Auf den Spuren der Cherokee in Tennessee

Von Tina Eck

Auf der Wiese im regenverhangenen Tal des Tennessee River tanzen Indianer. Rhythmisches Kriegsgeheul ertönt. Die Männer tragen Leder-Gamaschen, Mokassins, und sie haben Federn im lackschwarzen Haar. Die Gesichter mit den breiten Wangenknochen sind bunt bemalt, der Ausdruck grimmig. Sie tanzen den Bärentanz - immer im Kreis, zur Musik von Trommeln und Flöten, geduckt umeinander schleichend, kraftvoll, beeindruckend. Und das hier im tiefen Süden der USA, der für Country Musik, Gospel und Elvis Presley berühmt ist.

Aber im «Sequoyah Birthplace Museum» nahe der Kleinstadt Vonore am Cherokee National Forest erinnern die Cherokee-Indianer von Tennessee an ihre Vergangenheit. Dieses Fleckchen Erde war einst ihr Stammesland. Heute tanzen sie in traditioneller Jagd-Kleidung, in der sie vor mehr als 175 Jahren durch die Smoky Mountains streiften.

«Normalerweise tragen wir keine Indianer-Tracht», sagt Sony Ledford, ein Baum von einem Mann. In seinem feuerroten Indianerhemd mit dem Tomahawk in der rechten Hand wirkt er bedrohlich - bis er lacht. «Dieses Big Island Festival findet nur einmal im Jahr im Herbst statt» erklärt Sony. Er ist in Jeans und Lederjacke mit dem Motorrad hierher gefahren, arbeitet als Automechaniker und lebt in einem kleinen Farmhaus. Nur für das Island Festival legen er und seine Stammesbrüder die traditionelle Kluft der Vorfahren an.

Bei dem Freiluft-Festival lernt der Besucher viel über die Cherokee: Kultur, Kunst, Essen, Sprache, Lebensweise. Und er erfährt von ihrer Vertreibung von hier. Sequoyah, zu dessen Ehren das Museum in Vonore errichtet wurde, war ein Häuptling der Cherokee, dazu ein Schmied und Denker, der für die Stammesmundart um 1820 ein Alphabet schuf. Mit dem Museum wird versucht, Geschichte und Kultur einer Zivilisation zu bewahren, deren dramatisches Schicksal lange verdrängt worden ist.

Schon vor 8000 Jahren besiedelten Einwanderer aus Asien die heutigen Bundesstaaten Georgia, North Carolina und Tennessee im Südosten der USA. Sie waren die Ahnen der Cherokee und anderer Stämme wie der Creeks, Choctaw und Chicasaw. Im 16. und 17. Jahrhundert kamen Spanier und Franzosen, und mit ihnen kamen Krankheiten wie Masern und Pocken, die die Indianer schnell dahinrafften. Als die Engländer um 1800 von der Atlantikküste ins Landesinnere vordrangen, wurden die dramatisch dezimierten Stämme weiter nach Westen verdrängt.

Jahrzehntelang gelang es den Indianern, mit den Einwanderern Seite an Seite zu leben. Land wurde mit Einzelverträgen parzellenweise an die weißen Goldsucher und Bauern verkauft. Es wurde rege gehandelt: Die Indianer tauschten Bären- und Biberfelle, Hirschhäute und Lederprodukte gegen Waffen, Schnaps und Textilien. 1830 lebten im Herzen von Tennessee noch rund 18 000 Cherokee.

Ihr Alltag war weit entfernt vom Klischee einer kriegerischen Rothaut auf Mustang mit Kriegsbemalung und Federschmuck. Die Indianer hatten sich in der Zeit der friedlichen Koexistenz an die Einwanderer angepasst, sie lebten in Bauernhäusern, nicht in Tipis. Die Kinder gingen in Schulen der Weißen.

Der Mocassin Bend in der Stadt Chattanooga, Drehkreuz und größter Handelsplatz des Südens, war der Ort, von dem sich die Cherokee nicht weiter nach Westen drängen lassen wollten. Damit wurde Chattanooga zum Ausgangspunkt ihres «Trail of Tears», des «Pfades der Tränen».

Der damalige Präsident Andrew Jackson setzte den Indian Removal Acts gnadenlos um. Das Gesetz von 1836 sah die Zwangsumsiedelung der Stämme aus Tennessee und Georgia ins dünn besiedelte Oklahoma vor. Die weißen Einwanderer wollten die Vorherrschaft über das kostbare Farmland mit den vermuteten Goldschätzen und den strategisch wichtigen Wasserwegen nahe der US-Ostküste erzwingen. Die Indianer waren im Weg. Das Ultimatum für den Exodus lief 1838 aus.

Nur eine kleine Minderheit der Cherokee erklärte sich bereit, freiwillig im Westen ein neues Leben zu beginnen. Nach wochenlangen, hitzigen Debatten am Versammlungsort Red Clay stimmte die Mehrheit gegen das Gesetz. Und so wurden die Indianer mit Gewalt vertrieben.

Soldaten zwangen die Cherokee in Sammellager, rissen Familien auseinander, trieben sie mit Waffen in teils überladene Boote an die Anlegestellen in Chattanooga, Charleston und Blythe's Ferry. Die Cherokee wurden gezwungen, mitten im Winter mit zu wenig Kleidung, Nahrung und Wasser den 900-Meilen-Treck gen Westen anzutreten.

Ausgemergelte Ponys zogen die Planwagen mit dem Hab und Gut. Viele Menschen, vor allem Frauen und Kinder, starben auf der dreieinhalb Monate dauernden Reise durch unwegsames Gelände nach Oklahoma. Es gab einen Nord- und einen Südweg, dazu eine Wasserroute. Alle waren gleich brutal. Ein Viertel der Vertriebenen habe die Tortur nicht überlebt, steht heute in den Geschichtsbüchern. «Nunna daul Isunyi» nannten die Cherokee diese Tragödie, «der Weg, auf dem wir weinten».

Daryl Black steht am Ufer des Tennessee River in Chattanooga und erklärt die Gedenkstätte, die hier an den schmerzvollen Weg der Cherokee erinnert. Sie besteht aus einer Treppe mit Wasserfall, die direkt vom Stadtzentrum hinunter an den Fluss führt, an die ehemalige Anlegestelle Ross's Landing. In die Wand sind sieben große Wappen aus Keramik eingelassen - die Symbole der verschiedenen Clans, die hier auf die Boote gezwungen wurden.

«Wasser hat für die Cherokee immer eine große Bedeutung gehabt», erklärt Black, Experte vom historischen Institut in Chattanooga. «Der Fluss war Handelsweg, aber gleichzeitig auch eine heilige Stätte für spirituelle Rituale und Zeremonien.» Umso schmerzvoller ist die Erinnerung an die Tragödie, die sich hier an der Anlegestelle Ross's Landing vor 170 Jahren abgespielt hat.

Black zögert nicht, die Vertreibung der Indianer mit dem Völkermord im Kosovo zu vergleichen. Seit 1838 habe sich die Nation der Cherokee aber wieder gut erholt. Sie haben ihre Sprache bewahrt, bringen eigene Zeitungen heraus und repräsentieren ihre Nation in Oklahoma.

Viele Gemeinden in Tennessee haben mittlerweile Geld gesammelt, um Gedenkstätten zu errichten wie das Cherokee Removal Museum in Blythe's Ferry. Hier spielt Shirley Hoskins eine wichtige Rolle. «Ich wusste immer, dass ich Cherokee-Blut in mir habe», sagt Shirley, «aber ich wusste nichts über die Deportation». Die kohlschwarzen Augen im faltigen Gesicht der Dame lassen die indianische Herkunft erahnen. Sie sind voller Tränen.

Die 75-Jährige wurde in Oklahoma geboren. Erst spät erfuhr sie nach ihrem Umzug nach Tennessee von dem traurigen Schicksal ihrer Vorfahren. Von da an erforschte sie ihre Familiengeschichte in Büchereien und Gerichtsunterlagen. Sie entdeckte Ur-Ur-Ur-Opa und -Oma in den Logbüchern der Vertreibung. Und seitdem hat sich Shirley dafür eingesetzt, an einem Stausee in der Nähe von Dayton ein kleines Museum zu bauen.

Im Inneren der Blockhütte sind indianische Keramik, Waffenteile und Küchenutensilien in Vitrinen ausgestellt. Draußen ist der «Trail of Tears» in einem begehbaren Steingarten und auf einer riesigen Landkarte aus Marmor nachgezeichnet. Ein Wanderweg führt zu einem spektakulären Aussichtspunkt, ein anderer an die Anlegestelle Blythe's Ferry, von der die Cherokee damals abtransportiert wurden.

Die Reise durch die Vergangenheit der Cherokee führt weiter zum Red Clay State Park in der Nähe von Collegedale. Hier brennt das ewige Feuer als Erinnerung an den Treck. «Die Cherokee nahmen das Feuer, das hier an ihrem Versammlungsort immer brannte, mit auf die Reise», erklärt Park Rangerin Erin Medley. In einem Eisentopf trugen sie es bis nach Oklahoma und entzündeten damit nachts die Lagerfeuer.

Die Versammlungshallen für die oft langen politischen Treffen wurden hier nachgebaut. An der blauen Quelle strömt eiskaltes, durch Mineralien blau schimmerndes Wasser aus einer Höhle. Hier hielten die Cherokee einst ihre Zeremonien ab.

Zurück am Sequoyah Birthplace Museum in Vonore geht das Big Island Festival zu Ende. Die Musik ist verstummt, die Zelte mit indianischem Pemmikan, Maisbrot und Trockenfleisch werden abgebaut. Flötenbauer Frank «Standing Eagle» Taylor packt seine Instrumente zusammen, «Miss Cherokee» Rachel Hicks genießt die letzten Wochen mit ihrer Krone, bald stehen wieder Miss-Wahlen an. Sony und seine Kumpel sammeln ihre Waffen ein: Blasrohre, Tomahawks und Keulen, mit denen ihre Vorfahren mühelos einen Feind getötet hätten.

Aber heute herrscht eine Stimmung der Versöhnung und des Stolzes: darauf, dass die Geschichte der Cherokee und ihres Leidenswegs erzählt wird, hier in Tennessee. dpa

Trail of Tears 

Reiseziel: Der Südosten von Tennessee ist am besten über einen Direktflug nach Atlanta mit Anschlussflügen nach Chattanooga oder Knoxville zu erreichen. Die Autofahrt ab Atlanta dauert gut zwei Stunden. Mietwagen sind in den Bundesstaaten Georgia und Tennessee preiswert.

Anreise: Für eine weniger als drei Monate dauernde Reise in die USA brauchen Deutsche kein Visum. Sie müssen aber unter esta.cbp.dhs.gov eine elektronische Einreiseerlaubnis einholen (ESTA-Verfahren). Diese kostet 14 US-Dollar (etwa 9,65 Euro) und gilt zwei Jahre lang.

Reisezeit: Beste Reisezeiten für den Süden der USA sind Frühjahr und Herbst mit Durchschnittstemperaturen um 25 Grad. Im Sommer wird es oft subtropisch heiß und schwül.

Unterkunft: Vom Luxushotel in Chattanooga mit Preisen von 150 Dollar pro Nacht bis zu preiswerten Herbergen in den Orten Etowah und Cleveland mit Zimmern für 40 Dollar ist im Südosten von Tennessee alles vorhanden. Restaurants bieten zum Teil echte US-Südstaatenküche: große Portionen Catfish, Bohnen, Biscuits und Maisbrot zum kleinen Preis.

Informationen: Der USA-Spezialveranstalter AAR Reisen organisiert Touren in die Region, speziell zu den Attraktionen der Cherokee (aartravel.com). Tennessee Tourism, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld (Tel: 0521/986 04 15, tennessee.de)