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03. August 2014

BBQ-König Grillkultur im Wandel

Foto Pitopia

Deutsche Grill- und BBQ-Meisterschaft in Schweinfurt: Fünf-Sterne-Küche mit archaischem Reiz

Deutschlands Brutzel-Szene sucht einen neuen Grillkönig. 43 Teams treten heute ab 10.30 Uhr bei der Deutschen Grill- und BBQ-Meisterschaft im unterfränkischen Schweinfurt an. In sieben verschiedenen Gängen müssen die Bewerber ihr Können unter Beweis stellen.

Das Programm reicht von Bratwurst über Fisch und ein vegetarisches Barbecue bis hin zum Dessert vom Grill. Die Teams bereiten sich oft monatelang auf den Wettbewerb vor und tischen raffinierte Gerichte auf. So gab es im vergangenen Jahr beispielsweise ein Cordon bleu von der Wurst.

130 Juroren bewerten die Speisen. Die German Barbecue Association sucht jeweils den Deutschen Meister in der Amateur- und in der Profiklasse. Der Chef des besten Profiteams erhält zudem den Titel des «Deutschen Grill- und BBQ-Königs». Im vergangenen Jahr waren bei der 18. Auflage der Meisterschaft nach Angaben der Veranstalter gut 10 000 Besucher ins württembergische Göppingen gekommen.

Die Bratwurst auf den Rost und einmal wenden - damit ist es für viele Grillfreunde nicht mehr getan. Die Szene hat sich professionalisiert und berichtet von wachsendem Zulauf. «Das ist eine Fünf-Sterne-Küche geworden», sagt der Präsident der German Barbecue Association (GBA), Andreas Huberti.

GRILLNATION: Grillen ist Kult. Zwei Drittel der Deutschen essen laut einer aktuellen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov mindestens ab und zu Bratwurst und Co vom Rost, 30 Prozent sogar regelmäßig oder sehr oft. «Das ist absolut massentauglich», sagt der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt von der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen. «Das ging erst Ende der 1980er Jahre los, dass Grillen den öffentlichen Raum erobert hat. Aber heute wird ja fast überall gegrillt.»

MÄNNERSACHE: Die Grillzange ist traditionell das Zepter des Mannes, wie auch GBA-Präsident Huberti bestätigt. Er sieht die Herrschaft über den Rost sogar als «Emanzipation des Mannes im Zubereitungsbereich». Allerdings: Während immer mehr Männer kochen, habe sich umgekehrt auch das Grillen für Frauen geöffnet. «Gott sei Dank gibt es immer mehr Frauen, die sich an den Grill wagen», sagt Rudolf Jaeger, Autor mehrerer Grillrezeptbücher. Auch bei der Grillmeisterschaft sind inzwischen in fast jedem Team Frauen dabei.

NEUE VIELFALT: Die Klassiker Steak und Bratwurst sind zwar weiter das A und O der meisten Grillpartys, aber längst geht es auch ausgeklügelter zu. «Das ist nicht mehr die klassische Geschichte: Frau macht den Salat, Mann verbrennt das Fleisch», betont Huberti. Eine wachsende Szene begeisterter Griller experimentiert mit neuen Gerichten - Beispiele: Austern, Foie gras oder sogar Fruchtstrudel. «Es ist raffinierter geworden in dem Sinne, dass man mehr ausprobiert», sagt Autor Jaeger. Allerdings: «Ein Großteil der Leute in Deutschland grillt noch wie vor 20 Jahren», meint er. Die Klassiker Salat, Brot und Soßen führen laut YouGov denn auch die Hitliste der Beilagen an. Gerade für 46 Prozent der Befragten gehört Gemüse auf jeden Fall dazu.

FLEISCHESLUST: Herkunft und Qualität werden wichtiger - da fügt sich die Grillszene in allgemeine Trends zu einer bewussteren Auswahl von Nahrungsmitteln ein. Manche ordern über spezielle Online-Shops Raritäten wie am Knochen getrocknetes Fleisch («Dry Aged»). Für die meisten kommt Grillfleisch aber aus dem Supermarkt: 62 Prozent kaufen laut YouGov dort, 30 Prozent beim Metzger.

VEGGIE-GRILLEN: Zwar gibt es inzwischen viele fleischlose Rezepte für den Grill - laut der Umfrage liegen Gemüse (7 Prozent) und Tofu-Produkte (4 Prozent) aber nur bei wenigen in der Brutzel-Gunst vorn. «Es ist nicht so, dass das vegetarische Grillen sich in der Breite durchgesetzt hat», sagt Freizeitforscher Reinhardt.

STATUSSYMBOL: Die Grillszene hat aufgerüstet. Der Grill sei inzwischen ein Statussymbol, so Reinhardt. «Wer nur noch einen einfachen Kugelgrill hat, wird ja fast schon belächelt. Da muss es schon so eine Art Multifunktions-Outdoor-Küche sein.» Das geht ins Geld, die Oberklasse kostet schon mal mehrere Tausend Euro. Laut dem Kölner Institut für Handelsforschung knackte die Branche 2012 die Eine-Milliarde-Euro-Marke beim Umsatz und legte im Jahr darauf nochmals zu.

GLAUBENS- ODER KOSTENFRAGE: Für die meisten Deutschen gehört zum Grillen der Geruch brennender Holzkohle. 70 Prozent bevorzugen laut YouGov einen Kohlegrill, 18 Prozent Elektrogrills, nur 9 Prozent einen Gasgrill. Für Puristen schafft nur Holzkohle das echte Grillgefühl. Gasgeräte seien jedoch besser steuerbar und klar im Aufwind, so Verbandspräsident Huberti. Sie sind aber im Schnitt auch deutlich teurer.

ARCHAISCHER REIZ: Manche bezeichnen das Grillen als eine Lebenseinstellung. Den Reiz vermutet Rudolf Jaeger in «diesem Archaischen»: «Mann, Feuer, Eisen. Das spricht gerade in dieser hoch technisierten Zeit jeden an.» dpa