13. September 2010

Weinversteigerungen im Wandel

Gespräch mit Jochen Becker-Köhn, Marketingexperte des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), anlässlich der Weinversteigerung im Kloster Eberbach am 25. September 2010. Becker-Köhn ist stellvertretender Gutsdirektor im Weingut Robert Weil in Kiedrich im Rheingau

Weinversteigerungen gibt es seit mehr als 200 Jahren. Warum sind sie auch heute noch aktuell?

Becker-Köhn: «Früher wurden Fässer versteigert, heute Flaschen. Der Zweck der Veranstaltung hat sich aber auch gewandelt. Dadurch, dass auch Raritäten und Unikate versteigert werden, wird das Image eines Weingutes daran gemessen, was die Leute bereit sind zu zahlen.»

Werden denn nur alte Jahrgänge versteigert?

Becker-Köhn: «Die Raritäten müssen nicht immer alt sein. Für das 100-jährige Jubiläum des VDP versteigern wir zum Beispiel einen ganz besonderen Wein: Der Kiedrich Gräfenberg Riesling, eine Trockenbeerenauslese aus dem Jahr 2003, hat eine ungewöhnlich hohe Mostzahl.» (Das Einstiegsgebot für diesen Wein liegt bei 800 Euro)

Gehören auch jüngere Leute zu den Weinkunden?

Becker-Köhn: «Ja. Jüngere Leute kommen wieder. Gerade der Riesling gewinnt bei den Jüngeren an Renommee. Vor 15 Jahren haben junge Leute bei uns angerufen und gefragt, was sie mit ihrem geerbten Weinkeller machen sollen. Heute fragen sie uns, ob wir mal vorbei kommen und probieren wollen.»

Macht der Alkoholgenuss freigiebiger?

Becker-Köhn: «Nein, die Veranstaltung ist eine sehr professionelle Versteigerung, bei der ein Kommissionär als Mittler für den Kunden auftritt. Schon bei der Vorverkostung wird ihm für gewöhnlich das Gebot mitgeteilt, nachher sitzt der Kunde dann bei seinem Kommissionär am Tisch und kann ihm auf die Finger schauen. Grundsätzlich kann man aber auch sagen, dass Leute, die gerne mit Wein handeln, auch gerne Wein trinken.»

Haben Sie Tipps, wie man Wein trinken kann, ohne zu schnell betrunken zu werden?

Becker-Köhn: «Bei der Vorprobe und während der Versteigerung bekommt man nur 0,02 Liter eingeschenkt, also wirklich nur ein Probierschlückchen. Eine Erinnerung, wie der Wein schmeckt. Eine fachliche Weinprobe ist kein Weintrinken, sondern ein Weinprobieren.»

Gibt es Bräuche, die ein Versteigerungsneuling kennen sollte?

Becker-Köhn: «Wenn ein guter Wein einen besonders hohen Wert erzielt hat, lassen die Besucher aus Anerkennung ihre Brottüten knallen. Das ist aber nur hier im Rheingau üblich. Früher war es so, dass die Kommissionäre Hüte trugen und dann den Hut vor einem guten Wein zogen. Es gibt auch den berühmten Fall der Trierer Weinversteigerung, bei der ein Hereinkommender einen Freund durch Handzeichen grüßen wollte und dies als Gebot verstanden wurde. Davor müssen sich Neulinge allerdings nicht fürchten, denn bei dieser Weinversteigerung können nur die Kommissionäre ein Gebot abgeben.»

(Sabine Geschwinder, dpa)

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