Reise
14. August 2012

Reise nach Neapel

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Im Schatten des Vesuvs - Herbst am Golf von Neapel

Von Andreas Heimann

Neapel gehört nicht gerade zu den italienischen Vorzeigestädten. Verglichen mit Venedig, Mailand oder Rom ist die 1,5-Millionenstadt ein Moloch, bei dem viele Deutsche eher an Mafia und Müllberge denken als an Kunst und Kultur, die es in Nepael natürlich auch gibt. Es ist nicht zu übersehen, dass hier an vielen Fassaden der Putz bröckelt, sich am Stadtrand triste Hochhaussiedlungen ballen und viele weniger verdienen als im reichen Norden. Dafür ist Neapel ein idealer Ausgangspunkt für Touren in die Umgebung.

In Pozzuoli zum Beispiel, direkt vor den Toren der Stadt, steht das Anfiteatro Maggiore - mit einem Durchmesser von fast 150 Metern eines der größten ganz Italiens und gleichzeitig das älteste. In seinen besten Zeiten, als Brot und Spiele zum antiken Alltag gehörten, amüsierten sich bis zu 45 000 Zuschauer auf den Rängen. Die Senatoren hatten ihre eigene VIP-Lounge, Schutz vor Sonnenbrand bot ein überdimensionales Segeltuch, das über das offene Dach gespannt wurde, im Kellergeschoss waren die wilden Tiere für die Kämpfe gegen die Gladiatoren eingesperrt.

Löwen wurden der Legende zufolge auf den heiligen Januarius gehetzt - die ihn dann aber doch nicht fressen wollten, woraufhin er gesteinigt wurde. Gläubige Neapolitaner sind überzeugt, dass das Blut des Märtyrers als Reliquie im Dom der Stadt aufbewahrt wird.

Wer in Neapel durch die Straßen schlendert, denkt nicht an den Vesuv - und schon gar nicht daran, wie gefährlich er werden könnte. Dabei ist er immer mal wieder am Horizont zu sehen - vor allem an klaren Tagen mit blauem Himmel, die im Herbst gar nicht so selten sind. So dominierend wie früher ist der Vulkan nicht mehr: Vor seiner gewaltigen Explosion im Jahr 79 nach Christus war er doppelt so hoch.

Ein Ausflug an den Krater gehört für viele Touristen dazu. Die meisten fahren mit dem Bus oder dem Auto in den Parco nazionale del Vesuvio. Schon auf dem Weg dorthin sind von der Autobahn aus riesige schwarze Lavabrocken zu sehen, die seit dem schrecklichen Ausbruch in der Antike dort liegengeblieben sind. Im Nationalpark geht es durch Haarnadelkurven bis auf ungefähr 1000 Meter Höhe, am besten schön langsam. Schon wegen des Gegenverkehrs wäre Rasen hier Selbstmord.

So bleibt Zeit für einen Blick auf die Landschaft, in der die Überreste des jüngsten größeren Ausbruchs von 1944 zu sehen sind, obwohl die Lava inzwischen von Moosen, Flechten und Besenginster überdeckt wird. Nicht zu übersehen ist ein rotes Gebäude mitten in der Pampa. Es ist ein Oberservatorium, das schon im 18. Jahrhundert zur Beobachtung des Vulkans genutzt wurde - ein Startpunkt der Vulkanologie.

Für Busse und Autos ist dann aber bald Schluss - vom Parkplatz aus geht es zu Fuß weiter bis an den Kraterrand. Der liegt nur 200 Meter höher. Aber der Aufstieg ist anstrengend. Wer den Blick bis zum blau leuchtenden Mittelmeer wandern lässt, kann sich gar nicht vorstellen, wie kalt es dort oben wird. Giro, der Guide, der oben am Rand des Kraters entlangführt, trägt zum Dreitagebart zwar Sonnenbrille, aber auch Wollmütze und hat den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Kinn hochgezogen.

Der Wind auf dem Vesuv weht im Herbst manchmal so stark, dass man sich gegen ihn stemmen muss, um überhaupt vorwärtszukommen. Wetterfeste Kleidung und gute Schuhe sind deshalb von Vorteil - auch wenn manche Teenagergruppen gut gelaunt in Shorts bis zum Krater hinaufsprinten. Die Laune ist dann meistens nicht mehr ganz so gut, wenn sie oben ankommen.

In der Region rund um den Vesuv leben heute rund drei Millionen Menschen. Die Vorstellung, dass der schlafende Vulkan irgendwann einmal wieder explodieren könnte, scheint niemanden von ihnen in Panik zu versetzen. Dabei ist das durchaus denkbar - und manche halten es sogar für wahrscheinlich. Was bei einem Ausbruch passiert, ist nirgendwo so gut zu sehen wie in Pompeji. Die Ausgrabungsstätte ist heute eine der wichtigsten Touristenziele am Golf von Neapel.

Millionen von Besuchern aus aller Welt kommen jedes Jahr dorthin. Buchstäblich busseweise landen sie vor dem Eingang zur antiken Stadt, strömen in die Souvenirgeschäfte und an die Stände mit dem ganzen Sortiment an Touristentrödel. Kurz darauf stehen sie auf dem Forum, dem Haupt- und Marktplatz mit den Überresten der Curia - dem Rathaus - und des Tempels, der dem römischen Göttervater Jupiter geweiht war.

Heute geht es dort so lebendig zu wie damals vor der Katastrophe: Tausende von Menschen spazieren an den Säulen und Fresken vorbei, an den ehemaligen Wechselstuben, den öffentlichen Toiletten und den Thermen, in denen noch zu erkennen ist, wo das Kaltwasserbad, wo der Umziehraum und die Sporthalle einmal waren. Und an den Villen der Superreichen: Das «Haus des tanzenden Fauns» auf einer Grundfläche von 3000 Quadratmetern war die größte davon.

Es ist ein ungewöhnliches Gefühl, durch die Straßen einer Stadt zu laufen, die vor fast 2000 Jahren zerstört wurde und dann jahrhundertelang in Vergessenheit geriet. Anders als viele glauben, versank sie nicht unter Lavamassen, sondern wurde verschüttet, als der Vesuv drei Tage und Nächte lang Asche, Sand und Bimsstein in die Luft feuerte und über der Umgebung niederregnen ließ. An manchen Stellen war die Ascheschicht danach zehn Meter dick. Pompeji war verschwunden - schon bald wusste niemand mehr, wo es gewesen war. Die ersten Ausgrabungen gab es 1748 - aber die Ausgräber hatten keine Ahnung, auf was sie gestoßen waren.

Im Römischen Reich war Pompeji eine bedeutende Handelsstadt, in der rund 20 000 Menschen lebten. «Es kamen Kaufleute aus dem ganzen Mittelmeerraum hierher», erzählt Anna Sorrentino bei ihrer Führung durch die antiken Straßen. Thermopolium hieß der Schnellimbiss der Antike, wo zwischendurch fix eine warme Mahlzeit eingeschoben wurde. «Hier diese Marmorplatte war der Tresen», erklärt Anna.

Nur ein Stück weiter sind die Reste einer Bäckerei zu sehen, ein Ofen aus gemauerten Ziegeln und vier Getreidemühlen, die einst von Sklaven gedreht wurden. «Die Ausgräber haben sogar 81 verbrannte Brote gefunden», sagt Anna. «Pompeji hatte insgesamt 35 Bäckereien.» Die Stadt exportierte Getreide, Wein und viel Olivenöl.

Eine etwas gruselige Faszination üben die Gipsabgüsse aus, die in Pompeji zu sehen sind und die einen Eindruck davon geben, wie es war, als die Bewohner der Stadt, die nicht fliehen konnten, bei dem Vulkanausbruch ums Leben kamen: Eine glühende Wolke aus Gas hatte Pompeji erreicht, Menschen und Tiere erstickten und wurden von der Ascheschicht verschüttet. Die Körper verwesten, in die Hohlräume, die dadurch entstanden, ließen Archäologen Gips laufen - so entstanden die eindrucksvollen Abgüsse sterbender Menschen oder Tiere.

Der Klassiker unter den Tagesausflügen am Golf von Neapel ist ein Abstecher nach Capri. Auch im Herbst ist der Himmel dort noch oft so blau wie das Mittelmeer, das von der gerade zehn Quadratkilometer großen Insel von vielen Stellen aus zu sehen ist. Schon wenn Capri bei der Überfahrt mit der Fähre zum ersten Mal ins Blickfeld gerät, versteht man, warum es schon im 19. Jahrhundert für viele Deutsche zum italienischem Traumziel geworden ist. Neapel ist plötzlich weit weg - und Capri eine Welt für sich, in der man sich Müllberge und Mafia schwer vorstellen kann.

Im Gegenteil: Wer mit der Standseilbahn Funicolare auf die fast 150 Meter höher gelegene Piazzetta fährt, hat den Eindruck, hier gehe es überall schick und gediegen zu. Manche Touristen bewegen sich dann nur noch wenige hundert Meter durch die umliegenden Straßen. Aber Capri hat auch ganz andere Seiten, die sich am besten bei einer Wanderung über die Insel entdecken lassen. Ein lohnendes Ziel sind die Giardini di Augusto: Von den Gartenanlagen hat man einen tollen Blick aufs Meer und die Faraglioni, die spitzen Felsformationen vor der Küste, die so typisch für Capri sind.

Ein weiteres Ziel ist die Villa Jovis, der Palast, von dem aus der römische Kaiser Tiberius sein Reich regierte, fernab von Rom. Er liegt direkt an der Steilküste hoch über dem Meer. Die Ruinen geben allerdings nur einen ungefähren Eindruck von den Ausmaßen des riesigen Bauwerks aus dem ersten Jahrhundert nach Christus.

«Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt», wie der Schlager über die Capri-Fischer es schaurig-schön beschwört, sind die meisten Touristen wieder weg. Dann wird es ruhig rund um die Piazzetta. Und manche behaupten, die Insel sei nun sogar am schönsten. Wer Zeit hat, bleibt über Nacht. Allerdings sind die Hotelpreise nicht ganz ohne - den Großteil der Capribesucher zieht es deshalb spätestens mit der letzten Fähre zurück ans Festland. dpa

Der Golf von Neapel

Anreise: Ab Deutschland gibt es Nonstop-Verbindungen nach Neapel zum Beispiel ab Frankfurt am Main, München und Berlin. Die Flugzeit ab Frankfurt beträgt knapp zwei Stunden.

Reisezeit: Im Herbst ist es am Golf von Neapel noch ausgesprochen angenehm. Regenwetter ist die Ausnahme, blauer Himmel die Regel. Baden im Mittelmeer ist im Süden Italiens im September und Oktober kein Problem.

Unterkunft: In Neapel selbst, aber auch entlang des Golfs gibt es eine breite Auswahl an Hotels, die Küste ist traditionell eine beliebte Ferienregion.

Informationen: Italienisches Fremdenverkehrsamt, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt am Main, Tel: 069/23 74 34, enit.it