Reise
26. August 2011

Mallorca im Herbst

foto-pitopia

Reisen auf die Insel für Wave-Watcher

Von Andreas Heimann

Mallorca ist im Herbst noch ausgesprochen grün, die Pinien sowieso, aber auch die Palmen. Die Sonne scheint noch so intensiv wie in Deutschland im späten August. Aber das Mittelmeer zeigt sich manchmal schon von seiner rauen Seite: Die Wellen sind dann oft gefährlich hoch. Am Strand weht die rote Fahne, Baden ist verboten. Und es kann immer vorkommen, dass es plötzlich in dicken Tropfen regnet. Dann flüchten die Badeurlauber hektisch ins Hotel, und am Strand wird es einsam. Wen das nicht schreckt, der kommt zur richtigen Zeit.

Das Mittelmeer rund um Mallorca ist im September oft noch 24 Grad warm und selbst Ende Oktober nur ein, zwei Grad kühler. An sonnigen Tagen sieht es an den Stränden deshalb gar nicht viel anders aus als im Sommer, selbst an der Ostküste weit abseits der Inselhauptstadt Palma. Cala Millor ist dort der wichtigste Touristenort mit breitem Strand und vielen Hotels.

An Sonnentagen zeigen sich am blauen Himmel nur ein paar bewegungslose Wolken über dem Horizont. Ein Glasbodenboot, das hier täglich zu Touren aufbricht, solange der Wellengang nicht zu hoch ist, nähert sich gemächlich dem Anleger. Entlang der Promenade stehen eine Reihe von Bänken. Am Nachmittag versammeln sich hier regelmäßig einige Spanierinnen im gesetzten Alter, um zusammen auf die Brandung zu schauen.

Am Strand bauen Väter mit quengelnden Kleinkindern Sandburgen, und so gut wie alle Strandliegen sind besetzt. Viele Kinder werfen sich auf ihren Luftmatratzen in die Wellenberge und lassen sich an Land spülen. Allerdings weht diesmal immerhin die gelbe Fahne, und das heißt: «Baden auf eigene Gefahr».

Es sind Mallorcas letzte Wochen der Hauptsaison. Im September 2010 kamen mit gut 520 000 deutschen Gästen sogar mehr Urlauber nach Mallorca als im Juni oder August. Und selbst im Oktober waren es noch mehr als 362 000. In den Herbstferien geht es in den Tourismuszentren deshalb noch einmal richtig rund. Ende Oktober schließen viele Hotels dann aber schon. Und bald danach wird es kühl und ungemütlich. Im Spätherbst nimmt die Regenmenge deutlich zu. Dann wird Mallorca zur Insel für Liebhaber, und der Massentourismus macht Pause.

Auch im Frühherbst rauscht das Mittelmeer an der Ostküste selbst bei Sonnenschein manchmal überraschend kräftig. Wenn der Wind etwas stärker weht, wird das Rauschen zum Donnern, die Wellen türmen sich und bieten Urlauber ein Naturschauspiel, wenn sie mit viel weißer Gischt am Strand auslaufen und am Rand von Cala Millor auf die felsige Küste branden.

Manche Strandspaziergänger können sich gar nicht satt daran sehen und bleiben dann umso länger in der Nähe der Wellen-Show stehen. Einige Risikofreudige wagen sich vor bis an den Felsenrand: Mit lautem Krachen brechen sich die Wellen, es spritzt meterhoch, ein feiner Tropfennebel ist mit Sekunden Verzögerung noch in einigen Metern Entfernung zu spüren. Die Wave-Watcher machen Dutzende von Fotos oder drehen ihren eigenen Wellen-Kurzfilm mit dem Handy. Wer nicht aufpasst, wird nass.

Am Strand von Cala Millor stehen die Sonnenliegen an solchen Tagen in Stapeln - der Bedarf ist überschaubar. Die Sonnenschirme wirken geradezu deplatziert. An Baden ist nicht zu denken. Der Himmel ist grau, die Temperatur erinnert an Hamburg im Herbst. Das Seegras, das in den vergangenen Tagen angespült wurde, haben Raupenfahrzeuge zu großen Haufen zusammengeschoben. Die Brandung ist so stark, dass man den Steg, an dem das Glasbodenboot an besseren Tagen ablegt, gar nicht betreten kann, ohne unfreiwillig geduscht zu werden. So mancher Hotelgast entscheidet sich da lieber für das Hallenbad.

Kaum ist am nächsten Tag die Sonne wieder da, zieht alles zurück an den Strand. Das Angebot an Aktivitäten zur Touristenbespaßung ist üppig: An der Strandpromenade von Cala Millor bieten afrikanische Schmuckverkäufer Ringe und Halsketten an. Kinder geduldiger Eltern lassen sich die Haare flechten. Familien kurven in überdimensionierten Kettcars mit vier Sitzplätzen den Weg oberhalb des Strands entlang.

Das ist manchmal ein bisschen gefährlich, wenn Jogger oder unaufmerksame Spaziergänger queren - oder wenn es unerwartet Gegenverkehr von Touristen auf Segways gibt. Die Elektro-Roller, auf denen man im Stehen fährt und durch Gewichtsverlagerung lenkt, sind an der Strandpromenade regelmäßig zu sehen.

Cala Millor ist nicht der Ballermann. Aber der Badeort hat sich nicht nur auf die wichtige Zielgruppe der Familien mit Vorliebe für Strandurlaub eingestellt. Vor allem britische und deutsche Gäste kommen hierher, auch solche, die abends gerne nochmal ein Bier trinken und danach noch eins oder zwei.

Die Namen der zahlreichen Kneipen rund um die Strandpromenade sind vielsagend: «Zur Zapfsäule» oder «Biermeister» heißen sie zum Beispiel, «Royal Oak» oder «Liverpool Pub». Damit die Gäste aus Großbritannien sich zu Hause fühlen, wird das Bier in Pintgläsern ausgeschenkt, ein Tetleys für zwei Euro. Full English Breakfast gibt es natürlich auch.

Wer solche Kneipen nicht mag, wandert vielleicht lieber: Die Halbinsel Punta de n'Amer südlich von Cala Millor ist dafür ein beliebtes Ziel. Auf sandigen, auch bei Reitern beliebten Wegen geht es zwischen Macchia und kleinen Kiefern bis zum Castell de n'Amer, einer Mini-Festung aus dem 17. Jahrhundert, die einen tollen Blick über die Bucht vor Cala Millor bietet. Oben steht eine Kanone, auf mittlerer Ebene gibt es eine Ausstellung - und ganz unten ein Café.

Und wem Wandern nicht reicht, der hat auch im Herbst viele Möglichkeiten zu Ausflügen. An der Ostküste zwischen dem Cap Formentor ganz im Norden und dem Cap Salines im Süden gibt es eine Reihe von Orten, die gut zu erreichen sind und einen Abstecher lohnen: Portocolom zum Beispiel, das sich an das Hafenbecken schmiegt und seine Entstehung nicht erst der Tourismusindustrie verdankt: Viele Gassen sind schon Jahrhunderte alt.

Ein Stück weiter nördlich ist Porto Cristo ein beliebtes Ausflugsziel, das von Cala Millor aus auch mit dem Glasbodenschiff zu erreichen ist. Wie in Portocolom gibt es auch hier keinen Mangel an Cafés und Restaurants, viele mit Blick auf den Jachthafen, in dem ein Boot neben dem anderen liegt. Im Herbst ist es in der Regel nicht schwer, hier noch einen Sitzplatz zu finden.

Viele Besucher nehmen sich für den Ort nicht viel Zeit, sondern fahren gleich weiter zu den Coves del Drac, den Drachenhöhlen. Das Höhlensystem haben die Mallorquiner im Mittelalter als Versteck bei Piratenangriffen genutzt. Rund 40 Meter tief unter der Erde liegt in den Höhlen der Lago Martel, ein rund 200 Meter langer See, von denen sich gut 175 Meter per Boot erkunden lassen.

Solche Tropfsteinhöhlen sind im Osten Mallorcas nicht ungewöhnlich: Die Coves del Hams sind nur wenige Kilometer entfernt. Und noch ein Stück weiter nördlich lohnen die Coves d'Artà einen Besuch, die fast direkt am Meer liegen. Egal wie kalt oder warm es draußen ist, unter der Erde sind es gleichbleibend 17 Grad. Eindrucksvoll sind die Tropfsteinformationen: «Eingang zur Hölle» heißt eine davon, die tatsächlich an ein Tor erinnert und zum tiefsten Punkt der Höhle führt.

Der «Himmel» dagegen ist ein 40 Meter hoher Saal. Manche Tropfsteine provozieren etwas merkwürdige Assoziationen: Eines lässt Besucher an ein Schaf denken, das mit dem Rücken nach unten an der Decke hängt. Eine der Säulen, die in 100 Jahren jeweils einen Zentimeter wächst, ist bereits 22 Meter hoch - noch 5000 Jahre, und sie hat die Decke erreicht.

Wer mag, kann auch mal an einen Stalagmiten klopfen. Je nach Durchmesser klingen sie ganz unterschiedlich. Apropos klingen: An mehr oder weniger passender Stelle gibt es dramatisch klingende Musik und dazu noch Lichteffekte, um den Eindruck der seltsamen Säulen und Tropfsteingebilde noch zu verstärken.

Wieder an der Oberfläche kommen Touristen im Herbst manchmal auch mit ganz anderen Tropfen in Berührung: Der Himmel ist grau und zugezogen. Es dauert keine fünf Minuten, schon prasselt der Regen. Die Pinien sind noch immer grün, die Blätter der Palmen auch, aber sie glänzen jetzt feucht: Auch das ist Herbst auf Mallorca. dpa

Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Tel.: 0180/300 26 47 für 9 Cent bei Anrufen aus dem Festnetz, spain.info/de