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14. Dezember 2013

Geisenheim University

Seit einem Jahr hat Geisenheim eine eigene Universität - die für Wein- und Gartenbau bekannte Hochschule hat große Ziele

Von Thomas Maier

Eine Hochschule ganz neuen Typs mit Vorbildcharakter hat das Land versprochen: Ein Jahr nach dem Start der Geisenheim University hat deren Präsident Hans Reiner Schultz diesen Anspruch noch nicht aufgegeben. Er räumt aber unumwunden sein, dass die kleine Hochschule im Rheingau-Örtchen immer noch in der Anlaufphase steckt und mit den neuen Strukturen kämpft. «Es gibt noch viel zu tun», lautet sein nüchternes Fazit.

Zum 1. Januar hat Hessens Landesregierung Geisenheim als 13. staatliche Hochschule aus der Taufe gehoben. Dazu verschmolz die international renommierte Forschungsanstalt, die bereits vor 140 Jahren im Rheingau von Preußen als «Königliche Lehranstalt für Obst- und Weinbau» gegründet wurde, mit dem Geisenheimer Zweig der Fachhochschule in Wiesbaden. Beide Institutionen haben seit vielen Jahren bereits eng kooperiert.

Als eigenständige Hochschule kann Geisenheim jetzt elf Studiengänge anbieten: Nicht nur in den klassischen Fächern Weinbau, Getränketechnologie oder Gartenbau, sondern auch in der bei Studienanfängern beliebten Landschaftsarchitektur. Ziel ist, die an den Universitäten übliche Grundlagenforschung mit der von den FHs bekannten anwendungsbezogenen Ausbildung zu verknüpfen.

Derzeit sind rund 1200 Bachelor-Studenten in Geisenheim eingeschrieben, viele auch aus Rheinland-Pfalz. Weitere 200 wollen dort - oft auch in Kooperationen mit anderen Hochschulen - den Master machen. 450 Menschen arbeiten auf dem Campus, 50 mehr als noch vor einem Jahr. Von der Fachhochschule sind 19 Professoren dazugekommen, die jetzt integriert werden müssen, wie Schultz sagt. Die an der Forschungsanstalt Geisenheim tätigen Professoren - dazu gehört auch der jetzige Präsident - hatten gegenüber den neuen Kollegen einen großen Startvorteil. Sie besitzen an der Forschungsanstalt eigene Laboratorien.

Den Vorteil der Autonomie hat Geisenheim schon genutzt, wie Schultz berichtet. Vereinbart wurde der Aufbau eines «virtuellen Instituts» mit Universitäten im südfranzösischen Bordeaux und dem australischen Adelaide. 1,2 Millionen Euro bringen die drei Partner in den kommenden drei Jahren für Forschungsprojekte vor allem im Weinbau ein.

Der Geisenheimer Anteil kommt aus einem Strukturfonds des Landes. «Darauf hätten wir früher keinen Zugriff gehabt», sagt Schultz. Geisenheim hat fürs Ausland auch ein eigenes Promotionsrecht erhalten. National muss es ,aber mit der Uni Gießen ausgeübt werden. Auch eine bereits seit 2008 geplante Kooperation mit der TU Darmstadt, bei der Berufsschullehrer im Gartenbau ausgebildet werden, ist jetzt unter Dach und Fach.

Sorgen macht sich Schultz - wie eigentlich alle Hochschulen - um das Geld. 23 Millionen Euro hat Geisenheim vom Land als Etat für das laufende Jahr erhalten, darunter ist auch eine Aufbauhilfe für die IT-Ausstattung. 2014 fällt der Haushalt bereits geringer aus. «Das wird eng werden», sagt der Präsident. Die neuen Strukturen soll im nächsten Jahr auf alle Fälle funktionieren. Als letzte Führungsposition wird noch ein Kanzler gesucht. Er wird vor allem für den Haushalt zuständig sein.

Auch im Landtag dürfte Geisenheim im kommenden Jahr wieder Thema werden. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) bat schon bei der Gründung von einem «bundesweit einzigartigen Konzept» geschwärmt. Nachdem sich Rheinland-Pfalz im Sommer 2010 quasi über Nacht als Partner aus der Forschungsanstalt Geisenheim verabschiedet hatte, suchte Hessen eine neue Perspektive für die angesehene Einrichtung.

Die Opposition hat dagegen stets auf die zusätzlichen Kosten für die Verwaltung der neuen Hochschule verwiesen. Die SPD bleibt zurückhaltend. «Für eine Bilanz ist es zu früh», sagt ihr Hochschulexperte Gernot Grumbach. dpa