Wein
15. Juni 2010

Weingut von Othegraven vor dem Stabswechsel

Fernsehmoderator Günther Jauch übernimmt zum 1. Juli das renommierte Weingut von Othegraven an der Saar. Winzerin Heidi Kegel hat für einen sanften Übergang gesorgt - Kellermeister Andreas Barth ist neuer Geschäftsführer

Auf dem Weingut von Othegraven herrscht die pure Idylle: Ein helles herrschaftliches Gutshaus liegt zwischen atemberaubend steilen Weinbergen und der Saar in einem romantischen Park. Rieslingzeilen auf der einen Seite, exotische, alte Gewächse wie Ginkgo-, Tulpen- und Mammutbaum auf der anderen.

Vom 1. Juli an gehört das renommierte Gut, das zu den ersten Weißwein-Adressen Deutschlands zählt, Günther Jauch. Der Fernsehmoderator übernimmt den Betrieb von einer entfernten Verwandten: von Heidi Kegel - der Frau, die das Weingut in den vergangenen 15 Jahren in die Wein-Spitzenliga geführt hat.

Genau wie Jauch war Kegel Quereinsteigerin, als sie 1995 das damals nur 4,5 Hektar große Gut von ihrer Tante Maria von Othegraven erbte. Von Haus aus Medizinerin, kündigte sie ihren Job als Chefärztin für Anästhesie am St. Agatha Krankenhaus Köln und ging an die Saar. «Ich hatte immer eine starke Verbundenheit zum Weingut», sagt Kegel. Als Kind habe sie ein paar Jahre dort gelebt und sei auch später immer wieder an Wochenenden und in den Ferien bei der Schwester ihres Vaters gewesen. «Eigentlich bin ich ein Kanzemer Kind», lacht die 71-Jährige.    

Doch der Anfang als Winzerin war schwer. Das Weingut lag «brach», hatte die Tante doch mit über 90 Jahren nicht mehr so viel Energie für die Reben gehabt. Kegel packte ihren neuen Job geschickt an und suchte sich Experten. Einen Berater und einen technischen Betriebsleiter. Nach und nach erweiterte sie «das Herzstück» der von Othegravens, die weltweit bekannte Lage «Kanzemer Altenberg». «Heute bewirtschaften wir dort acht Hektar vollarrondierte Fläche», sagt sie zufrieden. Plus vier Hektar in den Lagen «Wiltinger Kupp» und «Ockfener Bockstein». Ihre Spitzenweine haben Fans von Dänemark bis in die USA.    

Aber warum hat sie dann verkauft? «Ich wollte nicht den gleichen Fehler wie meine Tante machen und das Weingut wieder abfallen lassen», sagt Kegel. Jetzt stehe der Betrieb an einem «guten Punkt». «Wir sind ein kleines, aber feines Traditionsgut.»

Und warum an Jauch? «Weil er einen familiären Bezug zum Gut hat.» Er sei selbst als Kind öfter dagewesen. War doch seine Großmutter Elsa von Othegraven die Schwester von Maximilian von Othegraven, der wiederum der Mann der früheren Weingutchefin Maria von Othegraven war. «Er macht es aus Verantwortung der Familientradition gegenüber», ist sich Kegel sicher.    

Im dem Gut, dessen Gründung ins 16. Jahrhundert zurückgeht, ist die Familiengeschichte lebendig. Überall hängen Porträts an den Wänden, stehen Fotos der Vorfahren, die einst «von Othegraven» in dem 620-Einwohner-Ort geleitet haben. Interessant dabei: Fast immer war das Gut in Frauenhand. Mit Jauch übernimmt nach 40 Jahren erstmals wieder ein Mann das Ruder.

Das Weingut gehört zu den Gründungsmitgliedern des Verbandes der deutschen Prädikatsweingüter VDP. Ausschließlich Riesling gedeiht hier an bis zu 60 Prozent Grad steilen Hängen. Oberste Maxime ist: «Klasse statt Masse.» Nur etwa 45 Hektoliter pro Hektar werden auf den Schieferböden geerntet, um die Qualität zu steigern, sagt die Noch-Chefin. Das bedeutet: 50 000 bis 60 000 Flaschen im Jahr.    

Zunächst wird Kegel noch eine Weile mit ihrem Mann in Kanzem wohnen bleiben, bevor sie dann wieder nach Köln zieht. Starmoderator Jauch hat Kegels Angestellte alle übernommen - und Kellermeister Andreas Barth zum Geschäftsführer gemacht. Wie oft der 53-Jährige selbst an die Saar kommen wird, um nach seinen Gewächsen zu schauen, weiß Kegel nicht. «Vielleicht zieht er ja eines Tages auch hierher», sinniert sie. (Birgit Reichert, dpa)