BERLIN
29. Dezember 2013

Berlins angesagte Restaurants

Foto Pitopia

In keiner anderen deutschen Stadt gibt es mehr Michelin-Sterne - und so viele coole Restaurants wie das La Mano Verde, Grünfisch oder Osmans Töchter

Von Michael Zehender und Nina C. Zimmermann

Wenn sich Sternekoch Tim Raue an das Essen seiner Kindheit in Berlin erinnert, fallen ihm Dinge ein wie «Leber, Kohlroulade, Königsberger Klopse, Saure Eier». Bei vielen Nicht-Berlinern kommen vielleicht noch Currywurst, Döner und Eisbein dazu. Doch in den vergangenen Jahren hat sich in den Berliner Restaurants viel getan. Die politische Hauptstadt ist mittlerweile auch kulinarisches Zentrum. «Da ist enorm viel passiert», sagt Raue.

Das Angebot reicht von guter deutscher Küche bis zu Italienisch-Thailändisch. Eine kleine Auswahl, ganz unten folgen weitere 33 Top-Restaurants:

«Wursterei»:

Die Currywurst gilt als der schnelle Magenfüller schlechthin, Genuss spielt fast keine Rolle. Da ist es schon etwas Besonderes, wenn jemand behauptet, die perfekte Currywurst zu kreieren. Mit diesem Anspruch ist die «Wursterei» am Bahnhof Zoo angetreten. «Wir lieben Wurst», lautet ihr Motto, frisch, regional, ohne Konservierungsstoffe ihr Anspruch. Die Würste - mit oder ohne Darm - werden fettlos gebraten. Die vier selbst gemachten Currysoßen reichen von mild bis sehr scharf.

Dazu dürfen die Besucher aus verschiedenen Gewürzmischungen wählen. Auch die Beilagen sind alles andere als gewöhnlich: Berliner Landbrot oder Pommes frites mit Meersalz. Gegessen wird an einem zehn Meter langen Buchenholztisch mit Ausblick auf das Nobelhotel «Waldorf Astoria». Passend dazu steht im Kühlschrank hinter dem Tresen der Champagner neben der Bierflasche.

(Wursterei, Hardenbergstraße 29d, 10623 Berlin, wursterei.de 

«Joseph-Roth-Diele»:

Alles fing einmal mit Marienfiguren und Rosenkränzen an. Dieter Funk führte in der Potsdamer Straße einen Devotionalienladen. «Irgendwann habe ich herausgefunden, dass im Haus nebenan der Schriftsteller Joseph Roth wohnte», erinnert sich Funk. «Da müsste man doch was draus machen», war der erste Gedanke. «Außer Gastronomie blieb nicht viel übrig.» Einziges Problem: Von Gastronomie hatten weder Funk noch seine Mitstreiter eine Ahnung. Dennoch bauten sie das Gebäude, in dem zwischenzeitlich ein Bestattungsunternehmen seinen Sitz hatte, in Eigenregie um. Anfangs gab es zwei warme Gerichte pro Tag, die eine Klosterküche lieferte.

Daneben servierten sie belegte Stullen. Letztere sind geblieben, das Speisenangebot hat sich dagegen deutlich weiterentwickelt. Schnitzel, Käsespätzle, Gulasch, Rouladen stehen heute auf der handgeschriebenen Speisekarte. Keine Sterneküche, «aber wir machen alles mit Freude und Herzlichkeit, das ist der entscheidende Punkt», sagt Funk. So kommen die Besucher mittlerweile aus der ganzen Welt - zum Essen und Lesen. An den Wänden hängen gerahmte Zitate von Joseph Roth sowie Bücher.

(Joseph-Roth-Diele, Potsdamer Straße 75, 10785 Berlin, Tel.: 030/26 36 98 84, joseph-roth-diele.de

«Tim Raue»:

Höher hinaus geht es kaum: zwei Sterne bei Michelin, 19 Punkte im «Gault Millau». Und doch liegt das Restaurant von Tim Raue ganz unten, im Erdgeschoss, Eingang über einen Hinterhof, gegenüber die Redaktion der «taz», um die Ecke schieben sich die Touristen am Checkpoint Charlie vorbei. Und auch im Inneren erinnert zunächst wenig an Sterneküche - aus gutem Grund: «Ich will den Gästen jede Schwellenangst nehmen», sagt Raue. Die «Demokratisierung» finde auch darin Ausdruck, dass das Mittagessen nur 38 Euro kostet. Abends steht allerdings noch eine Eins davor. Auf die Tische kommt geradlinige asiatische Küche - eine Mischung aus Japanisch, Thailändisch und Chinesisch mit je nach Laune und Jahreszeit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Woher diese Leidenschaft für Asien? Fünf Jahre ist Raue als Koch bei «Swissotel» auch in viele Häuser in Asien gekommen. «Auf einer Rundreise von Hongkong über Tokio bis Bangkok und Singapur war ich begeistert von der Leichtigkeit der Küche.» Noch heute ist Raue vier- bis fünfmal pro Jahr in Asien, bringt neue Ideen und Trends mit nach Deutschland - nach Berlin. Eine Stadt, die sich in seinen Augen in den vergangenen Jahren enorm gewandelt hat. «Berlin ist kulinarisch mit der Anzahl der Gäste gewachsen. Heute ist es kulinarisch die spannendste Stadt Deutschlands.»

Niko meint: Wer den echten Kiez-Raue erleben will, geht natürlich in sein Soupe Populaire in der Bötzow-Brauerei, derzeit die angesagteste Location für Lecker-Esser - bestes Berliner Senfei, beste Königsberger Klopse!

(Tim Raue, Rudi-Dutschke-Straße 26, 10969 Berlin, Tel.: 030/25 93 79 30.

Soupe Populaire, Prenzlauer Allee 242, 10405 Berlin, lasoupepopulaire.de)

«Osmans Töchter»:

Wenn Berlin-Besucher an türkisches Essen denken, kommt ihnen oft nur Döner in den Sinn. Das Lokal von Arzu Bulut und ihrer Geschäftspartnerin Lale Yanik im Prenzlauer Berg beweist, dass das einstige osmanische Reich kulinarisch sehr viel mehr zu bieten hat. Auf der Karte stehen nicht nur warme und kalte orientalische Vorspeisen (Mezes) wie Acili Sultan Ezemesi (scharfe Paprikapaste) oder Sigara böregi (gebackene Teigröllchen). Es finden sich auch etliche vegetarische Gerichte neben typischen Fleisch- oder Fischspeisen in modernem Gewand, wie Köfte (Hackfleischbällchen) in Joghurt-Suppe oder Garnelen in Kadayifteig. Letzterer wird in der türkischen Küche normalerweise für Süßspeisen verwendet. «Es war unser Ziel, anders zu sein als andere türkische Restaurants», erklärt Bulut.

Das macht sich nicht nur schon beim Namen, sondern auch bei der Einrichtung bemerkbar. Statt orientalisch-üppig wirkt der Raum mit seinem nackten Betonfußboden und der offenen Küche so, als sei er gerade erst fertiggestellt worden: Die Gäste sitzen auf einem Sammelsurium gestrichener und ungestrichener Stühle an blanken Holztischen, die wie selbst gezimmert aussehen. Einziger Wandschmuck sind Familienfotos aus den 70er Jahren an der Treppe ins Untergeschoss, die Deckenbeleuchtung ist so schlicht wie raffiniert: Leere Einmachgläser mit eingesetzten Lampen sorgen für wohlig-warmes Licht.

(Osmans Töchter, Pappelallee 15, 10437 Berlin, Tel.: 030/32 66 33 88)

«Grünfisch»:

Auch bei den vietnamesisch-sizilianischen Betreibern des Restaurants im Kreuzberger Graefekiez war der Wunsch groß, nichts zu machen, was es anderswo längst gibt. «Wir haben eine italienische Karte ohne Zwänge», erläutert Inhaber Dang Vu Pham. «Steinbutt mit Risotto zum Beispiel würde kein Italiener zusammen servieren, sondern immer einzeln.» Typische Dinge wollten er und sein Partner Giovanni Di Liberto zwar ändern, nicht aber den Geschmack verfälschen: Ein gegrillter Pulpo kommt daher schon mal mit Nori-Alge und Gurke auf den Tisch - eine Anleihe beim asiatischen Sushi.

Österreichische Anklänge finden sich beim Rindercarpaccio mit Meerrettich. Auch der Name trägt dem Wunsch Rechnung: «Grünfisch» sei so eindeutig nicht italienisch, «da muss ich mich nicht erklären, warum wir kein klassisch italienisches Restaurant sind», sagt Pham. Etwas Italienisches hat das Lokal dann aber doch: Weiße Stoffservietten und raumhohe Weinregale sind nicht unbedingt die Restauranteinrichtung, die an der Grenze zum Bezirk Neukölln oft zu finden ist.

(Grünfisch, Graefestraße 26a, 10967 Berlin, Tel. 030/61 62 12 52, gruenfisch.de)

«La Mano Verde»:

Ein Luxushotel und eine Filiale von Udo Walz liegen gleich nebenan, und der Ku'damm ist auch nicht weit weg. Wem der Osten der Stadt zu fern und Kreuzberg zu verwegen ist, der kann auch mitten im alten West-Berlin vegan speisen, also frei von tierischen Produkten. Das «pflanzliche Gourmet-Restaurant», wie sich das «La Mano Verde» im Untertitel selbst nennt, setzt auf gehobene Gastronomie im hippen Loft-Ambiente: raumhohe Fensterfront, weißgestrichener Betonfußboden, unverkleidete Heizungsrohre unter der Decke, scheinwerferartige Lampen, offene Küche und lange rote Lederbank. Die asiatisch-mediterran angehauchte Speisekarte wird auf dem iPad gereicht und enthält viele Rohkostgerichte, die meist auch glutenfrei sind.

«Ich sollte nicht einfach nur essen, sondern gesund essen, das ist das Wichtigste», sagt Inhaber Jean-Christian Jury, der die Rezepte selbst entwickelt und Autor eines veganen Kochbuchs ist. Zucker und Geschmacksverstärker sind bei ihm verpönt, Frische und Bio-Qualität die obersten Gebote für die Zutaten. Seit drei Jahren rangiert sein Laden unter den Top-800-Restaurants bundesweit, die jährlich von der Zeitschrift «Feinschmecker» gekürt werden.

(La Mano Verde Restaurant, Kempinski Plaza, Uhlandstraße 181-183, 10623 Berlin, Tel. 030/82 70 31 20, lamanoverdeberlin.com 

Zum hippen Mustafa Gemüse-Grill

Die 33 coolsten Restaurants in Berlin:

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