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22. März 2011

Radioaktive Verstrahlung von Lebensmitteln in Japan

Die radioaktive Verstrahlung von Trinkwasser, Milch, Spinat und anderen Lebensmitteln ist nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besorgniserregend. Wie gefährlich sind die Werte für die Japaner und den Export?

Wie hoch sind die Grenzwerte in Japan?

Die Grenzwerte für Jod-131 und Cäsium-137 werden in Japan zwar etwas anderes berechnet als in der Europäischen Union, sind aber ungefähr gleich hoch. Danach gelten bei allgemeinen Lebensmitteln 2000 Becquerel pro Kilogramm für Jod-131. Jod-131 hat aufgrund des radioaktiven Zerfalls eine Halbwertszeit von acht Tagen. Für das längerlebige Cäsium-137 (Halbwertszeit 30 Jahre) beträgt der Grenzwert in Japan 500 Becquerel pro Kilogramm.

Müssen Lebensmittel aus Japan kontrolliert werden?

Japan importiert viel mehr Lebensmittel als es ausführt. Alle japanischen Lebensmittel, die derzeit in Deutschland auf dem Markt seien, stammten mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Zeit vor dem verheerenden Erdbeben, sagt der Strahlenschutzbevollmächtigte der Universität des Saarlandes, Andreas Wöhr. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt werden seit vergangenem Mittwoch alle pflanzlichen und tierischen Lebensmittel untersucht. Die Importeure seien zudem verpflichtet, die EU-Höchstwerte einzuhalten, sagt Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Warum ist vor allem der Spinat so stark belastet?

Der Blattspinat hat mit seinen großen dünnen Blättern besonders viel von der ausgetretenen Radioaktivität abbekommen. «Alles, was vom Himmel fällt, fällt auf diese Blätter», sagt Kirchner. Gemüse, bei denen das Verhältnis von Oberfläche und Masse geringer ist, sind auch weniger belastet. Dies gilt auch für die Sorten, die jetzt erst so langsam aus dem Boden sprießen. Kirchner und der Leiter des Instituts für Strahlenschutz im Helmholtz-Zentrum München, Peter Jacob, empfehlen den Japanern, den hoch verstrahlten Blattspinat nicht zu essen - solange es Alternativen gibt. In einigen Regionen Japans sind Lebensmittel knapp.

Wie verstrahlt sind Milch und Wasser?

Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl seien in Südbayern durch radioaktives Jod bis zu 20 000 Becquerel pro Liter Milch gemessen worden, sagt Kirchner. «Jede Kuh sammelt pro Tag alles auf, was auf 150 Quadratmetern Weide verteilt ist - wie ein Staubsauger.» Aus Japan seien ihm bislang 1500 Becquerel bekannt. Besonders Kinder sollten diese Milch trotzdem nicht trinken. Die Strahlenwerte des Wassers deuteten daraufhin, dass dies Oberflächenwasser sei. «Im Grundwasser tritt das nicht auf.»

Wie hoch ist das Risiko beim Essen und Trinken?

Wenn ein Erwachsener rund 500 Gramm Blattspinat isst, der mit 20 000 Becquerel Jod-131 pro Kilogramm belastet ist, nimmt er gut 0,2 Millisievert Effektivdosis an Strahlenbelastung auf. Bei einem Kleinkind wären es - beim Verzehr derselben Menge - fast zwei Millisievert. Zum Vergleich: Bei einem Computertomogramm (CT) liegt die Strahlenbelastung bei etwa zehn Millisievert. Mit der Einheit Millisievert wird die biologische Strahlenbelastung des Menschen angezeigt, unabhängig davon, ob diese mit der Nahrung oder über die Haut aufgenommen wurden, oder ob sie eingeatmet wurden. Die Einheit wurde als grobes Maß für das Gesamtkrebsrikio eingeführt.

Wie gesundheitsgefährlich ist radioaktive Belastung?

Von 100 Menschen erkranken statistisch gesehen 45 an Krebs, erläutert Jacob. Wenn diese 100 Menschen eine Effektivdosis von 100 Millisievert abbekommen, steigen die Krebserkrankungen rechnerisch um einen Fall auf 46 - dazu kommt möglicherweise eine schwere Herz-Kreislauferkrankung. Dabei ist die Zeit, in der die Dosis aufgenommen wird, nicht entscheidend. «Wir gehen davon aus, dass das Risiko für Krebs bei 100 Millisievert gleich hoch ist, egal ob akut oder im Laufe von zwei, drei Jahren oder länger aufgenommen», sagt Jacob. Dies gelte allerdings nicht bei höheren Dosen. Um wie viel niedriger das Risiko unter 100 Millisievert ist, ist noch nicht hinreichend erforscht. dpa