WEIN
03. August 2010

Wein im Zeichen des Klimawandels

Winzer sind Gewinner des Klimawandels: Der Klimawandel macht den deutschen Wein besser. Mit den wärmeren Temperaturen sind Reife-Probleme passé. Aber auch die Kehrseite trifft die Winzer. Mehr Hagelschäden drohen und einige Weinberge brauchen bereits Bewässerungsanlagen

Winzer zählen zu den Gewinnern des Klimawandels. Kein Wunder: Weinreben sind «Sonnenkinder», die Pflanze hat ihre Heimat ursprünglich in weit südlicheren Gefilden. Sonne und Wärme sorgen für reife Trauben und gute Weinqualitäten.

Allerdings stellt die Veränderung die Weingüter auch vor Herausforderungen. Neue Schädlinge breiten sich aus, mehr Hagelschäden drohen, manche Weinberge müssen künftig häufiger bewässert werden. «Das Wetter war schon immer das wichtigste Thema im Weinbau, schließlich sind Winzer zu 100 Prozent davon abhängig», sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut in Mainz.

Daher treibt der Klimawandel die Winzer natürlich um - und hat in den vergangenen Jahren bereits zu ein paar Superlativen beigetragen: Früheste Rebblüte seit Beginn der Aufzeichnungen, kürzeste Lese und die höchsten Mostgewichte, die den Zuckergehalt der Trauben widerspiegeln.

Wein ist zwar mit seinen bis zu 15 Meter tiefen Wurzeln gut an wärmere Standorte angepasst und kann auch tiefe Wasserspeicher anzapfen, aber: «Eine Rebe ist kein Kaktus», sagt Büscher. Trockenheit drohe vor allem auf Sandböden oder in steilen Lagen. Beispielsweise in Ellerstadt in der Pfalz hätten sich Winzer zusammengetan und eine Anlage für Tröpfchenbewässerung angeschafft.

Dennoch überwiegen die Vorteile der Wetteränderungen: «Die vergangenen neun Jahrgänge sind alle als gut bis sehr gut bewertet worden», sagt Büscher. Herrscht zur Lese stabiles trockenes Wetter, seien die Winzer «in der komfortablen Situation, das Optimum der Traubenreife abwarten zu können».

Der Klimawandel laufe für die Winzer «absolut in die richtige Richtung», sagt auch der Präsident des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter (VDP), Steffen Christmann, im pfälzischen Neustadt. Noch in den 1960-er bis 1980-er Jahren habe es Reifeprobleme gegeben. «Jetzt erreichen wir jedes Jahr Vollreife und sind sehr glücklich darüber», sagt der Winzer. Schließlich liege Deutschland am nördlichen Rand der Weinbauregionen. «Wir können das schon entspannter sehen als etwa die Kollegen auf Sizilien.»

Sollte es den Reben doch mal zu heiß werden, kann der Winzer noch eingreifen. Etwa indem er das Laub der Weinstöcke stärker zurückschneidet und damit die Reife verzögert, erklärt Christmann. Oder mit Trieben eine Art Blätterdach über die Rebzeilen spannt, um den Trauben Schatten zu spenden. «Davon sind wir aber noch weit entfernt.»

Weinbauversuchsanstalten und einige Weingüter experimentierten mit neuen Anpflanzmethoden, erklärt Büscher. Bislang war der Rebenanbau darauf ausgerichtet, auch noch den letzten Sonnenstrahl einzufangen. Nun sind Strategien gesucht, um die Reifezeit der Trauben zu verlängern. «An der Mosel setzen einige Winzer ihre Weinberge in sonnenärmere Seitentäler oder gehen in höhere Lagen - die bisher oft brach lagen.»

Vom Klimawandel profitieren besonders die Rotweinsorten, bei denen die Wärme deutliche Qualitätsschübe bewirkt. Winzer probierten inzwischen vermehrt Sorten aus wie Merlot, Cabernet Sauvignon oder Chiraz, die bislang eher im Mittelmeerraum angebaut wurden. Zwar wird beispielsweise Cabernet Sauvignon bislang auf weniger als einem Prozent der deutschen Rebfläche kultiviert - «trotzdem ist es wichtig zu zeigen, wir kommen auch mit diesen Sorten zurecht», sagt Büscher.

Echte Probleme sieht der Experte allerdings beim Eiswein. Die Gelegenheiten, diese Spezialität zu ernten, seien geringer geworden, da es zur Lesezeit im November oder Dezember oft nicht kalt genug war. Eiswein wird bei mindestens sieben Grad minus geerntet. «2007 gab es nur einen Tag für die Eiswein-Lese, 2006 fiel sie so gut wie ganz aus», sagt Büscher.

Mit der Wärme steige auch das Risiko, dass sich bisher auf südliche Regionen beschränkte Schädlinge in den hiesigen Weinbauregionen ausbreiteten, erklärt Michael Maixner vom Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Bernkastel-Kues an der Mosel.

Die Windenglasflügelzikade beispielsweise habe bislang überwiegend auf trockenen und heißen Steillagen ihr Unwesen getrieben. Das mediterrane Insekt überträgt die Schwarzholzkrankheit und benötigte bisher die Ackerwinde als Wirtspflanze. Mit dem milderen Klima besiedelte es aber zunehmen auch Brennnesseln - und wanderte mit ihr in neue Regionen ein. (Andrea Löbbecke, dpa)