REISE
08. Juni 2012

Hiddensee ist die Insel der Künstler und Dichter

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Hiddensee liegt westlich von Rügen und ist nur per Fähre zu erreichen. Autos dürfen dort nicht fahren, dafür gibt es Kutschen. Die Ostsee braust, und der Strand ist lang - das hat schon Gerhart Hauptmann geschätzt

Von Andreas Heimann

Im Hafen von Vitte riecht es nach Pferdeäpfeln. Benzingeruch gibt es auf Hiddensee nicht - Autos sind auf der kleinen Ostseeinsel verboten. Und das ist auch gut so. Gerade hat die «Sundevit» aus Zingst angelegt, ein Schwung neuer Touristen geht von Bord. Einige Gäste reisen gleich vom Hafen aus mit der Ein-PS-Kutsche weiter. Der Rest geht zu Fuß in den Ort, vorbei an der Insel-Drogerie und dem Fisch-Bistro. Die Wege sind hier kurz.

Wer auf Hiddensee angekommen ist, schaltet fast automatisch einen Gang runter. Die Insel ist viel kleiner als der Nachbar Rügen, viel ruhiger und nach fester Überzeugung der Stammgäste auch viel schöner. Nicht einmal 17 Kilometer ist sie lang und an der schmalsten Stelle nur 250 Meter breit. Fast überall wächst Sanddorn. Über den Wiesen flattern Zitronenfalter, auf den Weiden stehen Pferde. Fahrradfahren ist hier das reinste Vergnügen. Auf den Strecken durch den Wald riecht es intensiv nach Kiefernnadeln.

Ziele gibt es genug - der Leuchtturm im Norden der Insel gehört sicher dazu. Sein Licht strahlt nachts rund 45 Kilometer weit über die Ostsee. Erbaut wurde er 1888 und ist immerhin 72 Meter hoch. Attraktiv für Urlauber war die Hiddensee schon zu Kaisers Zeiten, der Tourismus hat Tradition. Um 1900 gab es bereits mehrere Hotels. Gerade Künstler und Schriftsteller zog die kleine Insel an: Gottfried Benn und Carl Zuckmayer spazierten hier über den Strand, der Brücke-Maler Erich Heckel hatte hier ein Sommerhaus. Hans Fallada schrieb seinen Roman «Kleiner Mann, was nun?» auf Hiddensee zu Ende.

Joachim Ringelnatz, Autor humorvoller Reime, fühlte sich immer wieder im Haus von Asta Nielsen wohl: Die Stummfilm-Ikone kaufte sich Ende der 1920er Jahre das noch heute als «Karusel» bekannte Haus in Vitte, in das die Dänin jeden Sommer Freunde und Kollegen aus der Künstlerszene in Berlin einlud. Heute gehört es der Kurverwaltung und steht unter Denkmalschutz. Meist ist es verschlossen, aber regelmäßig gibt es Führungen, bei denen man auch ins Innere kommt. Dort erinnert eine kleine Ausstellung an das Leben der Schauspielerin. Und Fotos zeigen sie zum Beispiel zusammen mit Ringelnatz am Kaffeetisch vor dem Haus - mit Kühen neben sich.

In Vitte steht auch die Blaue Scheune: Das Reetdachhaus in kräftigem Blau gehörte einst einem Bäcker, wurde später zum Atelier und zeigt auch heute wieder Kunst. In der Blauen Scheune gab es etliche Ausstellungen des 1922 gegründeten «Hiddensoer Künstlerinnenbundes». Clara Arnheim gehörte dazu, die viele Sommer in Vitte verbrachte, bevor sie, von den Nazis verfolgt, 1942 in Theresienstadt starb. Etliche ihrer Bilder sind inzwischen wieder aufgetaucht.

Der Künstler, für den Hiddensee die Insel schlechthin wurde, war aber Gerhart Hauptmann. Sein Geburtstag jährt sich in diesem Jahr zum 150. Mal, und genau 100 Jahre ist es her, dass er den Literaturnobelpreis bekam. Hauptmann kam im Juli 1885 das erste Mal auf die Insel - im «Gasthof Schlieker» trug er sich ins Gästebuch ein. Und schwärmte gleich in einem seiner Gedichte von seinen Ostseeerlebnissen: «Unaufhörlich bläst das Meer/eherne Posaunen;/Roggenfelder, segenschwer,/leise wogend raunen.»

Bald kam er regelmäßig, begeisterte sich für das perlmuttglänzende Meer, die ewig brandende, rauschende, donnernde Flut und das Schauspiel der Sonne. Das Einzige, was er fürchtete, war, zu viele andere könnten die Vorzüge der Insel entdecken: «Hiddensee ist eins der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, daß es nicht etwa ein Weltbad werde!» Seit 1926 wohnte er immer wieder im «Haus Seedorn» in Kloster, das er 1930 kaufte. «Bis 1943 hat er dann so gut wie jeden Sommer hier verbracht», sagt Franziska Ploetz, Leiterin der Gerhart-Hauptmann-Stiftung, die ihren Sitz auf Hiddensee hat. «Hier ist auch ein Großteil seines Alterswerks entstanden.»

Nach seinem Tod 1946 in Schlesien, im Süden des heutigen Polen, wurde sein Leichnam nach Hiddensee gebracht und dort beigesetzt - er hatte sich das ausdrücklich gewünscht: «So möchte ich auf diesem schlichten Friedhof von Hiddensee meinen ewigen Schlaf schlafen.»

«Schon seit Ende der 40er Jahre kamen Besucher, um zu sehen, wo er gelebt hat», erzählt Ploetz. Sein «Haus Seedorn» steht leicht erhöht und ist mit einem immer noch lauschigen Garten umgeben. Die alte Villa ließ Hauptmann um einen Anbau ergänzen. Beide Teile verbindet ein «Kreuzgang» mit gotisch anmutendem Deckengewölbe, in dem der Dichter auf und ab spazierte, beim Nachdenken und beim Diktieren seiner Texte. «Er hat sich damit ein Stück italienisches Kloster nach Hiddensee geholt», sagt Franziska Ploetz.

In Geld schwamm er damals nicht, schon weil er nach der Trennung von seiner ersten Frau zwei Familien zu versorgen hatte. «In seinem Haus sind die Dinge wie in einer Zeitblase erhalten geblieben», erzählt Ploetz. Sie werden dort nicht ausgestellt, sie sind an ihrem angestammten Platz. Darunter ist auch eine beachtliche Zahl an Kunstwerken. «Er war mit vielen Künstlern befreundet und blieb ein Leben lang Kunstsammler.»

Sein Arbeitszimmer beeindruckt noch immer: Der Flügel steht am alten Platz, ein Globus, das Pult, an dem Hauptmann oft gearbeitet hat - und die riesige Bücherwand mit Hunderten von Titeln. Sein Schlafzimmer ist eher bescheiden eingerichtet. Bei Schlafstörungen nutzte Hauptmann die Wand neben dem Bett für Notizen, einzelne Worte, Satzfetzen - «Schweigen ist die größte Kunst» zum Beispiel.

Und wer ein bisschen Zeit mitbringt, sollte es sich nicht nehmen lassen, in den Weinkeller hinabzusteigen: Kühl ist es dort selbst im Sommer. Seine guten Tropfen lagerte Hauptmann in Tonröhren in der Kellerwand. Er schätzte Spätburgunder aus Südbaden und trank ihn in Mengen, die nicht jeder Hausarzt gut fände. Der Sommer beginnt, wenn die jährliche Weinlieferung für Hauptmann kommt, hieß es auf der Insel. Und er geht zu Ende, wenn der Weinkeller leer ist.

Eine Bestellung an seinen Weinhändler vom Februar 1944 ist dort ausgestellt: «Dass ich sehr lange noch Wein trinken werde, ist mit einundachtzig nicht durchaus anzunehmen, aber ich bitte Sie, mich gelegentlich wieder zu protegieren», schrieb der Dichter. Solange er auf Hiddensee war, fand er immer einen Grund, eine Flasche zu entkorken. dpa

Insel Information, Tel: 038300/64 20, seebad-hiddensee.de

Hauptmann auf Hiddensee

- Das Gerhart-Hauptmann-Haus, Kirchweg 13 in Kloster, hat rechtzeitig zum Jubiläumsjahr einen Ausstellungspavillon bekommen. Dort wird die Sonderausstellung «Spurensuche» gezeigt. Sie widmet sich Hauptmanns Verhältnis zur bildenden Kunst.

- Ab Ende September ist im Hauptmann-Haus eine neue Dauerausstellung zu sehen. Sie heißt «Literaturlandschaft Hiddensee» und stellt Autoren und Bücher vor, die mit der Insel in Zusammenhang stehen.

- Die beste Kurzgeschichte von jungen Nachwuchsautoren unter 15 Jahren prämiert die Hauptmann-Stiftung bei einem Literaturwettbewerb. Kinder müssen dafür ab Juli ihre Geschichte, die eine DIN-A-4-Seite lang sein soll, einreichen. Eine Jury, zu der der Schriftsteller Ingo Schulze gehört, wählen die fünf besten Texte aus. Sie werden am 1. August im Arbeitszimmer des Hauptmann-Hauses vorgetragen und prämiert.

- Ankunftshäfen der Fahrgastschiffe sind Vitte, Koster und Neuendorf. Von dort geht es nach Stralsund, nach Schaprode auf der Nachbarinsel Rügen und in der Hauptsaison unter anderem auch nach Zingst und Wiek.