Honza Klein unterwegs
22. Juni 2012

Griechenland!

Griechenland? Jetzt erst recht!

Am der Uferpromenade von Kamari im Südosten Santorins reiht sich Restaurant an Restaurant. Doch für die Oberkellner davor ist es schwer, Gäste zu bekommen. Kaum jemand flaniert an dem schönen Strandstreifen vorbei. Die Zahl der Touristen hat dramatisch abgenommen. "Normalerweise gibt es zwei Schnellbootfähren die von Kreta aus Tagestouristen auf die Insel bringt", erzählt Dominik Sommer, "doch mangels Touristen fährt im Moment nur eine."

Sommer ist Reiseleiter bei alltours. Einer Firma die ein ganz besonderes Verhältnis zur Ägäis und den dortigen Inseln hat. Schließlich hat Willy Verhuven dort seine Inspiration gefunden. Griechenland war eines der ersten Ziele, das seine Firma anbot. Gut drei Jahrzehnte ist das jetzt her. So verwundert es nicht dass Verhuven bereits bei der ITB 2012 so eine Art Marshallplan für Griechenland forderte.

"Investitionen in den griechischen Tourismussektor schaffen Arbeitsplätze zusätzlich auch in der Baubranche, der Landwirtschaft und dem Dienstleistungssektor und können so das Land stabilisieren und Wachstum bringen", sagt er. Das sei vernünftiger als dieses schöne Urlaubsland nur immer schlecht zu reden, fügt er hinzu. Dieses Ziel unterstützt der Reiseprofi nun auch ganz persönlich. Mit einer gemeinsamen Anzeigenkampagne zusammen mit dem griechischen Fremdenverkehrsamt.

In der Bar im Hotel La Mer unweit der Promenade von Kamari freut sich Barmann Dionysos über solche Aktivitäten. Gerade mal 700 Euro nimmt er mit nach Hause. Dafür arbeitet er sieben Tage die Woche die gesamte Saison durch. Bis Ende Oktober. "Ich zahle immer meine Steuern", sagt er mit Hinweis auf Schlagzeilen auch in deutschen Medien. Dass jetzt so wenig Touristen hier sind schreibt er auch denen zu und weist dabei auf den Fernseher in dem gerade Nachrichten zu sehen sind. "Aber das Problem liegt natürlich auch in Athen", weiß er. "Zu viele Beamte, die keine Ahnung haben was hier nötig ist."

Ein sehr drastisches Beispiel dafür finde ich auf der nicht weit entfernten Insel Kos. Dort und auf der Insel Nisiros hatte man bei der Zentralregierung in Athen neue Krankenwagen beantragt. Bewilligt wurde einer. Für zwei Inseln. Hierzulande nennt man so etwas wohl Neues aus Schilda. Doch all dies sind sicherlich Dinge, die ein Tourist kaum wahrnimmt. Eher so freundliche Hotelangestellte wie den bereits erwähnten Dinoysos. "Gerade über die Deutschen Touristen freuen wir uns, weil die immer wieder kommen", sagt er. "Bisher jedenfalls", muss er einschränken. Ein zurück zur Drachme könnte er sich gut vorstellen. "Dann wird es doch für Euch Touristen sicherlich wieder günstiger hierher zu kommen."

Gerade Santorin mit seinen unzähligen weißen Kirchen mit blauen Dächern zählt da sicherlich zu den Sehnsuchtszielen. Allein im Dorf Pyrgos findet man 42 davon. Dabei gab es hier einst nur 32 Einwohner. Der Vulkan der im Westen der einst runden Insel nun vor der sichelförmigen Küste liegt zieht Kreuzfahrtschiffe magisch an. Hunderte Tagstouristen laden Tag für Tag im kleinen Hafen von Fira um sich dann per Maultier oder Seilbahn hinauf in den Ort bringen zu lassen. Vor allem Gold wir angeboten, Uhren und die üblichen Souvenirs. 15 Automininuten entfernt und man ist im vielleicht schönsten Ort der Insel deren Vulkanausbruch für den Untergang des Minoerreiches verantwortlich gemacht wird. So ganz sicher ist man sie da aber auch nicht mehr, erzählt einer der Reisefrüher. Egal. Der Vulkan wirkt wie ein Magnet.

Selbst Brad Pitt ist dem Charme des Ortes Oia verfallen. Im Restaurant 1800 hat er sogar einen eigenen Stammplatz. Von einem der vielen kleinen Restaurants und Bars auf dem Plateau der Insel hat man einen weiten Blick über die Caldera. So richtig romantisch indes ist es zwischen den beiden genannten Orten. In Imerovigli schmiegen sich etliche kleine Hotels und Pensionen an die Steilküste. Genau so wie man es von Postkartenmotiven kennt. Fast ein wenig zu schön. In einer der Bars dort bei Sonnenuntergang seinen Ouzo oder den Wein aus einer der Kellereien der Insel genießen - jedwede Krise ist vergessen.

Apropos Wein. Mehr als 4000 Jahre ist die Tradition das Bacchusgewächs auf Santorin heimisch. Wer mit der Fähre anlandet, kommt nach der Fahrt nach oben direkt an der größten Kellerei der Insel vorbei. Überall wird Wein angebaut und in Kooperativen verarbeitet. Assyrtiko, Athiri und Aidini sowie Mandilaria und Movratragano sind die Haupttraubenarten. Immerhin 800.000 Flaschen kommen jährlich aus dieser größten Kellerei der Kykladen. Besondere Spezialität der Insel: Vinsanto. Eher ein Dessertwein dessen Name durchaus doppeldeutig ist. Wein aus Santorin ist auch heiliger Wein, weil er zu allen Festen gereicht wird.

Auch auf Kreta der fünftgrößten Insel des Mittelmeeres und dem südlichsten Punkt Europas ist Weinanbau ein Wirtschafts- und Genussfaktor. Irgendwo aus den Inseln entstand auch die Tradition des Retsina. Sicherlich nicht jedermanns Sache. Aus der Not geboren wurde dieser doch eher süße Traubensaft. Als wegen der persischen Kriege der Zugang zu den zedern des Libanons versperrt war, aus denen vor allem die Fässer gefertigt wurden, musste man auf das Holz der Aleppo-Kiefer ausweichen. Dieses Holz jedoch schwitzte wesentlich mehr Harz in den Wein aus. So wurde aus dem Wort schwitzen - ritsos, die Bezeichnung für den typischen Wein. Das historische Herzstück Kretas liegt ein wenig landeinwärts hinter der Inselhauptstadt Heraklion. Im 1300-Zimmer-Palast von Knossos des Königs Minos lebte der Legende nach der wütende Minotauros. Thesus der den Stier erschlug fand nur mit Hilfe des Fadens, den Königstochter Ariadne spannte wieder hinaus.

Heutzutage ist derlei Orientierungshilfe unnötig. Man geht einfach der Touristenhorde hinterher. Viel ist von der einstigen Prachtanlage jedoch nicht mehr zu sehen. Im Verglich mit den Ruinen in Athen oder denen im libanesischen Balbek ist Knossos nicht viel mehr als ein Trümmerfeld. Die Touristen kommen trotzdem. Ansonsten bietet Kreta wohl so viel Abwechslung wie keine andere der griechischen Inseln. Abgelegene Buchten mit weißem Sand, kleine Dörfer in den Bergen, Wanderpfade, eine Altstadt in der die Herrscher vieler Reiche ihre Spuren hinterlassen haben. Minoer, Römer, Venezianer, Osmanen, die Griechen der Neuzeit und nicht zuletzt die Tourismusplaner der Gegenwart. Jedoch ohne die Bausünden, wie sie etwas an der spanischen Mittelmeerküste zu finden sind. Im Örtchen Stavaros entstand 1964 die griechische Saga der Neuzeit. Am Strand tanzte Anthony Quinn als Alexis Sorbas seinen Tanz dessen Musik heute aus fast jeder Taverne klingt.

In der Altstadt von Heraklion sitze ich mit Reiseführerin Rula Petralli im ältesten Cafe der Stadt. Wieder kommen wir auf die derzeitige Lage zu sprechen. "Die Krise hat viele Griechen aufgeschreckt und sorg für ein Umdenken", erzählt sie. Gab es vor einigen Jahren eine Abwanderung in Richtung Athen kämen heute viele wieder zurück. "Es gibt eine Rückbesinnung auf das Landleben. Eigene Tomaten, eigene Oliven aus den Öl gewonnen wird, Ziegen und Schafe für den Käse, Wein und die Arbeit im Tourismus." Das sei ein Grund warum es vielen hier auf den Inseln besser geht als auf dem Festland. "Aber der natürlich spüren wir die Krise und deshalb brauchen wir die Touristen."

Jammern allerdings ist ihre Sache nicht. "Kann man bei diesem Wetter, dieser Landschaft Trübsal blasen", lacht Rula. "Wenn es zurzeit ein wenig schlechter geht dann kaufe ich mir eben ein paar Schuhe weniger. Wie abhängig die Inseln vom Tourismus sind bestätigt am Abend der Gouverneur. Stavros Arnaoutkis hat das Amt noch nicht lange. Er ist so etwas wie ein Ministerpräsident in Deutschland und erhofft sich durch die vor 15 Monaten eingeführte Dezentralisierung der Verwaltung dass er mehr für seine Insel erreichen kann als die Beamten im fernen Athen. "75 Prozent unseres Einkommens macht der Tourismus aus. Da gilt es zusätzliche Alternativen zu schaffen", sagt er. Wind- und Sonnenenergie, die dann auch exportiert werden können, ist eine Idee.

Die Altstadt von Rhodos Stadt ist vielleicht eine der schönsten. Malerische Gassen in denen man die Geschichte an den Steinen ablesen kann, kleine Tavernen, Strande und exzellente Hotelanlagen. Wer von dort beispielsweise eine Jeep-Safari ins Innere unternimmt fährt durch unberührte Wälder und entdeckt kleine Dörfer wie aus einem Werbefilm. In vielen Cafés wird Deutsch gesprochen. Einst waren ihre Besitzer in München, Berlin und Mannheim zum arbeiten. Die Sehnsucht trieb sie zurück.

Darauf einen Ouzo: Jamas! Und wie heißt es doch so schön in der Werbung. Für meine guten Freunde. Also auf nach Griechenland.

Bis später - ich bin dann mal wieder unterwegs

Euer Honza