Automobil
05. Februar 2019

Wohnwagen und Caravans schrumpfen Der neue Roadtrip-Trend

Foto CIVD

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Liebling, ich habe den Camper geschrumpft: Das Angebot an kompakten Wohnmobilen und Caravans wächst. Die Hersteller werben mit gleichbleibendem Wohnkomfort auf weniger Platz. Die neuen Kleinen taugen auch für den Alltagseinsatz.

Von Stefan Weißenborn

Weniger ist mehr, oder wie es Bayram Koc ausdrückt: «Das Entscheidende ist nicht die Größe, sondern das Wesentliche ist entscheidend.» Koc ist Geschäftsführer der Kaiser Fahrzeugbau im westfälischen Ascheberg und hat vor einigen Jahren den Trend zur Schrumpfkur, zu immer kleineren Fahrzeugen erkannt, der auch die Reisemobil- und Caravanbranche erreicht hat.

Noch 2015 war Koc mit Prototypen des Teardrop Caravan unterwegs, erwägte die Pros und Contras, bis 2016 das erste handgefertigte Verkaufsmodell fertig war: ein tropfenförmiger Wohnwagen in den Abmessungen eines Kleinstwagens und damit weit kompakter als gewöhnliche Wohnwagen.

Beim Caravaning Industrie-Verband (CIVD) verzeichnet man schon seit Jahren, dass immer kompaktere Fahrzeuge angeboten werden, doch laut Geschäftsführer Daniel Onggowinarso spitzt sich der Trend zu. «Wir sehen, dass die Leute im Urlaub zusehends den Roadtrip-Charakter wollen und nicht mehr so lange an einem Ort bleiben. Dazu eignen sich vor allem kompaktere Fahrzeuge, die einfacher zu handeln sind.» Mit einem Zehn-Meter-Wohnmobil durch enge Gassen in Süditalien zu fahren - das wollen viele Kunden offenbar erst gar nicht ausprobieren.

Kocs konkrete Idee ist indes uralt: «Die Teardrop-Form gab es schon in den Vierzigern in den USA.» Neu ist aber: Kaiser Fahrzeugbau sei der erste Hersteller, der das Konzept in Deutschland verwirklicht. Es gibt mit dem Kulba Teardrop noch einen ähnlichen Hänger - die Kochzeile ebenfalls unter der Heckklappe - doch produziert wird dieser mit 3,34 Meter Länge ebenfalls sehr kompakte Wohnwagen in Lettland. Mit dem Mini K Family aus Tschechien und dem Caretta 1500 aus der Türkei gibt es weitere Konkurrenzmodelle. Ein wahres Leichtgewicht ist der leer 470 Kilo wiegende Steeldrop mit Edelstahlaußenhaut aus der Ukraine.

Aber auch der knapp 11 000 Euro teure Teardrop von Kaiser ist mit 600 Kilo so leicht, dass man ihn an der Deichsel geführt per Hand rangieren kann. Man hat fließend Wasser, Schlafplatz für zwei und auf Wunsch eine Diesel-Standheizung oder Solarpanel auf dem Dach. Verzichten muss der Camper auf Toilette, Dusche, und gegessen wird draußen am Anklapptisch. Dass man gewissermaßen gezwungen sei, in der Natur zu sein, sieht Koc als Vorteil: «Es ist ja Camping.»

Auch alteingesessene Hersteller greifen den Kompakttrend auf. So hat Adria den Aviva 360 DD ab 11 900 Euro im Programm, Außenlänge 4,14 Meter ohne Deichsel, leer 740 Kilo schwer, drei Schlafplätze, auch Kassettentoilette und Duschwanne sind dabei.

Dethleffs Caravan-Zwerg Coco ist etwas größer. Die Marke wirbt mit einer Aufbaulänge von 4,60 Meter. Der mit 18 800 Euro und einem Leergewicht von gut 700 Kilo gelistete Wohnwagen bietet zwei Schlafplätze, darüber hinaus Wohnraum und Bad, das allerdings nur aus einem platzsparenden Kippwaschbecken und einer Kassettentoilette besteht. Auch der Touring von Eriba, ein Modell im Retro-Look, bleibt unter der Marke von fünf Metern und bietet bis zu vier Schlafplätze.

Laut CIVD verzichten die neuen kleineren Wohnwagen vor allem bei den Traditionsmarken auf kaum etwas, was es nicht auch in größeren Modellen gibt. «Der kleinere Raum bedeutet keinen Verzicht», sagt Onggowinarso. Es sei die technologische Entwicklung, die dies ermögliche, denn auch viele Dinge im Innenraum sind geschrumpft: LEDs benötigen weniger Bauraum als Glühbirnen, TV-Bildschirme sind längst flat, es gibt Zusatzböden und clevere Klapplösungen, die den Raum multifunktional nutzbar machen.

Mit elektrischen Komponenten - wenn zum Beispiel Heizung, Fernsehen, Klimaanlage, Licht oder Wasserfüllstände über ein Panel oder per App zentral gesteuert oder kontrolliert werden können - steigt aber auch das Gewicht. «Dem wird mit Leichtbau entgegengesteuert», so Onggowinarso. Und wenn das Gespann dann doch einmal samt Zuladung die 3,5-Tonnen-Grenze überschreiten sollte, können Fahrer den Zusatzführerschein B96 machen. «Das ist ein eintägiger Kurs mit theoretischem und praktischem Teil.» Wer besteht, darf mit einem Gespann von bis zu 4,25 Tonnen in den Urlaub starten.

Für Wohnmobile gibt es eine vergleichbare Zusatzlizenz nicht - aber angesichts des laut CIVD stark gewachsenen Angebots an kleinen Fahrzeugen auf Basis von Hochdachkombis oder Vans benötigen Reisemobilisten sie auch nicht unbedingt. «Im Vanbereich hat sich einiges getan», stellt Onggowinarso fest. So kommen immer mehr Basisfahrzeughersteller hinzu. Das zeigt auch der Pössl-Umbau des Citroën Spacetourer mit Aufstelldach, Campster getauft, als Alternative zum 7500 Euro teureren VW California.

Bei Fiat muss nicht mehr alles auf dem Ducato basieren, auch den Talento im Kleinbusformat gibt es als Camper - von Karmann Mobil. Nissan bietet den mit fünf Metern gleich langen Lieferwagen NV300 als campingtauglichen Michelangelo mit Bettmodul und Küchenzeile. Den mit gut 4,50 Meter ultrakompakten Nissan Evalia findet man als Umbau allerdings nur bei kleinen Spezialfirmen. Einen Grund, aus dem sich die Wohnmobile auf Van-Basis wachsender Beliebtheit erfreuen, sieht Onggowinarso auch in ihrer doppelten Nutzbarkeit: «Sie taugen anders als große Reisemobile für den Alltagseinsatz - die Kinder von der Schule abholen, den Wochenendeinkauf erledigen.»

Und auch eine Fahrzeuggattung tiefer wächst das Camping-Angebot: VW bewirbt den 4,53 Meter kurzen Caddy Beach mit Liegen und Außenzelt als «kleine mobile Ferienwohnung». Auf Basis des 30 Zentimeter längeren Caddy Maxi als Ausbau von Reimo bekommt man dann auch noch Kochgelegenheit, Waschbecken, Tisch und Schränke dazu. Ebenfalls bei Spezialfirmen zu bekommen: Nachrüstsets mit Bett, Schränken und Kochmodulen für den Kofferraum von Minivans wie dem VW Touran.

Selbst fürs Fahrrad gibt es mittlerweile Wohnanhänger. Dethleffs zeigte mit dem Modell Biker auf dem Caravan Salon 2010 ein solches Konzept, als reines Showobjekt. «Die Resonanz war riesig», sagt Marken-Sprecher Helge Vester. «Wir haben das damals nicht weiter verfolgt.» Heute, in Zeiten des E-Bike-Booms, «wäre die Situation eine ganz andere». Konkrete Pläne, den Biker wiederzubeleben, verfolgt Dethleffs trotzdem nicht.

Nägel mit Köpfen macht die dänische Firma Wide Path Camper: Das gleichnamige Gefährt ist ein von 1,50 Meter auf 2,80 Meter ausziehbarer 45 Kilo wiegender Miniwohnwagen fürs Fahrrad, der ein rund zwei mal knapp ein Meter messendes Bettmodul bietet, das zu Bank und Esstisch umfunktioniert werden kann. Das optionale Küchenpaket enthält Ofen, Kühlbox, Spülschüssel und einen faltbaren Wassertank, auch Solarzellen und USB-Buchsen gibt es. Die Preise beginnen bei 4000 Euro pro Mini-Camper. Das erscheint viel - doch immerhin kommt man ohne ein motorisiertes Zugfahrzeug aus. dpa