REISE
24. Juli 2018

Kreuzfahrten & Fitness Reedereien setzen auf Gesundheit

Möglichst viel essen und danach auf dem Sonnendeck herumlungern - so stellt sich manch einer noch immer eine Kreuzfahrt vor. Dabei buhlen die Reedereien längst um eine junge, aktive Zielgruppe. Auf den Schiffen warten Surfwellen, Personal Trainer und gesundes Essen.

Von Teresa Nauber

Die Sonne strahlt fahl zwischen zwei Schleierwolken hervor. Der Wind fegt in Böen über das gekräuselte Wasser des Pools. Zwölf Grad zeigt das Thermometer an diesem Morgen im Europäischen Nordmeer, irgendwo westlich der norwegischen Küste.

Maurice aus dem Trainerteam der «Mein Schiff 5» tippelt frierend von einem Bein aufs andere. «Vorher war ich in der Karibik», sagt er. «Ich glaub', hier bräuchte ich mal 'ne Mütze.» Den Gästen hingegen macht das Wetter nichts aus. Schon gar nicht hält es sie von ihrem morgendlichen Sportprogramm im Pool ab. Nicht nur erholt, nein, auch fit und gesund wollen sie am Ende des Urlaubs von Bord gehen.

Die Reedereien haben sich mittlerweile eingestellt auf diese Gäste. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Kreuzfahrtpassagiere ohne Pause durch die Restaurants schlemmten, um anschließend auf der faulen Haut zu liegen. Deutsche wie auch amerikanische Schiffe sind längst zu Tempeln der körperlichen Ertüchtigung und, ja, auch des gesunden und ausgewogenen Essens geworden. Zumindest für die, die wollen.

Das Angebot reicht von riesigen Fitnessstudios über Kletterwände bis hin zu Surfsimulatoren, von gesunden Menüs bis zu ganzen Restaurants, in denen man dicke Soßen und zuckrige Desserts vergeblich sucht. Auf fast allen Schiffen warten Ernährungsberater und Vitalcoaches auf wissenshungrige Gäste, die endlich ein paar Pfunde loswerden oder Sport in ihren Alltag einbauen wollen.

Wer dem reichhaltigen Essensangebot sportlich etwas entgegensetzen will, ist auf einer Sieben-Tage-Reise mit zwei bis drei Sporteinheiten gut dabei, sagt Anna Wiesauer. Die Sportwissenschaftlerin aus Österreich arbeitet zeitweise als Trainerin auf der «Mein Schiff 5». Geht es vor allem darum, Kalorien loszuwerden, legt man den Schwerpunkt am besten auf Fettverbrennung. Fast alle Reedereien bieten Sportkurse mit unterschiedlichem Fokus an - von Aquafit im Pool (auch bei zwölf Grad im Nordmeer) über Yoga bis zu forderndem Ganzkörpertraining.

Viele Schiffe von US-Reedereien warten zusätzlich mit Fun-Sportarten auf. Das neueste Mitglied der Royal-Caribbean-Flotte - die «Symphony of the Seas» - hat eine mehr als zwölf Meter hohe Kletterwand und eine künstliche Surfwelle zu bieten. Aida Cruises und Tui Cruises haben Mountainbikes und Pedelecs an Bord, mit denen sich sportliche Gäste auch an Land fit halten können. In manchen Häfen werden zudem Jogging- oder Walkingtouren angeboten.

Aber auch abseits des eigentlichen Sportangebots kann man sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffs ordentlich bewegen. Die von Experten immer wieder als Zielmarke vorgegebenen 10 000 Schritte pro Tag zu schaffen, ist etwa auf einem Schiff von der Größe der «Mein Schiff 5» an einem ganz normalen Seetag kein Problem. Wer zusätzlich auf die Benutzung der Aufzüge verzichtet und wo immer es geht Treppen läuft, trainiert auch noch die Oberschenkelmuskeln, sagt Trainerin Wiesauer. Und das nicht zu knapp: Zwischen Deck vier, wo das Hauptrestaurant beheimatet ist, und dem Pooldeck 12 liegen auf der «Mein Schiff 5» 16 Treppen.

Bleibt das Essen. Und da ist es im Grunde egal, auf welchem Schiff der Gast durchs Meer pflügt: Es ist allgegenwärtig. Während in den unteren Decks unzählige Restaurants auf Gäste warten, lauern gleich neben dem Pool wahlweise Burgerstationen, Döner-Kebab-Läden oder - ganz böse - Eisdielen.

Trotzdem bemühen sich die Reedereien auch hier um Hilfestellung: Aida Cruises etwa hat Stationen mit gesunden Speisen am Buffet eingerichtet. Sie sind mit dem Hinweis «Body & Soul Food» gekennzeichnet. Royal Caribbean bietet «Vitality Menüs» an. Celebrity Cruises setzt vor allem im «AquaSpa-Café» auf gesunde Küche, ebenso wie im Restaurant «Blu», das allerdings nur Gästen einer speziellen Kabinenkategorie offensteht.

«Es gibt schon immer noch die, die auf einer Kreuzfahrt schlemmen wollen», sagt Wolfgang Kiessling, Executive Chefkoch auf der «Mein Schiff 5». Um der zunehmenden Nachfrage nach gesunden Speisen nachzukommen, hat aber auch Tui Cruises «Ganz-schön-gesund»-Menüs kreiert. Sie werden in allen Hauptrestaurants angeboten, auf der neuen «Mein Schiff 1» gibt es gar ein eigenes Restaurant für Freunde gesunder Speisen. Bei dem Konzept geht es nicht nur ums Kaloriensparen. «Wir verwenden für das Ganz-schön-gesund-Angebot auch möglichst unverarbeitete Speisen und achten auf eine ausgewogene Zusammensetzung.»

Auch am Buffet ist es eigentlich nicht schwer, im Sinne der guten alten Ernährungspyramide zu essen. Zumindest auf deutschen Schiffen sind sowohl geschnippelte Rohkost als auch Vollkornprodukte ständig verfügbar. Aber zugegeben - bei dem sonstigen Angebot immer zur vernünftigen Variante zu greifen, dürfte schwerer fallen als in den Bedienrestaurants.

Wer nicht darben, aber trotzdem bewusst essen möchte, dem rät Junior-Executive-Sous-Chef Mirko Kwiatek, auf den Grad der Verarbeitung eines Produkts zu achten. Selbst gegen Fleisch zum Frühstück sei nämlich nicht grundsätzlich etwas einzuwenden. «Greifen Sie dann aber besser zu dünn aufgeschnittenem Roastbeef statt zur Wurst», rät er - also immer zur möglichst wenig verarbeiteten Variante.

Auch aufs Dessert verzichten muss man nicht unbedingt, ergänzt Kiessling: «Eine Tarte mit frischen Früchten beispielsweise hat deutlich weniger Kalorien als die meisten Hauptgerichte.» Sein Tipp für Kalorienbewusste: lieber den Hauptgang weglassen und dafür nach Herzenslust Dessert essen.

Für eine gesunde Ernährung spielt ohnehin nicht nur eine Rolle, was man isst, sondern auch wie. Und da kann die Schiffsreise punkten. Denn anders als im Alltag kommt man dazu, regelmäßig und vor allem ganz in Ruhe zu essen.

Kalorien nehmen Kreuzfahrer allerdings vielfach nicht nur in fester, sondern auch in flüssiger Form zu sich. Schließlich gibt es Bier, Wein und klebrig-süße Cocktails, wo auch immer der Blick hinfällt. Viele Reedereien haben in den vergangenen Jahren auf ein All-inclusive-Konzept umgestellt: Bei Tui Cruises reisen die Gäste «Premium alles inklusive», bei Norwegian Cruise Line «Premium All inclusive», Royal Caribbean und Celebrity Cruises bieten umfangreiche Getränkepakete, und bei Aida Cruises sind die Drinks zumindest zu den Mahlzeiten inkludiert. Wer gerne ein Gläschen Wein trinkt, dem dürfte es schwerfallen, auf dem Wasser nur ein Wässerchen zu bestellen.

Unterschätzen sollten gesundheitsbewusste Kreuzfahrer das nicht, sagt Trainerin Anna Wiesauer. Alkohol enthält reichlich Kalorien und vor allem viel Zucker. Ein kleines Glas Weißwein (0,1 Liter) etwa schlägt mit rund 70 Kalorien zu Buche, ein großes entsprechend mit 140. Zu viel Alkohol konterkariert zudem das Sportprogramm. Ähnlich wie beim Essen lautet daher auch hier die Devise: Maß halten.

Die Damen und Herren im Pool haben das ganz offensichtlich getan. Jedenfalls pflügen sie in aller Herrgottsfrühe giggelnd durchs Wasser und gleichen dabei auch noch geschickt die Schiffsbewegungen im aufgewühlten Nordmeer aus. Im Whirlpool kommt anschließend die Frage auf, wie lange es eigentlich Frühstück gibt. Niemand weiß es. Irgendwo wartet immer ein Snack auf diesem Schiff. dpa