WEIN
30. September 2009

Weinlese im All

Weinhaus Castel testet infoterra: ein taiwanischer Satellit analysiert von einer Umlaufbahn aus die Weinreben und unterscheidet zwischen reif und unreif

Pralle, reife Trauben hängen an den Rebstöcken des Weinfelds «Marquise». Cabernet Sauvignon reift hier im Haut Médoc auf einer Domaine des Château Barreyres. Die Weinbeeren schmecken süß, mit einem zarten aroma roter Früchte. Nur wenige Meter weiter auf demselben Feld schmecken die Weinbeeren herber und das Tannin lässt leicht «den Mund zusammenziehen». Dabei könnte selbst ein Winzer mit bloßem Auge keinen Unterschied an Rebstöcken, Boden und Trauben erkennen. Doch einer kann's: Formosat.

Der taiwanische Satellit analysiert von einer niedrigen Umlaufbahn aus die Weinparzelle. Seine Falschfarbenbilder unterscheiden klar einen roten Bereich, wo die Trauben jetzt reif und süß sind, von einer grünen Zone, wo die Trauben nur schon so aussehen. «Wir können das nutzen, um die verschiedenen Zonen zu unterschiedlichen Zeiten abzuernten», sagt Franck Crouzet vom Winzerhaus Castel. «Oder wir ernten beide Zonen getrennt ab und keltern verschiedene Weine. Die Trauben aus der grünen Zone werden dann für fruchtigere Weine genutzt, die anderen für Weine mit Charakter.» In diesen Tagen beginnt die Lese.

Die lange vor der Ernte geschossenen Bilder haben eine Auflösung von zwei mal zwei Metern. Das entspricht vier Weinstöcken. «Wir machen Aufnahmen in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau plus Infrarot», erklärt Henri Douche, der beim Satellitenbild-Anbieter infoterra für Agrar und Umwelt zuständig ist. «Die Bilder erlauben auch einen gezielteren Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Das erhöht nicht nur die Effizienz, sondern senkt den Einsatz um 30 Prozent.» Mit einem GPS-Empfänger am Trecker sei eine metergenaue Dosierung kein Problem.

Der Winzer kann auch alle paar Meter im Feld das Mostgewicht der Trauben messen, um beim idealen «Oechsle-Grad» zu ernten. Doch das erlaubt kein Feinsteuern in den Wachstumsmonaten zuvor.

Für Weizen- und Maisbauern bietet Infoterra den Dienst bereits seit Jahren an. Gemessen wird je nach Frucht zum Beispiel die Fläche der Blätter pro Quadratmeter oder der Chlorophyllgehalt. Bei den riesigen Getreidefeldern in der Ukraine oder den USA springt der Nutzen schnell ins Auge. Auch eine Garnelenzucht lässt sich mit Hilfe der Satellitenbilder regulieren. Für Winzer ist das Angebot brandneu. 30 bis 50 Euro koste ein Bild pro Hektar, sagt Douche.

Bisher ist die Weltraumtechnik selbst für Branchengrößen wie Baron Philippe de Rothschild Science Fiction. Man setze auf Handarbeit und beobachte, heißt es dort. Castel setzt als erster die Fotos aus dem All ein. Das Familienunternehmen trennt allerdings Welten von Kleinwinzern, die ihre Handvoll Hektar selbst beackern. Es ist ein in 80 Staaten präsentes Imperium. Mehr als 3000 Hektar bewirtschaften die Castels in Europa und Afrika. Davon entfällt ein Drittel auf Frankreich, wo die Sippe mit Schwerpunkt in der Region Bordeaux 18 Châteaux besitzt. Graves und St. Emilion sind ebenso dabei wie Côtes de Provence, Languedoc und Loire.

Dazu kommen 1500 Hektar in Marokko sowie Flächen in Tunesien und Äthiopien. Sogar in China hat Castel mit einem Partner einen Anbau entwickelt. Die Hälfte des Castel-Weltumsatzes von zwei Milliarden Euro entfällt auf Weine. Das 1949 aus kleinsten Anfängen entstandene Haus braut aber auch Bier («Pelforth», «33 Export», «Doppel Munich») für Weltkonzerne wie SAB Miller, Carlsberg und Heineken. Dazu kommt die Weinhandelskette Nicolas mit 530 Filialen.

So ein Partner ist der ideale Marktöffner für infoterra. Die Tochter des EADS-Unternehmens Astrium hat mit dem französischen Genossenschaftlichen Weininstitut ICV das gemeinsame Angebot für Winzer entwickelt. Infoterra nutzt auch den deutschen Radarsatelliten TerraSAR-X und die französischen SPOT-Satelliten für diverse Dienste.

Und der Wein bei alledem? «Wir wollen homogene Reben für die Ernte, aber keine Homogenisierung der Weine», sagt Crouzet. «Im Gegenteil: Wir können die Weine noch mehr nach dem Kundengeschmack ausdifferenzieren.» Auch die Qualität steige, wenn die Arbeit auch innerhalb einer Feldparzelle nach dem Entwicklungsgrad der Trauben abgestimmt werde. Die Zukunft wird zeigen, ob das stimmt. (Hans-Hermann Nikolei, dpa)