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26. Mai 2011

EHEC: Bundesamt warnt vor Salat, Tomaten und Gurken

Die lebensgefährliche EHEC-Darmerkrankung breitet sich immer dramatischer aus. Das Robert-Koch-Institut warnt davor, rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate aus Norddeutschland zu essen

Sind rohe Blattsalate, Tomaten und Gurken Schuld an der sich schnell ausbreitenden EHEC-Erkrankungen? Das Robert Koch-Institut warnte am Mittwochabend in Berlin vor dem Verzehr der Gemüse: Eine Studie habe gezeigt, dass EHEC-Erkrankte diese Sorten deutlich häufiger gegessen hätten als gesunde Vergleichspersonen. Experten raten darum, vorsorglich auf diese Lebensmittel ganz zu verzichten - besonders, wenn sie aus Norddeutschland kommen.

Dennoch suchen die Experten weiter fieberhaft nach dem Auslöser für die lebensbedrohliche Darmerkrankung. Den Angaben zufolge könnte nur eines oder mehrere dieser Gemüsesorten mit der EHEC-Welle zusammenhängen. Aber auch andere Lebensmittel wie Fleisch, Milch und Käse kommen nach wie vor als Infektionsquelle infrage - auch wenn dort noch keine EHEC-Keime nachgewiesen wurden.

Wegen der EHEC-Epidemie in Deutschland könnte bald europaweit die Alarmstufe 1 ausgerufen werden. Dies sagte der Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit im EU-Parlament, Jo Leinen (SPD), der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Donnerstag). «Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der gefährliche EHEC-Erreger auch auf andere EU-Länder überspringt.» Bei der Alarmstufe 1 werden alle EU-Staaten aufgerufen, Maßnahmen zum Schutz ihrer Bevölkerungen einzuleiten, hieß es.

Derzeit erlebe Deutschland den stärksten je registrierten EHEC-Ausbruch, sagte RKI-Chef Reinhard Burger am Mittwochabend. Es gebe so viele Erkrankte pro Woche wie sonst in einem Jahr. Zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen.

Beim aktuellen Krankheitsausbruch sind mindestens zwei Frauen nachweislich durch den Erreger gestorben. In weiteren Fällen besteht der Verdacht, dass EHEC die Todesursache ist. Zudem kann die Erkrankung Nierenschäden hinterlassen. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) nannte die Ausbreitung «besorgniserregend».

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa waren am Mittwoch mehr als 600 Fälle registriert, von denen aber noch nicht alle bestätigt sind - am Dienstag waren es noch etwa 460. Die Zahl der besonders schweren Krankheitsverläufe mit blutigem Durchfall und Nierenversagen ist laut RKI auf mindestens 140 gestiegen.

Meldungen über bestätigte Infektionen oder Verdachtsfälle kommen mittlerweile aus 15 der 16 Bundesländer - nur Rheinland-Pfalz hat noch keinen Fall gemeldet. Der Schwerpunkt der Infektionen liegt in Norddeutschland. Am stärksten betroffen ist derzeit Hamburg. Für den Stadtstaat und Schleswig-Holstein meldeten die Behörden zusammen mehr als 400 Erkrankungen und Verdachtsfälle.

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) befürchtet, dass dort infizierte Patienten sterben werden. «Wir müssen damit rechnen, Patienten zu verlieren», sagte der Nierenspezialist Rolf Stahl. Den Angaben zufolge werden derzeit 33 Erwachsene und 14 Kinder behandelt.

RKI-Chef Burger glaubt, dass die Infektionszahlen abflauen werden, wenn das bakterienhaltige Lebensmittel gefunden sei.

Task Force: Suche nach EHEC-Auslöser «Stecknadel im Heuhaufen»

Die Suche nach dem Auslöser der schweren EHEC-Fälle gleicht der Task Force Lebensmittelsicherheit zufolge einer Sisyphusarbeit. «Die Kollegen sind dabei, die Nadel im Heuhaufen zu finden», sagte deren Chef und zuständige Dezernatsleiter Verbraucherschutz am Regierungspräsidium Darmstadt, Tobias Lackner, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Die Mitarbeiter der Task Force durchforsten die Speisepläne der drei Kantinen und Großküchen, in denen sich die allermeisten hessischen EHEC-Patienten Mitte Mai infiziert hatten. «Wir gleichen die sehr umfangreichen Lieferantenlisten ab, um herauszubekommen, woher die Waren kamen, die in den Kantinen verarbeitet oder verkauft wurden.» Die beiden Frankfurter Einrichtungen wurden vorsorglich geschlossen, die Großküche in Darmstadt ist weiter geöffnet.

Nach einer jüngsten Studie sind die aggressiven EHEC-Bakterien wahrscheinlich auf Salatgurken, Blattsalaten oder rohen Tomaten zu finden. Das Robert Koch-Institut und Hamburger Behörden hatten die Speisen von 25 Erkrankten und 96 Gesunden vergleichbaren Alters und Geschlechts in der Hansestadt analysiert. Es habe signifikante Unterschiede gegeben: Zwei Drittel aller Patienten mit der EHEC-Folgeerkrankung HUS hätten Salat, Tomaten und Gurken verzehrt, aber nur ein Drittel der Gesunden. Besonders deutlich sei das statistische Signal bei Tomaten gewesen. dpa