Reise
02. Januar 2015

Grünes Jordanien Wanderrouten in der Wüste

Fotos: JordanTourism Board

Jordaniens Wüsten sind seit Lawrence von Arabien weltbekannt: Versteckt in Felsschluchten und -tälern finden sich Pfade im Grünen, die Abenteurerherzen begeistern

Von Gioia Forster

Mit Wasser, Humus und Falafel im Rucksack macht sich die junge Gruppe auf. Der Wanderweg ist steinig, die jordanische Wüste ist trocken. Doch der Bach, der an den Füßen der Trekker vorbeiplätschert, ist vielversprechend. Auf einmal eröffnet sich vor den Wanderern eine tropische Oase: Ein Wasserfall fällt von oben herab, grüne Palmen klettern die Steinwände hinauf, rosa Blüten verzieren das Tal. Im Wadi Assal - im Tal des Honigs - liegt eine der vielen Wanderrouten, die Jordanien zu bieten hat.

«Jordanien ist ein Land der Kontraste», sagt Hakim Tamimi-Muriño. «In einem unserer Täler musst du dich manchmal wie Rambo durch ein Dickicht aus Bambus kämpfen, während zehn Meter weiter die Wüste ist». Tamimi-Muriño hat seine Firma wohl auch deshalb Tropical Desert Trips genannt, also «tropische Wüstenreisen». Er organisiert seit acht Jahren Wander- und Kletterausflüge in die grünen Täler und Schluchten des Wüstenstaats. Und die werden immer beliebter.

Den halb spanischen, halb jordanischen Abenteurer Tamimi-Muriño hat es als 16-Jährigen raus in die Natur gezogen. In jugendlichem Übermut ist er Wasserfälle hinuntergerutscht und hat die Schluchten erkundet, die hauptsächlich entlang des Toten Meeres liegen. Seine Freunde konnten seine Wanderlust nicht verstehen: Warum laufen, wenn man fahren kann, haben sie ihn gefragt. «In Jordanien gab es keinen Outdoor-Sport in der Natur», sagt der heute 29-Jährige, der mit einer Deutschen frisch verheiratet ist. «Das Letzte, an was Menschen hier denken, ist ihre Freizeit - die haben andere Sorgen.»

Dabei ist das Wüstenland für Abenteuersport ideal: Zwei tektonische Platten treffen im Tal des Jordanflusses aufeinander. Durch das Reiben der Platten sind große Risse im Stein entstanden - hier fließen oft Bäche und Flüsse, die Täler in ein sattes Grün tauchen. Hier ist gemütliches Wandern, aber auch das Abseilen an Steilwänden möglich. 67 Schluchten mit Flüssen gebe es im Jordantal, erklärt Tamimi-Muriño. «Doch viele davon wurden noch nicht aufgezeichnet und für Wanderungen angeboten.»

Erst in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Begeisterung für Wandern und Klettern in Jordanien entwickelt, sagt eine Sprecherin der Royal Society for the Conservation of Nature (RSCN). Die Organisation ist zuständig für die Nationalparks, von denen vier Wanderrouten haben. Zwei Schluchten sind besonders beliebte Trekking-Ziele: Abenteuerlustige zieht es nach Wadi Mujib, dort kann man an kleinen Wasserfällen hochklettern. Wadi bin Hamad bietet eher gemütliche Spaziergänge, dafür ist man umgeben von Palmen und Blumen.

Als Tamimi-Muriño vor acht Jahren anfing, Trips zu organisieren, ging es noch abenteuerlich zu: Wadis erkundete er anhand von Aufzeichnungen und Karten des israelischen Geologen Itai Haviv, der in den 90er Jahren viele Schluchten erforschte. Geld für Ausrüstung gab es damals nicht: «Schwimmwesten waren zu teuer, deswegen haben wir leere Plastikflaschen in Rucksäcke gestopft und konnten so im Wasser treiben», erklärt er. Heute hat er ein Team von rund 16 freiberuflichen Führern und bietet 46 verschiedene Routen an. Mit den Touren unterstützt er auch lokale Familien, die traditionelle arabische Speisen für die langen Wanderungen zubereiten.

Die meisten von Tamimi-Muriños Kunden sind in Jordanien lebende Ausländer. Viele wollen sich am Wochenende in der Natur austoben und das Land erkunden. Das Weltkulturerbe Petra - eine in Stein gemeißelte antike Stadt - oder die römische Stätte Jerasch einmal abgehakt, bieten die Wanderwege Abwechslung. Kein Wadi gleicht dem anderen.

Auch können Trekkingbegeisterte Kultur und Natur kombinieren: In den Fußstapfen Abrahams verläuft der Abrahamspfad auf über 430 Kilometern durch den Nahen Osten. In dem jordanischen Abschnitt passieren Wanderer byzantinische Kirchen sowie die Kreuzritterburg von Kerak und enden in der roten Wüste Wadi Rum, durch die einst Lawrence von Arabien zog.

«Mein Traum ist es, Jordanier auf meinen Wanderungen zu sehen», sagt Hakim Tamimi-Muriño. Er hofft, dass auch die Einheimischen das Outdoor-Fieber packt, so wie in Europa und den USA. Dafür muss noch vieles passieren: Es fehlen ein echter Verband für Trekkingführer, Ausbildungsmöglichkeiten und angemessene Sicherheitsvorschriften.

Der 29-Jährige will, dass sich der Sport in Jordanien entwickelt: Er geht zu Treffen mit Ministerien, gründet eine Kletterschule und erklärt in Youtube-Videos, wie man einen Bolzen an einer Steinwand anbringt. Er glaubt an die Zukunft des Wanderns in Jordanien: «Unsere physischen Grenzen zu erweitern - wir Menschen brauchen das.» dpa

Hintergrund Jordanien

Reise nach Jordanien

Anreise und Formalitäten: Viele der Wadis liegen entlang des Toten Meeres südwestlich der Hauptstadt Amman. Mit dem Auto dauert die Fahrt von dort etwa eine Stunde. Ein Visum gibt es bei der Anreise am internationalen Flughafen rund 40 Kilometer südlich der Hauptstadt.

Klima: Im Sommer steigen die Temperaturen auf über 36 Grad, wobei es in der Wüste sehr trocken und im Jordantal sehr schwül sein kann. Im Winter liegen die Temperaturen im Durchschnitt bei 12 Grad, es kann aber auch schneien. Die besten Reisezeiten sind Frühling und Herbst.

Geld: Ein Euro entspricht etwa 1,15 jordanische Dinar (Stand: Dezember 2014). Das Zahlen mit Kreditkarte ist in besseren Hotels und Restaurants möglich, in einfachen Läden weniger. Informationen: de.visitjordan.com