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11. August 2011

Hund als Delikatesse

Ethnologische Betrachtungen: Seit vier Jahren ist auf den Philippinen der Verzehr von Hundefleisch verboten - ein blühender Schwarzmarkt versorgt Liebhaber der als Aphrodisiakum gerühmten Delikatesse weiter

Gekocht mit Zwiebeln und Lauch oder gedünstet in Essig und Sojasoße. So aß die Familie von Marlyn Padong Hundefleisch am liebsten. In den kühlen Bergprovinzen der nördlichen Philippinen gelten Struppi und Rex als Delikatesse.

Doch Hundefleisch steht nur noch selten auf der Speisekarte der 55-jährigen Dorfbeamtin aus Baguio City 210 Kilometer nördlich von Manila. «Das letzte Mal war im Januar, als mein Bruder zu Besuch kam und Lust auf Hund hatte», erzählt sie. «Wir haben etwas von einem Nachbarladen gekauft. Wir essen nur noch selten Hundefleisch, denn eigentlich ist es ja verboten.»

Der Verkauf von Hundefleisch für den menschlichen Verzehr ist auf den Philippinen seit 2007 verboten. Ein Tierschutzgesetz aus dem Jahr 1998 verbietet außerdem die Tötung von nicht für den Verzehr bestimmten Tieren - zu denen auch Hunde zählen. Ausnahmen sind erlaubt: bei religiösen Zeremonien indigener Stämme oder einer unheilbaren Krankheit des Tieres.

Der illegale Handel aber boomt, etwa 2,8 Millionen Euro soll er im Jahr einbringen, schätzt die Organisation Clean Governance. Im Juli wurden vier Hundefleischhändler schuldig gesprochen, im letzten Jahr 30 geschlachtete Hunde nach Baguio City transportiert zu haben. Das Gericht verurteilte die Männer zu einem Jahr Gefängnis und verhängte eine Gesamtgeldstrafe von 300 000 Pesos (4900 Euro).

Es sei das erste Urteil gegen die Hundefleischmafia seit dem Verbot vor vier Jahren, gibt die Animal Kingdom Foundation an. Die Tierschutzorganisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Hunde vor den illegalen Schlächtern zu retten. Auf dem Höhepunkt des Handels in den 1980er Jahren wurden nach Angaben von Anna Cabrera, der Direktorin der Philippinischen Tierschutzgesellschaft, etwa eine Million Hunde pro Jahr abgeschlachtet. Ihr Fleisch wurde auf öffentlichen Märkten verkauft.

Hunde werden immer noch für ihr Fleisch getötet, «aber heute passiert das hinter verschlossenen Türen», sagt Cabrera. Freddie Farres von Clean Governance schätzt, dass pro Jahr etwa 290 000 Hunde ihr Leben für den Kochtopf lassen.

Hundefleisch wurde von den Stämmen in der Region Cordillera zunächst aus spirituellen Gründen gegessen. «Sie glaubten, dass, wenn in einer Familie oder im Clan ein Unglück geschah, der Familienhund geopfert werden muss und die Familienmitglieder das Fleisch essen müssen», erzählt Farres. Der Geist des geopferten Hundes sollte die Familie beschützen.

Aus der Tradition und dem Ritual wurde ein Geschäft, als vom Pech verfolgte Stämme begannen, ihren Nachbarn Hunde abzukaufen. Heute müssen jedes Jahr hunderttausende Tiere ihr Leben lassen. Tausende sterben schon beim Transport, eingepfercht in kleinen Käfigen oder in doppelten Böden von Lieferwagen und Minibussen, ohne Wasser und Futter.

Die Händler verwendeten alte, oft rostige Dosen als Maulkörbe, brächen die Schulterknochen der Hunde und bänden ihre Beine auf dem Rücken zusammen, um die Tiere ruhig zu halten, erzählt Luis Buenaflor von Animal Kingdom. Den Hunden, die die mehrstündigen Fahrten überleben, wird mit einem Stück Holz der Schädel eingeschlagen oder die Kehle durchgeschnitten. Das Fell werde abgeflämmt, bevor das Fleisch in häufig völlig verdreckten Schlachthäusern zerteilt werde, sagt Buenaflor.

Seit dem Verbot sei der Handel zurückgegangen, vor allem in der Hauptstadt Manila, sagt Andrew Plumbly vom Network for Animals. In Baguio City allerdings sei die Zahl der Restaurants mit Hund auf der Karte sogar noch gestiegen. «Es ist eine alte Gewohnheit, man braucht Zeit, mit diesen Traditionen zu brechen», sagt Farres.

Hundefleisch bleibt trotz aller Verbote populär, glaubt auch die Beamtin Marlyn Padong. «Die Männer sagen, es sei ein Aphrodisiakum», erzählt sie kichernd. «Es stimmt auch, dass Hundefleisch den Körper von innen wärmt, deswegen ist es hier ein beliebter Snack in der Bar.» (Girlie Linao, dpa)

In Deutschland ist Hundefleisch tabu

In Deutschland ist es verboten, Hundefleisch als Nahrungsmittel herzustellen oder zu verkaufen. In der Tierischen Lebensmittel-Hygieneverordnung heißt es unter Paragraf 22: «Es ist verboten, Fleisch von Hunden, Katzen, anderen hundeartigen und katzenartigen Tieren, sowie von Affen zum Zwecke des menschlichen Verzehrs zu gewinnen oder in den Verkehr zu bringen.»

Hundefleisch zu essen ist in Deutschland quasi undenkbar - weil die ablehnende Haltung aus Sicht einer Expertin von Generation zu Generation weitergegeben wird. «Das ist ganz klar eine Frage der Sozialisation», sagte die Ernährungssoziologin Jana Rückert-John von der Technischen Universität Berlin.

Hunde gelten demnach zumindest in Europa und den USA überwiegend als nicht essbar, obwohl sie - rein physiologisch - gegessen werden könnten. «Wir vergiften uns nicht daran.» Das Tabu gelte sowohl für Hundeliebhaber als auch Hundehasser. «Wir bekommen durch gesellschaftliche Diskurse mit, dass man - egal ob man einen Hund hat oder nicht - das nicht isst», sagte Rückert-John.

Ein Grund dafür sei, dass Hunde zu den Schoßtieren zählen, «zu denen wir emotionale Beziehungen pflegen, sie halten, hätscheln und tätscheln und eben nicht schlachten würden». Zudem sprechen Rückert-John zufolge hygienische Gründe für einen Verzicht auf Hundefleisch. «Man begründet es gerade beim Hund auch noch mal damit, dass er selbst ja auch ein Fleischfresser ist.»

Schon als Baby lerne man, was man essen kann und was nicht. Das gelte für Kategorien wie giftig und genießbar. «Aber auch hinsichtlich der Tabus», sagte Rückert-John. «Für Deutschland bräuchten wir da eine gesetzliche Grundlage gar nicht.»

Die Wissenschaftlerin machte aber deutlich, dass Hundefleisch in Notzeiten auch in Europa gegessen wurde. Um das Jahr 1900 seien zum Beispiel in England Hunde extra zu diesem Zweck gemästet worden. «Das wurde dann natürlich in Wohlstandszeiten zurückgedrängt.» dpa