica Preosto mit einem DBE Brut Metodo Classico von Renato de Bartoli, der Weinberge zwischen Linguaglossa und Randazzo besitzt und in besonderer Weise das Terroir des Ätna in seinen Weinen erzählt.

Raffinierte Gemüseküche trifft Spitzenweine vom Ätna

Zurück im Lumia Restaurant erwartet uns Chef Gabriele Camiolo mit einer Küche, die den Ätna und die sizilianische Tradition widerspiegelt und gleichzeitig persönliche Akzente setzt. Wir starten mit einer Artischockencreme mit rohen weißen Garnelen und schwarzem Trüffel aus den Wäldern der sizilianischen Gemeinde Palazzolo Acreide. „Oro Nero“, schwarzes Gold, werden die kostbaren Pilze hier genannt. Sie verleihen dem Gericht mit den zarten, leicht süßen Meeresfrüchten und den Bitternoten der Artischocke einen Tick Erdigkeit: Ein Gericht, das alle Elemente Sizilien wunderbar miteinander vereint. Erica traut sich, zu diesen Meeresfrüchten einen noblen, 12 Monate in slawonischer Eiche gereiften Etna Rosso DOC Contrada Sciaranuova von der Tenuta Tascante  zu pairen - eine gewagte Wahl, die mit dunklen Aromen von Brombeere, Sauerkirsche und Veilchen überraschend gut zu dieser aromenstarken Vorspeise passt.

Zum Hauptgang hat Gabriele Camiolo Pasta alla Norma ausgewählt. Schon wieder, seufzen einige, aber nur, bis die erste Gabel dieser kunstvoll gewickelten und selbstredend hausgemachten„Cartellata“ ihre feine Machart offenbart, gefüllt mit den bekannten, ursizilianischen Zutaten Tomate, Aubergine und gesalzener Ricotta. Kraftvoll dazu der Contrada PC Terre Siciliane IGT 2022 von Passopisciaro aus 100 % Chardonnay naturnah 17 Monate im Holzfass ausgebaut. Andrea Franchetti baut diesen Wein auf einer kleinen Parzelle in 900 Metern Höhe an, füllt ungefiltert nach den Zyklen des Mondes ab und schafft einen Wein, der gekonnt zwischen Reife und Frische balanciert.

Ein Ort, der verändert

Das Dessert, ein „Fazzoletto“ (Taschentuch) aus asiatisch anmutendem Kokosgelee, unter dem sich Doppelrahm und aromatische Walderdbeeren verbergen, führt zu ungebremstem Enthusiasmus und reichlich Nachschlag am Tisch. Und weil Camiolo aus der Schokoladenstadt Modica stammt, dürfen ein paar Stücke der einzigartigen rohen Schokolade nicht fehlen. So viele großartige Produkte gibt die lokale Erde her, so gekonnt verarbeitet Gabriele Camiolo sie, dass es selbst in einem Resort dieser Klasse keine eingeflogenen Luxusprodukte braucht. Wie im Design des Hotels besteht die wahre Opulenz auch auf dem Teller in vollkommener Einfachheit. „Ein Ort, der nicht nur gefällt – er verändert einen ein kleines bisschen“, soll mal ein Gast über die Dimora delle Balze gesagt haben - wie könnte man es angesichts dieses ganz besonderen Ortes am Fuße des Ätna besser ausdrücken.

Dimora delle Balze + Lumìa Organic Restaurant, SS287, km 6/3 – 96017 Noto (SR). Zimmerpreise: DZ ab ca. 350–550 € / Nacht, Degustationsmenü 55-85 Euro (nur auf Reservierung)

Noto, Syrakus, Ortigia, Catania – vier Städte, ein Sizilien

Noto – die goldene Barockstadt

Nach dem Erdbeben von 1693 komplett neu gebaut, steht Noto heute als Meisterwerk des sizilianischen Barocks. Die Cattedrale di Noto, der Palazzo Villadorata, die Via Nicolaci mit ihren Balkonkonsolen in Tier- und Menschengestalten – jeder Stein hier erzählt von Prachtentfaltung und barockem Überschwang. UNESCO-Weltkulturerbe seit 2002, und leider auch entsprechend von TouristInnen überlaufen. Seit 1892 gibt es die beste Granita der Stadt und köstliche, mit Ricotta gefüllte Cassatine im Caffè Sicilia auf der Hauptstraße.

Syrakus – griechische Antike, modernes Theater

Das Amphitheater von Syrakus, eines der besterhaltenen der Antike, ist mit einem kundigen Guide ein ganz anderes Erlebnis. Man hört förmlich das Rauschen von 15.000 Zuschauern, das Echo griechischer Tragödien. Die geführte Tour durch Neapolis – das archäologische Viertel mit Theater, Latomieen und dem Ohr des Dionysios – dauert gut zwei Stunden und lohnt jede Minute. Ca. 13 € Eintritt + Führungsgebühr (ca. 10–15 €/Person). Tipp: frühmorgens besuchen, um die Hitze und Massen zu vermeiden. Im Sommer werden hier moderne, inhouse produzierte Aufführungen antiker Tragödien wie Antigone, Die Perser u.a. geboten. Der aus Mailand stammende Bürgermeister Francesco Italia ist gleichzeitig Präsident der erfolgreichen Kulturfestspiele im Amphitheater und engagiert sich auch für die örtliche Pride-Bewegung.

Ortigia – die Insel in der Stadt

Ortigia, die Altstadt von Syrakus auf einer kleinen vorgelagerten Insel, ist magisch zu jeder Tageszeit. Ein bisschen hat die Stadt der Heiligen Santa Lucia den Charme von St. Tropez, ein kleiner Ort mit schicken Läden und Mittelmeercharme. Frühmorgens, wenn die Fischer ihre Ausbeute am Markt verkaufen, oder mittags, wenn die engen Gassen Schatten spenden und die „Antica Giudecca“ im jüdischen Viertel zu umwerfenden Arancini al Ragù  einlädt. Und Abends, wenn die Domplatz-Fassade im Sonnenuntergang golden leuchtet und die Hafenpromenade Riva della Posta mit Blick aufs Meer zu einem Spaziergang  und einem Cocktail einlädt.

Catania – vulkanische Energie, barocker Charme

Die Hauptstadt der Ätna-Region, erbaut aus schwarzem Lavagestein und hellem Kalkstein, hat einen Rhythmus, den man lieben oder überanstrengend finden kann - es gibt Menschen, die Catania für die lebendigste Stadt Siziliens halten. Der Fischmarkt La Pescheria am Morgen ist ein Erlebnis für alle Sinne – Thunfisch, Schwertfisch, Muscheln, Seeigel. Der Dom mit dem Elefantenbrunnen – Wahrzeichen der Stadt – ist keine fünf Minuten entfernt. Die Studentenstadt Catania ist laut, lebendig, authentisch und mit lebhafter Gastro- und Naturweinszene (z.B. Catania ältestes Buchhandlung Libreria Prampolini mit angeschlossener Weinbar). Die leckersten Cannoli (auch Flugzeug-gerecht mit Trockeneis verpackt) und Mandelkekse gibt es in der Bar/Konditorei Prestipino direkt am Domplatz.

Sizilianisches Glück, das bleibt

Was Ostsizilien so besonders macht, sind nicht der Wein, die Sehenswürdigkeiten oder die Restaurants alleine. Es sind die Farben und die Stimmung, die sich über alles legt: das Licht am frühen Morgen über den Ätna, der Geschmack von Granita alle Mandorle auf der Piazza, das erste Glas Nerello Mascalese bei Sonnenuntergang. Auf kleinstem Raum begegnen sich Barock und Vulkan, antikes Griechenland und moderner Weinbau, Meeresreservate und lebendige Städte. Wer Zeit mitbringt und bereit ist, zwischen Weinkeller und Amphitheater, zwischen Genussgastronomie und wilder Natur zu wechseln, wird mit einer Reise belohnt, die lange nachwirkt.

Die Reise wurde unterstützt von Vinhood und der Regione Siciliana.