News
17. November 2014

Slow Food statt Fast Food Slow Food bringt Hessen auf den Geschmack

Die 1986 von Carlo Petrini im Piemont gegründete Bewegung ist inzwischen auch in Hessen aktiv. Im Rheingau kümmert man sich aber neben dem genussvollen Essen auch um vergessene Rebsorten

Von Thomas Maier

Vor einem Jahrzehnt begannen im Rheingau die ersten Winzer, den Roten Riesling anzupflanzen. Inzwischen ist die Sorte, die rotbeerige Ur-Variante des weißen Rieslings, fast hipp geworden. Großen Anteil daran hat die regionale Slow-Food-Bewegung. Die der traditionellen Küche verpflichtete Initiative hat sich im Rheingau früh für die jahrhundertelang vergessene Rebsorte stark gemacht.

Es war also kein Zufall, dass die Weinbauhochschule Geisenheim eine Tagung über den Roten Riesling kürzlich gemeinsam mit Slow Food organisiert hat. Überraschend kamen dazu fast 200 Winzer und Experten. Für Slow Food im Rheingau ein Erfolg. Seit einem Jahrzehnt ist die Bewegung auch in Hessen aktiv.

Unter dem Logo der Weinbergschnecke ist eine Gegenbewegung zum globalisierten Fast Food entstanden. Im Zeichen der Langsamkeit wird die Rückkehr zur regionalen bodenständigen Küche propagiert. Heimische pflanzliche oder tierische Produkte sollen auf den Tisch kommen. "Gut, sauber, fair" lautet die Devise.

Rund 300 Restaurants und Gasthäuser werden in einem Genussführer empfohlen, der bundesweit im vergangenen Jahr erstmals auf den Markt kam. Gefragt ist solides Essen, und keine Feinschmeckerlokale. "So was ist schwierig zu finden", weiß Marion Thomas-Nüssler, die Vorsitzende von Slow Food Rheingau. 170 Mitglieder hat die lokale Gruppe, das sogenannte Convivium.

Der Name stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Tafelrunde. Convivien gibt es auch in Marburg, Nordhessen und Frankfurt, wo sich sogar 600 Begeisterte um Slow Food scharen. Die Rheingau-Sektion hat mit dem ehemaligen hessischen Wirtschaftsminister Ulrich Steger auch einen prominenten "Türöffner" in ihren Reihen.

Beim Restaurant-Test dürfen alle Mitglieder mitmachen. Da geht es nicht nur um die Fleisch- und Gemüsequalität, sondern auch um die Konsistenz der Soßen. Tütchenprodukte sind natürlich ein Sakrileg. Sind die Slow-Food-Leute angetan, muss sich der Koch einem Gespräch stellen. Ob es in der Küche aber dann tatsächlich so zugeht, wie es die Organisation gern hätte, kann niemand überpüfen. "Es ist Vertrauenssache", sagt Thomas-Nüssler, die in Wiesbaden im EDV-Bereich arbeitet.

Im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kostheim betreut sie auch ein Schulgartenprojekt für Slow Food. Die Kinder werden dort mit dem Anbau von Karotten oder Tomaten vertraut gemacht. Das Gemüse können sie dann in der angrenzenden Schulmensa zubereiten, sagt Thomas-Nüssler, die auch eine Ausbildung zur Gärtnerin gemacht hat.

Größtes Projekt des Rheingauer Conviviums ist aber ein geplanter Weinführer, in dem Slow Food erstmals in Deutschland Winzerbetriebe empfehlen will. Es geht dabei nicht nur um den Geschmack des Weines, sondern auch um die Kellertechnik und das Naturverständnis. "Das muss zusammenpassen", sagt Thomas-Nüssler. Zum Jahreswechsel soll der Weinführer mit einer ersten Version online gehen.

Der Rheingauer Weinbauverband sieht Slow Food durchaus als Verbündeten. "Auch wir setzen uns für regionale Vielfalt ein", sagt Präsident Peter Seyffardt. Gerade bei einem "Luxusprodukt" wie Wein sei der von Slow Food geförderte Gedanke des bewussten Genießens wichtig.

Slow Food hat bundesweit ein Arche-Projekt ins Leben gerufen. Wie einst bei Noah dürfen Mitglieder Produkte vorschlagen, die zur Rettung der Menschheit mitgenommen werden dürfen. "Der Rote Riesling wäre ein Kandidat", sagt Thomas Nüssler. dpa