WEIN
23. Februar 2010

Winter im Weinberg

Der Rebschnitt entscheidet über Qualität des Weins

Ein eisiger Wind weht über den Weinberg, der Atem von Ina Keßler kondensiert in der Luft und bildet kleine Wölkchen. Schon seit Stunden schneidet die gelernte Weinbautechnikerin in den Weinbergen nahe der unterfränkischen Gemeinde Prichsenstadt (Landkreis Kitzingen) Rebstöcke. Nach der Lese im Herbst ist der Rebschnitt die Hauptaufgabe der Winzer im Winter. Insgesamt wird in Franken auf 6300 Hektar Wein angebaut.

Von Januar bis März werden die verzweigten Weinstöcke auf zumeist einen Trieb gekürzt. An diesem Haupttrieb liegen die sogenannten Augen - Knospen, aus denen später neue Triebe, Blätter und Weintrauben entstehen. «Je mehr Triebe und Augen wir stehen lassen, umso höher ist der Ertrag, aber umso geringer die Qualität der einzelnen Trauben», erklärt der Geschäftsführer des Weinbaurings Franken, Artur Baumann. Beim Rebschnitt müsse der Winzer also zwischen Quantität und Qualität der Weintrauben entscheiden.

Etwa fünf Minuten braucht Ina Keßler, um einen Rebstock mit der Elektroschere auszudünnen und überflüssige Triebe abzuschneiden. Am Ende sind 90 Prozent des Geästs entfernt. Neben dem Rebschnitt mit der Hand gibt es auch die Möglichkeit, eine vollautomatische Schneidemaschine einzusetzen - in Franken kommt sie allerdings eher selten zum Einsatz. «Die Technik anzuschaffen lohnt sich erst bei größeren Betrieben, dafür sind die meisten fränkischen Winzer zu klein», sagt Baumann vom Weinbauring, der Selbsthilfeorganisation der fränkischen Winzer.

Mit mehr als 150 Hektar zählt das Juliusspital Würzburg zu den größten Weingütern in Deutschland. «Der Rebschnitt ist nach der Lese die aufwendigste Arbeit», sagt Weingutsleiter Horst Kolesch. Beim Juliusspital kürzten zunächst Maschinen die Rebstöcke grob, den feinen Rebschnitt müssten die Winzer per Hand selbst übernehmen. Außerdem seien ausländische Saisonarbeiter im Einsatz, die einfachere Aufgaben wie das Herausziehen des Holzes aus dem Weinberg übernähmen.

Rund 80 Prozent des Rebschnitts ist im Juliusspital schon gemacht, die fränkischen Winzer sputen sich, die Arbeit abzuschließen. «Bis Ende März sollte der Rebschnitt abgeschlossen sein, sonst weint die Rebe», sagt Hermann Schmitt, Geschäftsführer des Fränkischen Weinbauverbandes. Mit steigenden Temperaturen im Frühjahr erwacht die Rebe und treibt aus. An den Schnittstellen beim Rebschnitt bilden sich dann kleine Safttropfen, die sogenannten Rebtränen. Bis zu einem Liter Tränen kann eine Rebe in 24 Stunden produzieren.

Neben dem Rebschnitt gibt es im Winter auch Arbeiten im Weinkeller zu verrichten. «In den Tanks liegt momentan der Wein der letzten Lese», erklärt Ina Keßler, die als Kellermeisterin im heimischen Betrieb fungiert. Der Gärungsprozess sei seit Dezember abgeschlossen, nun müsse der Jungwein in den Tanks reifen. Bevor der Rebsaft in einigen Wochen abgefüllt werden kann, muss er noch geschönt werden; das heißt Trübstoffe werden gebunden und ausgefiltert, damit der Wein klar bleibt.

«Früher war es so: Die Trauben wurden gelesen, gepresst, in ein Fass gefüllt, und am Ende wurde geschaut, ob der Wein etwas geworden ist oder eben nicht», erzählt Baumann. Heutzutage unterliegt die Weinherstellung einer ständigen Kontrolle. Über Säure-, Schwefel- und Eiweißgehalt des Traubensaftes können Geschmack und Qualität des Weins gesteuert werden. Man könnte meinen, Weinbauer müssten verkappte Chemiker sein. Doch das hört die Winzerin Keßler gar nicht gerne.

Viel wichtiger als sich stur nach Messwerten zu richten, sei schließlich das Riechen und Schmecken des Weines. «Ab der Lese probiere ich jeden Tag», sagt sie. Sind nach dem Winter schließlich Rebschnitt und Kellerarbeit verrichtet, heißt es keineswegs Füße hochlegen. Im Frühjahr wartet schon die Bodenpflege im Weinberg. «Für uns Winzer gibt es eben keinen Urlaub.» (Theresia Keupp, dpa)