26. Juli 2011

Lebensmittelklarheit von slow food gelobt

slow food lobt das neue Verbraucherportal lebensmittelklarheit.de von Bundesministerin Ilse Aigner

Das neue Verbraucherportal der Bundesministerin für Verbraucherschutz sorgt für Furore. Im Vorfeld wurde es selbst von Kritikern der Ministerin als offizielle, längst überfällige Kenntnisnahme des Etikettenschwindels in der Lebensmittelindustrie gelobt. Das öffentliche Interesse war so groß, dass die Seite lebensmittelklarheit.de nach ihrer Freischaltung sofort zusammenbrach: Service temporarily unavailable.

Diese Panne darf man getrost als positives Zeichen werten. Sie ist Indiz dafür, dass sich sehr viele Menschen bewusst mit der Lebensmittelsituation in Deutschland auseinandersetzen. Als kritische Verbraucher wollen sie schlicht besser essen. Sie fordern Auskunft darüber, was in ihren Lebensmitteln drin ist und ob das, was drin ist, dem entspricht, was drauf steht.

Tiefes Unbehagen an der Lebensmittelkultur

Und zugegeben, diesem Bedürfnis kommt das Portal der Ministerin mit einem Transparenzversprechen entgegen. Verbraucher können dort Produkte anmelden, die sie aufgrund einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen Produktangaben und Produkt für nicht redlich einschätzen, oder gar als Täuschung empfinden. Die Eingabe wird durch Verbraucherschützer geprüft, im Falle der berechtigten Beschwerde hat der Hersteller dann eine Woche Zeit, Stellung zu beziehen. Am Ende werden Beschwerde, Stellungnahme, ein Kommentar der Verbraucherschützer und die entsprechenden Produktangaben als Gesamtinfopaket auf dem Portal eingestellt. Unter dem Button "Geändert" werden die Produkte gelistet, deren Hersteller bereits auf die Kundenbeschwerden reagiert und ihre Produkte entsprechend den Angaben auf der Packung geändert haben. Zweifellos leistet das Portal damit einen Beitrag zur notwendigen Information der Verbraucher.

Bei weiterem Nachdenken stellt sich jedoch die Frage: Warum muss Lebensmitteltransparenz überhaupt erst durch ein Portal herbeigeführt werden. Wieso bedarf es des medienwirksamen Anzapfens der Schwarmintelligenz (Crowdsourcing) von Verbrauchern, um die Erzeuger in Deutschland auf die Grundsätze von Produktwahrheit und -klarheit zu verpflichten? Die traurige Wahrheit: Weil solche Grundsätze für das, was in Deutschland auf den Tisch kommt, gesetzlich kaum gelten. Bienenhonig aus Zuckersirup ist schließlich völlig legal. Von Himbeerjoghurt, der mit Himbeeren wenig, mit den Errungenschaften der Lebensmittelchemie aber eine Menge zu tun hat, ganz zu schweigen. Und selbst bei strafbewehrten Verstößen winken in der Praxis höchstens Geldbußen, die den Erziehungseffekt eines Falschparker-Knöllchens aufweisen.

Slow Food fordert Rückgewinnung der Ernährungssouveränität

Es ist offensichtlich, dass Aigners Portal nur ein Hilfskonstrukt ist, das uns Verbrauchern auch noch Mühe und Aufwand zuweist, wenn es funktionieren soll. Doch damit tarnt sich das eigentliche Versagen der Politik. Sie schafft schließlich just die Rahmenbedingungen, die profitmotivierte Irreführung im Lebensmittelbereich erst ermöglichen. Und mehr noch: Sie schafft Rahmenbedingungen, auf die Verbraucher mit einem grundsätzlichen Unbehagen reagieren.

- Es dämmert immer mehr Menschen, dass sie im Zug der Industrialisierung der Lebensmittelproduktion ein Stück Mündigkeit und Souveränität verloren haben. Wir wissen schlicht nicht mehr, was wir zu uns nehmen, woher es stammt und wie es hergestellt wurde. Schon bei Gründung von Slow Food im Jahr 1989 war daher die Rückgewinnung der Ernährungssouveränität ein zentrales Anliegen der Bewegung. Die Politik muss dafür die Voraussetzungen schaffen. Ein Lebensmittelportal ist hierzu ein Schritt in die richtige Richtung. Ziel muss es jedoch sein, dass souveräne Verbraucher und Ko-Produzenten erst gar nicht auf ein solches Portal zurückgreifen müssen.

- Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass Lebensmittel in der Gesellschaft wieder den Wert zurückerhalten, der ihnen zukommt. Die zentrale Rolle der Erzeuger und Lebensmittelhandwerker, die Lebensmittel ohne Helferchen aus der industriellen Werkzeugkiste herstellen können, muss bewusst gemacht werden. Aus Sicht der Slow Food Bewegung sollte hier schon im Kindes- und Jugendalter angesetzt werden. Heute wissen junge Menschen meist alles über Funktionsweise und Herstellung ihres Computers oder eigenen Autos und nichts über die Nahrungsmittel, die sie zu sich nehmen. Die Geschmackserziehung als Voraussetzung zur Erlangung individueller Ernährungssouveränität sollte daher Schulfach sein.

- Lebensmittelklarheit und -wahrheit muss zum interpretationsfreien Leitgedanken der gesetzlichen Rahmengebung werden. Wie dies in der Praxis funktioniert, zeigen die Qualitätskriterien "gut, sauber, fair", die Slow Food bei allen Erzeugern als Voraussetzung für eine Messezulassung anlegt. So muss die Herstellung handwerklicher Natur sein, frei von gentechnischen veränderten Rohstoffen, weitgehend frei von chemischen Zusatzstoffen und vollkommen frei von Prozesshilfsstoffen. Die Erfahrung zeigt: Solche Qualitätskriterien sind durchsetzbar und von den Herstellern bei entsprechendem Know-how auch anwendbar.

Nur so können wir souverän entscheiden, was auf unseren Teller kommt, und nur so können Produzenten und bewusste Verbraucher gemeinsam die längst überfälligen Ernährungswende in Deutschland herbeiführen!

(Ursula Hudson/Rupert Ebner)