Reise
18. Juni 2016

Mallorca Serra de Tramuntana

Fotos: Pitopia/Kranenberg/Binder

Mallorca biete ja nicht nur Sonne und Strand, betonen Politik und Tourismusbranche seit Jahren. In diesem Winter war die Insel bei den Urlaubern so gefragt wie nie - das hat allerdings auch Schattenseiten.

Von Stephanie Schuster

Die Woche Wanderurlaub, die Norbert und Marianne Hofmann Anfang Mai auf Mallorca verbrachten, war traumhaft. «Aber wir hätten nicht gedacht, dass es hier in den Bergen so voll ist», sagt das Paar aus Nordrhein-Westfahlen, das die Insel zum ersten Mal bereiste. Die Serra de Tramuntana, deren höchster begehbarer Gipfel immerhin 1365 Meter hoch ist und die 2011 zum Unesco-Welterbe erklärt wurde, ist längst nicht mehr nur bei Einheimischen beliebt. Immer mehr Touristen entdecken den Reiz von Mallorcas Bergwelt für sich - doch so viel Andrang wie im vergangenen Winter und Frühjahr herrschte bisher kaum.

Mallorca | Serra de Tramuntana Foto: Pitopia

«Man merkt, dass in anderen Ländern Krieg ist», sagt Wanderführer Salvador Suau aus dem Bergstädtchen Sóller. Schon im Februar, einem sonst recht verschlafenen Monat, sei richtig viel los und sein Terminkalender entsprechend gut gefüllt gewesen. Die fünf Wanderherbergen, die Mallorcas Inselrat verwaltet, waren fast durchgehend ausgebucht. «Absoluter Rekord», sagt die zuständige Pressesprecherin Alicia Torrandell. Zwischen Januar und Mai habe man mit knapp 16 000 Übernachtungsgästen rund ein Viertel mehr verbucht als im selben Zeitraum des Vorjahres. Sogar im Juni, wo es eigentlich schon zu warm wird zum Wandern, lägen die Belegungs- und Reservierungszahlen deutlich über dem Durchschnitt.

Über eine außergewöhnliche Bilanz freuen sich auch die Anbieter von Radreisen und geführten Radtouren. «Im März war auf der Insel kein einziges Rad mehr übrig», sagt Thommy Knaf von «Philipp's Bike Team». Zu den bis zu 10 000 mallorcaweit verfügbaren Leihrädern seien außerdem Tausende Fahrer hinzuzurechnen, die ihr eigenes Rad mitgebracht hätten. Verantwortlich für den großen Andrang ist Knaf zufolge aber nicht nur der seit Jahren anhaltende Radsport-Boom auf Mallorca, sondern auch die politische Situation in der Türkei, die bei Radurlaubern in der Vergangenheit sehr beliebt gewesen sei.

Kein Wunder also, dass die Statistik über die Touristenzahlen insgesamt ein dickes Plus aufweist: 1,44 Millionen ausländische Besucher wurden im ersten Quartal 2016 auf Mallorca und den anderen Balearen-Inseln gezählt - und damit knapp 22 Prozent mehr als im Vorjahr. «Das ist eine gute Nachricht, dafür kämpft die Politik schon seit Jahren», sagt Pilar Carbonell, die Nummer 2 im balearischen Tourismusministerium. Natürlich weiß auch sie, dass die politischen Konflikte in anderen Urlaubsregionen Mallorca in diesem Jahr in die Hände spielten. Ebenso der ausgesprochen milde Winter. «Das gute Wetter war sicher für viele Kurzentschlossene ausschlaggebend.» Eine Rolle gespielt habe aber auch das verbesserte Flugangebot in den Wintermonaten.

Seit im Tourismusministerium die links-ökologische Partei Més das Sagen hat, macht man sich vermehrt Gedanken um die Belebung der Nebensaison. Man will schließlich vom ewigen Image der Sonnen- und Partyinsel wegkommen. Und vor allem sollen die Urlaubermassen besser übers Jahr verteilt werden, um den Tourismus verträglicher und nachhaltiger zu gestalten.

Dass dadurch nach der Küste auch die Bergwelt zunehmend von Touristen in Beschlag genommen wird, ist Carbonell durchaus bewusst: «Es ist wichtig, dass wir die Serra de Tramuntana haben, aber wir brauchen nun auch klare Regeln und Naturschutzpläne.» Das Umweltministerium arbeite bereits an einem Auflagenkatalog für die Serra und andere Schutzgebiete. «Ich denke, da finden sich Lösungen», sagt Carbonell. Zumal Wander- und Natururlauber sich in der Regel sehr respektvoll verhielten.

Wanderführer Salvador Suau hingegen ist weniger optimistisch: Den Unesco-Titel habe die Tramuntana wegen ihrer gut erhaltenen Naturlandschaft verliehen bekommen, sagt er. «Doch um die ist es inzwischen schlecht bestellt.» Außerdem sei das Gedränge auf manch klassischer Wanderrouten, von Deià nach Port de Sóller etwa, mittlerweile unangenehm groß. «Wer in den Bergen Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, wird hier arg enttäuscht», sagt der Mallorquiner, der die Serra seiner Kindheit nicht mehr wiedererkennt.

Weil die Politik seiner Meinung nach seit Jahren untätig zuschaue, hätten manche Eigentümer - Mallorcas Berge befinden sich zu über 90 Prozent in Privatbesitz - inzwischen die Notbremse gezogen und die über ihre Grundstücke führenden Wege kurzerhand gesperrt.

Dass die Wandererströme begrenzt oder zumindest besser kontrolliert werden müssen, finden auch die Initiatoren des vor zwei Jahren ins Leben gerufene und bislang einzigartigen Projekts «Muntanya del Voltor». Auf einem 300 Hektar großen Areal oberhalb von Valldemossa kümmert sich eine private Umweltschutzstiftung um das Aufforsten der Steineichenwälder sowie das Reinigen und Instandsetzen der Wege.

Aufgrund des großen Andrangs - zwischen Oktober 2014 und 2015 zählten die Projektmitarbeiter in dem beliebten Wandergebiet mehr als 45 000 Menschen - ist der Zugang inzwischen begrenzt. Passieren darf nur mehr, wer Mitglied in einem mallorquinischen Wanderverein ist oder sich zuvor telefonisch angemeldet hat, erklärt Bernd Hagemüller. «Das klappt inzwischen sehr gut, die Leute zeigen nicht nur Verständnis, sondern auch Interesse für unsere Arbeit.» dpa