17. Oktober 2010

Grün & Wild auf den Gourmetwelten

Markus Strauß startet seine Kolumne über essbare Wildpflanzen, Kräuter und Gewürze

Herzlich Willkommen bei Grün & Wild!

grün & wild - eine neue Kolumne geht an den Start. An dieser Stelle möchte ich Sie in Zukunft über Themen wie Essbare Wildpflanzen, Kräuter & Gewürze, Obst- und Gemüse sowie Themen aus dem Bereich der Gesundheitsvorsorge wie Trinkwasserqualität, Säure-Basen-Balance und Fasten informieren. Dabei werden die essbaren Wildpflanzen und Kräuter die erste Geige spielen, da es hier noch viele unbekannte Schätze zu entdecken gibt, welche nicht nur gut schmecken, sondern sozusagen nebenbei auch noch urgesund sind.

Da sich das Angebot an wildem Obst, Gemüse und Kräutern naturgemäß im Ablauf der Jahreszeiten ständig ändert möchte ich Sie hier immer rechtzeitig über die aktuellen Sonderangebote im Supermarkt "Natur" informieren und Ihnen auch verraten was Sie aus Ihrer Ernte in der Küche leckeres zaubern können.

Wie ich selbst zu diesen Themen gefunden habe? Man könnte sagen, dass es mir in meiner Heimat am Bodensee in die Wiege gelegt wurde. Im Anschluss an mein Studium in Heidelberg arbeitete ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Südasien-Institut und hatte mehrmals und auch für längere Zeiten die Gelegenheit zu erkunden wo in Indonesien der Pfeffer wächst oder wie man im Himalaya Tee anbaut.

Nachdem ich dann in Mainz über den ökologischen Teeanbau in Nepal promoviert hatte arbeitete ich in Bonn und Berlin - eingesperrt in Büros mit der üblichen Deko-Palme als letztem Gruß der Natur.

Als der Leidensdruck mit den Jahren groß genug war änderte ich mein Leben, zog aufs Land und nahm Spaten und Hacke sowie Sammelkorb und Schere wieder selbst in die Hände. Neben der praktischen Arbeit bin ich seither freiberuflich als Buchautor, Seminarleiter und Berater tätig.

Die Zeiten in denen wir Menschen als Jäger und Sammler unterwegs waren sind um ein vielfaches länger als die des sesshaften Lebens "auf der Scholle" oder gar "im Büro". Indem wir uns heute diesem archaischen Thema wieder zuwenden, kehren wir auch wieder ein Stück zu unseren eigenen Wurzeln zurück.

Bei der Beschäftigung mit den essbaren Wildpflanzen geht es folglich um weit mehr als nur um gesunde oder preisgünstige Nahrung: es geht auch um unsere Verbundenheit mit der Natur und um das Gefühl wahrer Ursprünglichkeit.

Wer sich mit essbaren Wildpflanzen auskennt kann sich überall als Gast der Natur willkommen geheißen fühlen und damit sicherer, unabhängiger und gelassener durchs Leben gehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Sammeln und einen gesunden Appetit!

Esst mehr Wildpflanzen!

Euer Markus Strauß

www.dr-m-strauss.de

 

Von der Steinzeit bis zur Finanzkrise: Essbare Wildpflanzen (1)

Immer mehr Menschen interessieren sich für das Thema essbare Wildpflanzen. Dabei spielen unterschiedliche Motive eine Rolle: die Suche nach wirklich natürlichen und gesunden Lebensmitteln, der unmittelbare Kontakt zur Natur oder schlicht und einfach, um Geld zu sparen. Vor dem Hintergrund der so genannten Finanzkrise wird nun aber immer deutlicher: im Falle eines Systemkollapses werden das heute im Rahmen dieses gesunden Hobbys angeeignete Wissen sowie die eingeübten Fertigkeiten sehr schnell lebensnotwendig.

Ein Blick zurück in unsere Geschichte kann uns helfen unsere heutige Situation besser verstehen zu können:

Das Sammeln von wild wachsender Pflanzennahrung ist keine Erfindung unserer Zeit: über viele Millionen Jahre sicherte die Wirtschaftsform des Jagens und Sammelns die Existenzgrundlage der damaligen Bevölkerung. Auch wenn der Jagderfolg einmal ausblieb: essbare Wildpflanzen standen den Menschen immer zur Verfügung. Das Wissen um die Beschaffung und Zubereitung von pflanzlicher Nahrung aus der Natur war die "Lebensversicherung" unserer Vorfahren.

Erst vor einigen Tausend Jahren gingen die Menschen mehrheitlich dazu über an einem Ort sesshaft zu werden, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Zwar wurden auch weiterhin Jagden und Sammeltouren unternommen, diese verloren jedoch im Verlauf der Zeit immer weiter an wirtschaftlicher und allgemein kultureller Bedeutung.

Das Wissen um die Verwendung heimischer Wildgemüse und Heilpflanzen konzentrierte sich mehr und mehr auf wenige eingeweihte Personen, wie im Mittelalter zum Beispiel Hildegard von Bingen, bevor es in der Neuzeit, vor allem im Gefolge der Industrialisierung, fast vollständig erlosch.

Doch Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierte sich auch eine Gegenbewegung: Menschen wie Pfarrer Kneipp, Maria Treben oder Johann Künzle sowie die Begründer der Reformhausbewegung und des Vegetarismus knüpften an das alte Wissen um die Schätze der Natur an und machten es ihren Zeitgenossen wieder in neuer Form zugänglich.

Als in Folge der Weltwirtschaftskrise und des zweiten Weltkrieges große Teile der Bevölkerung Not und Hunger erleiden mussten hatte das Thema essbare Wildpflanzen auf einmal wieder Hochkonjunktur. Leider bildete sich zu dieser Zeit aber auch das negative Image des Arme-Leute-Essens aus und verstellte den objektiven Blick auf die offensichtlichen Qualitäten von Bucheckern, Brennnesseln & Co, so dass sich die Menschen mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder so schnell wie nur möglich den vermeintlich besseren Lebensmitteln zuwandten. Bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hinein geriet das Wissen um die Artenkenntnis und die Zubereitungsmöglichkeiten der essbaren Wildpflanzen daher erneut fast vollständig in Vergessenheit.

Heute dagegen erleben die essbaren wilden Pflanzen aus ganz verschiedenen Beweggründen erneut eine Renaissance:

Die aus Wildpflanzen hergestellten Arme-Leute-Gerichte von einst werden heute in der gehobenen Gastronomie von hoch dekorierten Sterne- und Mützenköchen auf kreative Art nachgekocht. Was den Großeltern und Urgroßeltern das Überleben sicherte wird von manchen Enkeln als exotisches Erlebnis genossen. Exotisch ist es alleine deshalb, weil frische Mangos aus Brasilien und Zitronengras aus Thailand heute im Supermarkt zum Standardsortiment gehören, während Vogelmiere, Giersch und Wegerich unerkannt und daher unbeachtet neben dem Parkplatz des gleichen Supermarktes wachsen.

Immer wiederkehrende Skandale um die Qualität industriell hergestellter Nahrungsmittel führten bei vielen Verbrauchern zu einer dauerhaften Vertrauenskrise und einer Neuausrichtung ihrer Konsumgewohnheiten. Der Bio-Boom der letzten 20 Jahre schuf ein größeres Bewusstsein für die Bedeutung fast ausgestorbener Obst- und Gemüsesorten, sortenreinem Saatgut ohne Gentechnik und Produkten regionaler Herkunft. Für viele Menschen eröffnete die Beschäftigung mit diesen Themen den Zugang zu den essbaren Wildpflanzen. Wer wirklich sicher sein wollte: hier war er angekommen.

Immer mehr Menschen möchten aktiv Gesundheitsvorsorge betreiben und emanzipieren sich von einem zunehmend von ökonomischen Interessen geleiteten Medizin- und Pharmabetrieb. Getreu dem Leitsatz des Hippokrates "Eure Nahrungsmittel sollen Eure Heilmittel und Eure Heilmittel Eure Nahrungsmittel sein" spielt dabei das Thema Ernährung eine zentrale Rolle. Die Beschäftigung mit essbaren Wild- und Heilpflanzen sowie den dafür notwendigen Fertigkeiten ermöglichen es diesen Menschen, ihre Vorsätze in die Tat umzusetzen.

Die Zahl der Menschen, welche am Rand der so genannten modernen Leistungsgesellschaft stehen und ihren Lebensunterhalt von Harz IV, einer bescheidenen Rente oder anderen Sozialleistungen bestreiten müssen, wächst beständig. Das Gratisangebot an frischen Lebensmitteln in der Natur kann hier eine willkommene Unterstützung sein.

In Folge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise fühlen sich viele Menschen von Arbeitslosigkeit, sozialem Abstieg, ja vom Zusammenbruch des gesamten heutigen Wirtschaftssystems bedroht und suchen nach Möglichkeiten im Ernstfall unabhängiger und möglichst autark leben zu können.

Vielen Menschen genügt es nicht mehr einfach immer nur Konsument vorgefertigter Waren zu sein - sie möchten sich selbst produktiv, kreativ und aktiv erleben können. Die Perspektive, Lebensmittel aus eigener Sammeltätigkeit und Herstellung genießen zu können, eröffnet hier ein weites Feld sinnvoller und befriedigender Betätigung.

Es gibt also reichlich gute Gründe sich mit den wilden, essbaren Pflanzen näher zu beschäftigen. Viele meiner Seminarteilnehmer erzählen von ihren ganz persönlichen Motiven mehr über diese Form der Ernährung lernen zu wollen. Die meisten berichten davon, dass Sie sich bei Spaziergängen oder Wanderungen nicht nur schon oft gefragt haben, wie diese oder jene Pflanze heißt, sondern auch, ob diese Pflanzen essbar sind oder nicht und welche Wirkungen, welchen Geschmack diese wohl haben.

Viele der Seminarteilnehmer, auch die naturverbundenen unter ihnen, hielt bis jetzt aber so eine Art Schwellenangst davon ab mehr als nur zum Beispiel ein paar Blättchen Bärlauch für den Kräuterquark im April zu pflücken. Es ist mein Anliegen, Ihnen über diese Schwelle hinwegzuhelfen.

Zu Teil 2: Essbare Wildpflanzen