Reise
10. Juni 2014

WM-Report: Wo Brasiliens Fußballherzen für Deutschland schlagen

Foto: pitopia

WM-Spezial der Gourmetwelten: Oktoberfest, Fachwerkhäuser, Dirndlkleider: In Brasilien gibt es deutsche Bilderbuchstädte, in denen man Bratwurst isst, Volksmusik hört und der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drückt

Von Manuel Meyer

Kathleen Suzan Zwicker muss nicht eine Sekunde lang überlegen: "Für wen ich bei der Fußballweltmeisterschaft bin? Ganz klar für Deutschland". Brasiliens Seleção finde sie zwar gut. Die Daumen aber drückt sie nicht Dante und Neymar, sondern Philipp Lahm und Manuel Neuer. Angesichts ihrer blauen Augen, ihres blondes Haares und ihren deutschen Nachnamens verwundert die Antwort nicht weiter. Doch Kathleen ist Brasilianerin und war noch nie in Deutschland.

"Ich mag vielleicht einen brasilianischen Pass haben. Aber mein Herz schlägt deutsch", entgegnet die 24-Jährige in fast akzentfreiem Deutsch. Sie tanzt auch lieber zur Volksmusik als zu brasilianischen Samba-Rhythmen. Auf ihrem Handy hat sie fast ausschließlich deutsche Musik, von den Toten Hosen über DJ Ötzi bis hin zu Andy Borg und Matthias Reim. Hier in Blumenau im Süden Brasiliens ist Kathleen keineswegs die einzige, die so denkt und fühlt. Das schwüle Klima, die tropische Berglandschaft und die Nähe zum Südatlantik lassen es kaum vermuten, aber viele Blumenauer haben deutsche Wurzeln, sprechen zu Hause noch deutsch und fiebern bei der kommenden Fußballweltmeisterschaft für das Team von Bundestrainer Joachim Löw.

Zu Weihnachten werden hier unterm Tannenbaum deutsche Weihnachtslieder gesungen und zu Ostern bemalte Ostereier gesucht. Ein Brauch, den man in Brasilien sonst nicht kennt. In Blumenau steigen Besucher im Hotel "Steinhausen" oder im "Blumenhof" ab. Deutsche Fachwerkhäuser zieren die Innenstadt. Wie die anderen deutschen Volkstanzgruppen in Blumenau hat auch die "Grupo Folclórico Germânia" kaum Nachwuchsprobleme. "Wir haben derzeit rund 30 Mitglieder zwischen 15 und 40 Jahren", sagt Giovani Mette. Sein Vorname lässt ahnen, warum viele der Tänze und Trachten aus Tirol kommen.

Nicht wenige Blumenauer aber heißen Meier, Müller oder Schmidt, sind deutlich blasser als ihre Landsleute und haben blondes Haar. Selbst das Rathaus erinnert noch daran, dass Blumenau 1850 von deutschen Auswanderern gegründet wurde. Genauer: Von dem aus Sachsen-Anhalt stammenden Apotheker Hermann Blumenau, nach dem die deutsche Kolonie schließlich benannt wurde. In den meisten Fällen waren es die Urgroßeltern der heutigen Einwohner, die im 19. Jahrhundert, während der Weimarer Republik oder im Zuge des Zweiten Weltkriegs nach Brasilien auswanderten.

Blumenau ist in den vergangenen Jahrzehnten allerdings zu einer mittelgroßen Stadt von fast 250 000 Einwohnern angewachsen. Brasilianer aus anderen Regionen sind zugezogen. Auch viele italienische und polnische Auswanderer kamen in die Stadt. Die deutschstämmigen Blumenauer werden immer weniger. "Sprach hier früher rund die Hälfte aller Einwohner noch deutsch, sind es heute höchstens noch 20 Prozent", sagt Kathleens Zwickers Vater Renato in einem etwas stockendem Altplattdeutsch. Wie viele andere deutschstämmige Brasilianer in Blumenau versuchen auch er und seine Frau Suely, die Traditionen, die Kultur und die Sprache ihrer Vorfahren am Leben zu halten.

"Wir sprechen zu Hause fast nur deutsch", bestätigt auch Hellory, Kathleens jüngere Schwester. "Für uns ist es ein Traum, irgendwann einmal für eine Zeit in Deutschland zu leben", meint Hellory, die trotz ihrer erst 18 Jahre bereits Vorsitzende der rund 40 deutschen Schützenvereine in Blumenau ist. Kathleen selbst war bis vor kurzem noch amtierende Schönheitskönigin Blumenaus. Ihre repräsentativen Aufgaben auf deutschen Volksfesten und Veranstaltungen der Schützen- und Tanzvereine nehmen beide selbstverständlich im Dirndl wahr.

Zum Beispiel beim Blumenauer Oktoberfest: Mit rund 450 000 Besuchern ist es das weltweit größte außerhalb Deutschlands. "Viele Besucher kommen im Dirndl oder in Kniebundhosen und Filzhut", versichert Ricardo Stodieck, Vorsitzender der Vila Germânica, die das Oktoberfest ausrichtet. Die Vila Germânica mit der Oktoberfesthalle, Fachwerkhäusern und deutschen Restaurants ist eine Art "deutscher Themenpark" und entstand erst 1984, um Touristen anzuziehen und so die lokale Wirtschaft wieder anzukurbeln. Vielen deutschstämmigen Brasilianern dient er dazu, sich zu treffen und ihre deutsche Kultur zu leben.

Auch Pomerode, Blumenaus Nachbarort im "Europäischen Tal" lockt die Besucher mit deutscher Folklore - vielleicht ist er sogar noch ein wenig deutscher als Blumenau. Denn in Pomerode reiht sich ein Fachwerkhaus an das nächste. Im Gegensatz zu Blumenau sprechen hier noch sehr viele deutsch. Lokalbrauereien wie Schornstein und Eisenbahn brauen ihr Bier nach deutschem Reinheitsgebot. Viele Restaurants sind nach deutscher Gaststuben-Art dekoriert. So auch das "Wunderwald", in dem Kellnerinnen im Dirndl und zu deutscher Volksmusik erstklassiges Eisbein mit Sauerkraut, gefüllte Ente mit Rotkohl und sogar "Hackepeter" servieren.

"Ein Volk ohne Tradition ist wie ein Mensch ohne Erinnerung: Er weiß nicht, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht", steht auf der Speisekarte. Diesen Spruch hat sich die Familie Siewert zu eigen gemacht. Stolz zeigt Rogério Besuchern das über 100 Jahre alte Fachwerkhaus, das sein Urgroßvater errichtete und in dem er heute mit seinen Eltern Wendelin und Rovena, seiner Frau Adriana und seinen beiden Kindern lebt. "Wir sind bereits die sechste Generation hier", sagt er in einem veraltet klingendem Plattdeutsch und zeigt einen Familienstammbaum. Den ließ er erstellen, damit seine Familiengeschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Das Erbe der Vorväter will man auch im "Wolfgang Weege" bewahren. Es dient heute als Einwanderermuseum. Bereits seit einigen Jahren wirbt Pomerode erfolgreich mit seiner deutschen Vergangenheit, Kultur und Architektur. "Seitdem immer mehr Touristen wegen unserer deutschen Kultur und Feste kommen, besinnen sich auch immer mehr Einwohner ihrer deutschen Wurzeln", sagt Rejane Koch vom lokalen Fremdenverkehrsamt. Die Kinder lernen sogar wieder mehr Deutsch in der Schule. dpa