Wein
18. Oktober 2010

Weißer Orléans vom Weingut Racknitz sind älteste Rebstöcke

Ein paar knorrige Wurzeln und Triebe sollen nach Expertensicht die ältesten Rebstöcke Deutschlands auf dem Weingut von Racknitz im Disibodenberger Hof sein. Im Mittelalter wurde es der Sorte Weißer Orléans zu kalt an der Nahe. Der Klimawandel könnte ein Comeback bringen

Auf dem Weinberg der Freifrau von Racknitz schlummerte ein Schatz. Ein Rebsortenkundler fand nun heraus: Die vermutlich ältesten Rebstöcke Deutschlands wachsen im ehemaligen Kloster-Weinberg der Volksheiligen Hildegard von Bingen an der Nahe.

Die schätzungsweise 500 bis 900 Jahre alten Uralt-Reben sind ein Zufallsfund der Weingut-Familie vom Disibodenberger Hof. Ein Test ergab, dass drei der verwilderten Pflanzen zur seltenen Sorte «Weißer Orléans» gehören. Sie haben am Steilhang von Odernheim am Glan in der Nähe von Bad Kreuznach die Jahrhunderte überdauert.

Luise Freifrau von Racknitz-Adams durchstreift seit ihrer Kindheit das elterliche Weingut. Das Weinbaustudium in Geisenheim im Rheingau hat ihr Auge geschult; Rebsortenkunde war dort Pflicht. Aber das mickrige Grün zwischen Brombeerbüschen, Schlehen und Obstbäumen mitten in der Steillage konnte auch sie nicht einordnen.

Das unzugängliche Stück einer uralten Weinberg-Terrasse barg die Überraschung. Die Rebsorte war in Deutschland nahezu ausgestorben, denn die Trauben reifen nur in warmen Spitzenlagen gut. Nach der klimatischen Warmphase im Hochmittelalter sei es für den Orléans schlichtweg zu kalt am Glan gewesen, sagt Rebsorten-Experte Andreas Jung. Er betreibt ein Büro für Rebsortenkunde und Klonzüchtung in Lustadt bei Speyer.

«Mein Vater hat vor 30 Jahren den Berg neu terrassiert», sagt Freifrau von Racknitz-Adams. Wo es zu steil war, blieb der Hang ursprünglich. So überlebten die mittelalterlichen Wurzelstöcke zwischen Weinbergsmauern und Riesling-Reihen. Für Jung krönt der Fund im ehemaligen Klosterweinberg eine dreijährige Studie.

Im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums fahndete er in alten Weinbergen nach vergessenen und übersehenden Sorten. «Nur 26 Traditionssorten sind in Deutschland regulär für die Weinherstellung zugelassen», erklärt Jung. Fast zehnmal so viele hat er auf seiner Reise durch deutsche Weinberge ausfindig gemacht. Das breite Sortenkataster könnte die Zukunft deutscher Weinberge auch in Zeiten des Klimawandels sichern helfen.

Hildegard von Bingen (1098-1179) verfasste in dem Kloster am Disibodenberg ihre zentralen Schriften. Spätestens seit dem elften Jahrhundert gab es dort an der Nahe auch klösterlichen Weinbau - der jedoch 1550 mit der endgültigen Aufgabe des Klosters zum Erliegen kam, weiß Jung. Erst Ende des 18. Jahrhunderts haben die Vorfahren der heutigen Eigner-Familie den Weinbau wieder aufleben lassen. «Und Orléans haben sie garantiert nicht gepflanzt.»

Jung hält den Weißen Orléans vom Disibodenberg nun für die ältesten Rebstöcke Deutschlands. Allerdings fällt der Fund mickrig aus: Kaum mehr als eine Hand voll Wurzeln und ein paar Triebe haben die Jahrhunderte überdauert. Das Guinness-Buch der Rekorde führt einen beindicken Hausstock im slowenischen Maribor als ältesten der Welt. Dieser «Blaue Kölner» soll rund 450 Jahre überdauert haben.

Das Weingut Racknitz hat von den uralten Pflanzen einige Edelreiser zur Vermehrung geschnitten. «Wir planen eine kleine Musteranlage mit Orléans-Stöcken», sagt Luise Freifrau von Racknitz- Adams. Falls es dem Riesling zu heiß werden sollte, fühle sich vielleicht der «Weiße Orléans» wieder in Deutschland wohl. (Christine Tscherner, dpa)