07. Januar 2013

Neue Siegel für Fleisch

Neue Bio-Labels für Verbraucher- und Tierschutz

Von Nina C. Zimmermann

Stammt das Fleisch auf der Theke aus Massentierhaltung oder ist es artgerecht erzeugt? Für Supermarktkunden ist das bislang kaum zu erkennen. Der Deutsche Tierschutzbund und die Tierschutzorganisation Vier Pfoten wollen jetzt aber Abhilfe schaffen: Sie vergeben neuerdings Siegel für tierfreundlich hergestelltes Fleisch. Ab 2013 sollen entsprechend gekennzeichnete Produkte bundesweit im Handel sein. Verbraucherschützer begrüßen die Idee zwar, kritisieren aber eine drohende Labelflut, der Kunden bald gegenüberstehen könnten.

Vorgeschrieben bei beiden Zeichen ist mehr Raum pro Tier, ein tiergerecht beschaffener Stall sowie die Möglichkeit zur Beschäftigung und zum Auslauf. Auch kürzere Transporte zum Schlachthof und eine wirkungsvolle Betäubung vor dem Schlachten sind Pflicht. Anders ist das laut Vier Pfoten bei Bio-Fleisch, bei dem sich die Standards ausschließlich auf die Haltung bezögen, nicht auch auf Transport und Schlachtung. Beide Organisationen bieten zwei Stufen ihrer Siegel an, um auch auf niedrigem Niveau Anreize für den Einstieg in die artgerechte Haltung zu schaffen. Für viele konventionelle Fleischerzeuger wäre schon das ein großer Schritt.

Der Tierschutzbund vergibt sein Siegel «Für mehr Tierschutz» zunächst für Produkte von Masthühnern und Mastschweinen. Etwa 15 Höfe mit Schweinen des Handelsunternehmens Vion und 27 Geflügelhöfe des zum Unternehmen Wiesenhof gehörenden Privathof-Konzepts seien derzeit im Zertifizierungsprozess, teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Ab Mitte Januar sei damit zu rechnen, dass es erstmals entsprechend ausgezeichnete Produkte im Handel geben wird.

Schon bei der «Einstiegsstufe» seien die Anforderungen deutlich höher als die gesetzlichen Regelungen, erläutert der Tierschutzbund. Für großindustrielle Tierhaltung sei das Label aber nicht erreichbar, weil es Gentechnik nicht erlaube und Obergrenzen für die Zahl der gemeinsam gehaltenen Tiere festlege. Die «Premiumstufe» entspreche den aktuellen Erkenntnissen im Tierschutz und sei Ziel für alle Tiere. Nach den Kriterien des Vereins Neuland erzeugtes Fleisch erfülle schon jetzt diese besonders hohen Anforderungen.

Bereits seit Mitte November waren in Ostdeutschland Hähnchenfleisch-Produkte der Marke FairMast mit der Einstiegsstufe des Vier-Pfoten-Labels «Tierschutz-kontrolliert» im Handel. Seit Montag (7. Januar) sind sie in allen Kaufland-Läden auch bundesweit erhältlich. Das Unternehmen Edeka bietet das Fleisch derzeit in Filialen in Minden (Nordrhein-Westfalen) an. Geplant ist das Label auch für Mastschweine und -rinder.

Die «Ein Stern»-Einstiegsstufe ist der Organisation zufolge ein Kompromiss, der auch Ansätze in der konventionellen Landwirtschaft unterstützt, die in Richtung mehr Tierwohl gehen. Stufe zwei, als «Drei Sterne» bezeichnet, sieht darüber hinaus zum Beispiel vor, dass die Hühner auch Auslauf im Freien haben. Anders als beim Tierschutzbund gibt es bei beiden Stufen etwa Vorgaben zum Futter der Tiere und die Anforderung, dass ein schlachtreifes Hähnchen mindestens 56 Tage alt sein muss.

Grundsätzlich sei es eine sinnvolle Sache, Kriterien für die tiergerechte Erzeugung festzulegen und diese dem Verbraucher klarzumachen, sagte Hartmut König von der Verbraucherzentrale Hessen dem dpa-Themendienst. «Es ist gut, wenn Tiere mehr Platz, besseres Futter und weniger Antibiotika bekommen. Negativ ist aber, dass das wohl nicht die einzigen Tierwohl-Zeichen bleiben werden.» Ein Wust von Zeichen könnte entstehen und die Verbraucher verwirren, befürchtet er.

König sieht in den neuen Labeln daher eher den Profilierungsversuch einzelner Organisationen, Hersteller und Handelsunternehmen. «Uns wäre eine gesetzliche Regelung lieber mit klaren Kriterien, die eingehalten werden müssen», sagte der Verbraucherschützer. Das sei zum Beispiel der Vorteil des europaweit gültigen Bio-Siegels: Alle Anbieter müssen sich an die damit verbundenen Vorgaben halten. Laut dem Tierschutzbund bringen Bio-Betriebe außerdem die Grundvoraussetzungen mit, um neben dem Bio-Label auch das neue Label zu tragen. dpa