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01. November 2014

Michelin Trends Tim Raue und der 3. Stern

Foto: Thomas Hartmann

Berlin braucht den Dritten, die Restaurantwelt wünscht ihn sich - will es auch der Michelin?

In einem Interview im Frühjahr sagte Sternekoch Daniel Achilles, Berlin brauche den 3. Stern. Das Schöne an der Sache: Der Michelin denkt in die gleiche Richtung.

Der Guide ist immer noch vom Gedanken an die Grande Nation geprägt, sieht Essen und Trinken als hohes Kulturgut. Das kann es nur in der Hauptstadt geben, also in Paris. Oder in London und Berlin. Die Franzosen scheren sich wenig um die Provinz. Auch in Deutschland ist der Trend zu erkennen: raus aus dem Wald, runter vom Land und rein in die Großstadt. Rotkäppchen verteilt keine Sterne.

Seit Jahren steht Berlin im Guide vor Hamburg und München. Und das will der Michelin ausbauen. Die Prognose: Wenn eine deutsche Metropole den ersten 3. Stern erhält – dann kann es nur die Hauptstadt sein. So wie nur Berlin als Olympia-Standort im Weltkonzert der Nationen eine kleine Chance hat.

Da Berlin in der neuen Ausgabe am 6. November zwei Sterne verlieren wird - Stefan Hartmann will nach Schließung seines Restaurants nach Kanada auszuwandern und Michael Hoffmann hat das Margaux geschlossen, eine Bäckerei übernommen und sucht nach einem Gastspiel in der Kantine der Markthalle Neun weiter nach dem perfekten Ort – muss der Michelin also reichlich was drauflegen in der Hauptstadt.

Falls unsere Thesen stimmen. Aber nicht von ungefähr macht er hier die Pressekonferenzen, Karlsruhe, also die Provinz kam dafür nie in Frage.

Die Kandidaten für den Sterneregen sind Sonja Frühsammer und Markus Semmler für den ersten Stern und Matthias Diether (First Floor) und Roel Lintermans (Les Solistes) für den Zweiten.

Für den 3. wird neben dem Reinstoff hartnäckig das Hotel Adlon gehandelt. Die Küche von Hendrik Otto hat das Niveau, genauso wie der Service von Boris Häbel und das weltstädtische Flair am Brandenburger Tor. Aber, das wäre zu einfach!

Der Michelin weiß, die Zeit der unantastbaren Führer ist vorbei, Monopole sind gekippt, Basisdemokratie und Lässigkeit sind gefragt. Um sich selbst behaupten zu können, muss der Michelin mit dem Mainstream gehen und auch im Ausland bekannte Rebellen präsentieren.

Da kommt Tim Raue ins Spiel. Er hat den 2. Stern vor zwei Jahren erhalten. Inzwischen stehen zwei weitere Restaurants erfolgreich unter seiner Führung, die 4. Eröffnung in der Factory am ehemaligen Mauerstreifen kommt voran. Raue ist der einzige deutsche Sternekoch mit so vielen Outlets.

Die Beweisführung scheint schlüssig? Dann gratulieren wir Tim Raue zum 3. Stern! Falls sich die Metropole irrt, schieben wir die Schuld einfach der Provinz zu.

Nikolas Rechenberg