REISE
07. Dezember 2010

Tallinn ist 2011 Europäische Kulturhauptstadt (2)

Reise nach Tallinn: Die Nähe zur Ostsee spielt auch bei vielen anderen Projekten eine Rolle, manchmal auch über 2011 hinaus

Die leichten Wellen klatschen kaum hörbar an das U-Boot im Hafenbecken. Baulärm vom nahegelegenen Hangar übertönt fast jedes Geräusch. Es sieht noch nach viel Arbeit aus, bis das neue Meeresmuseum von Tallinn - gemeinsam mit dem finnischen Turku Europäische Kulturhauptstadt 2011 - fertig ist.

Doch Urmas Dresen blickt zufrieden um sich. Die hellen Pflastersteine rund um das Becken sind schon verlegt und lassen erahnen, wo die Schienen des alten Hafenkrans verlaufen werden, den der Museumsdirektor hier aufstellen lassen will. Spätestens zur Eröffnung Mitte Juli 2011 soll das Gelände wie eine typische Hafenanlage aussehen, sagt er. «Alles andere wäre ein Widerspruch für mich.»

Denn Widersprüche gab es in der estnischen Hauptstadt in Bezug auf seine Lage am Meer lange genug. Einst bekannt als Hansestadt Reval, die vom Handel im Ostseeraum profitierte, war Tallinn als Grenzgebiet während des Kalten Krieges und auch danach noch weitgehend vom Meer abgeschnitten. Die Häfen waren bis 1991 militärisches Sperrgebiet, die Bewohner hatten kaum eine Möglichkeit, ans Wasser zu gelangen. Das soll sich im Jahr 2011 nun endlich ändern, wenn Tallinn Kulturhauptstadt ist. Die Veranstaltungen der nächsten zwölf Monate stehen unter dem Motto «Geschichten am Meer».

Das neu gestaltete Museum ist ein Herzstück des Programms. Auf 8500 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden unter anderem der 1914 in Stettin gebaute Dampfeisbrecher «Suur Tõll» und das einzige U-Boot, das der estnische Staat je besessen hat, zu sehen sein. Letzteres soll das Prunkstück in dem rekonstruierten Hangar sein, an dem noch so emsig umgebaut wird.

Der imposante Betonkomplex mit seinen drei Kuppeln stammt aus der Zarenzeit und war als Parkplatz für Wasserflugzeuge gedacht. «Kurz vor dem Ersten Weltkrieg schien diesen Flugzeugen eine große Zukunft bevorzustehen», erzählt Museumsdirektor Dresen. Ein dänisches Ingenieurteam habe den Hangar so entworfen, dass die Flugzeuge innen wenden konnten, ohne irgendwo anzustoßen. Deshalb gibt es keine störenden Säulen, nur die Kuppeln mit ihren lichtspendenden Laternen überwölben das Innere - der Besucher fühlt sich beinahe wie in einer gotischen Kathedrale. Doch schon 1917 durchkreuzte die Russische Revolution die Pläne, so dass der Hangar nie ganz fertig wurde.

Das Museum ist zugleich Ausgangspunkt einer geplanten Seepromenade, dem «Kulturkilometer». Dieser soll vorbei an einem alten, leerstehenden Gefängnis zur Linnahall führen, einem gigantischen, aus Sowjetzeiten stammenden Konzertgebäude, das nur einen Steinwurf entfernt von der mittelalterlichen Altstadt liegt - und vom Dach aus einen fantastischen Ausblick über die Bucht bietet. «Damit wollen wir die Gegend dort beleben», sagt Maris Hellrand von der Stiftung Tallinn 2011. Cafés in Seefrachtcontainern zum Beispiel sollen dann die Menschen in einen Bereich locken, der bisher eher von verlassenen Industrieflächen und Brachen geprägt ist.

Der neue Küstenstreifen wird wie vieles, was für das Kulturhauptstadtjahr an Bauten geplant ist, aber wohl allenfalls halbfertig sein, wenn das Programm beginnt. Für die Stiftungsvertreterin ist das kein Widerspruch: Nachhaltigkeit sei ein wichtiges Thema in allen Kulturhauptstädten. Viele Dinge würden derzeit rekonstruiert, aber eben nicht nur für das besondere Jahr 2011, sondern darüber hinaus. «Das sind Projekte, die schon lange im Gespräch waren, und das Kulturhauptstadtjahr hat dafür den letzten Anstoß gegeben.»

Tallinn hat eines der niedrigsten Budgets, das je einer Europäischen Kulturhauptstadt zur Verfügung stand. Viel neue Infrastruktur sei daher nicht drin, räumt Maris Hellrand ein. Das ist wohl auch mit ein Grund dafür, warum die Stiftung aus den 900 von Tallinner Bürgern eingereichten Vorschlägen vor allem kostengünstige Projekte für das Programm ausgewählt hat. Das Theater NO99 zum Beispiel will ab Mai in einem mit Hilfe der Stadtbewohner errichteten Gebäude aus Stroh Stücke europäischer und estnischer Künstler zeigen, bei einer Aufführung der Gruppe MIMproject müssen die Zuschauer nachhaltig selbst Strom erzeugen.

34 der ausgewählten 251 Vorschläge haben direkt mit dem Meer zu tun, viele andere beziehen sich im weitesten Sinn darauf. Einer davon ist das auf längere Zeit angelegte Projekt «Arche Noah von Tallinn» von Anatolij Ljutjuk, einem aus der Ukraine stammenden Künstler. Je 100 Holztiere aus fünf Kontinenten sollen eines Tages den Dachstuhl des Grusbeketurms in der mittelalterlichen Mauer füllen, die noch heute weite Teile der Altstadt umschließt. Für 2011 ist vorgesehen, die Tiere von zwei Kontinenten fertigzustellen, den Rest in den darauf folgenden Jahren. Alle Objekte werden beweglich sein: Durch Seilzüge oder per Hand lassen sich Köpfe drehen, Schwänze hoch- oder runterklappen und Beine so verändern, dass die Tiere springen oder rennen.

Die Idee hängt eng mit Ljutjuks Wohn- und Arbeitsraum zusammen: In der Altstadtgasse Laboratooriumi lebt der graubärtige, mit seinem braunen Kapuzenpullover fast mönchisch wirkende Künstler über einer kleinen ukrainisch-orthodoxen Kirche. Dort gibt es die Ikone einer dreihändigen Madonna, der Schutzpatronin von unschuldig Unterdrückten. Dies beziehe sich auch auf gefährdete Teile der Flora und Fauna, erklärt Ljutjuks Sohn und rechte Hand Nestor. Und da sein Vater jeden Tag für die Natur bete, sei er über weitere Projektideen, die sich um bedrohte Tier- und Pflanzenarten drehen, auf die Arche gekommen.

Und während der Künstler ohne Vorwarnung mitten im Gespräch aufspringt und anfängt, irgendetwas in seiner zwischen Holzbalken, niedrigen Decken und gewundenen Treppen verwinkelten Wohnung zu suchen, zeigt sein Sohn noch den an die Kirche angrenzenden Innenhof. In verwilderten Beeten wachsen alte Rosen und Kräuter. Hier war einmal der Heilkräutergarten einer der ältesten noch in Betrieb befindlichen Apotheken Europas, der Raeapteek. Sie liegt direkt am Rathausplatz, mitten in der historischen Altstadt von Tallinn.

Während der alte Apothekergarten auf seine Rekonstruktion noch wartet, ist der historische Stadtkern mit seiner Ober- und Unterstadt bereits seit längerem schön herausgeputzt. Dazu hat die friedliche Wende 1991, als Estland von der Sowjetunion unabhängig wurde und die als «Singende Revolution» in die Geschichte eingegangen ist, nur bedingt beigetragen. Viele Fassaden seien schon 1980 restauriert worden, als im Rahmen der Olympischen Spiele in Moskau die Segelwettbewerbe vor der estnischen Küste stattfanden, sagt Õie Kirs. «Damals wurde für 5 Jahre so viel geplant wie sonst für 20 Jahre», erzählt die Stadtführerin. Nach der Wende seien viele Häuser dann von innen saniert worden.

So können Besucher heute noch gut auf den Spuren der wechselvollen Geschichte Tallins wandeln. Die Dänen zum Beispiel haben im frühen 13. Jahrhundert mit dem Bau einer Bischofsburg auf dem Domberg in der Oberstadt begonnen. Gegründet wurde die Stadt Reval, das heutige Tallinn, kurz darauf von deutschen Ordens- und Kaufleuten. Während in der Oberstadt weiter das Lehensrecht galt, erhielt die Unterstadt wenig später Lübisches Recht, das bis in das 19. Jahrhundert die Rechtsgrundlage blieb, und wurde Mitglied der Hanse.

Am Burgturm, dem «Langen Hermann», wehte über die Jahrhunderte immer die Fahne des jeweils aktuellen Herrschers, erläutert Kirs. Gleich gegenüber liegt die 1900 fertiggestellte Alexander-Newski-Kathedrale mit ihrer rot-weißen Fassade und den für russisch-orthodoxe Kirchen so typischen Zwiebeltürmen. Sie ist das augenfälligste Symbol der nach der schwedischen Zeit im frühen 18. Jahrhundert beginnenden und dann rund 200 Jahre währenden Herrschaft der russischen Zaren. Heute sind Kirche und Burg umgeben von prachtvoll hergerichteten Patrizier-Häusern, in denen Botschaften und Ministerien residieren. «Nach der Wende hat man es gern gehabt, dass Menschen aus dem Westen hierher kamen und die alten Gebäude restauriert hat», sagt Kirs.

In der Unterstadt finden sich dagegen zahlreiche Kontor- und Gildehäuser aus der Hansezeit. Das Schwarzhäupterhaus etwa, einst Wohnsitz der ledigen deutschen Kaufleute und heute für Staatsempfänge genutzt, hat eine auffällige Renaissance-Fassade und eine imposant geschnitzte Tür. Der Name geht zurück auf den heiligen Mauritius, einen dunkelhäutigen Märtyrer, der im Bogenfeld unter dem Portal abgebildet ist. Schräg gegenüber versteckt sich das Haus der Großen Gilde hinter einer großen Bauplane. Dort waren die einflussreichsten Kaufleute und Reeder organisiert, heute beherbergt es das Estnische Historische Museum.

Ganz fertig ist also auch die Altstadt noch nicht - aber das kann, wie die anderen im Entstehen begriffenen Projekte des Kulturhauptstadtjahres 2011, auch ein gutes Omen sein. Es gibt nämlich die Legende, dass Tallinn nie fertiggebaut sein darf - sonst passiere ein Unglück: Ein Gnom aus dem vor den Toren der Stadt gelegenen Ülemiste-See will dann den See über die Ufer treten lassen. Touristen überschwemmen die Stadt zumindest während der Sommermonate allerdings schon heute. (Nina C. Zimmermann, dpa)

Reise nach Tallinn:

ANREISE: Flugverbindungen nach Tallinn gibt es zum Beispiel von Estonian Air, Air Baltic oder Lufthansa. Der Flughafen liegt rund eine Viertelstunde mit dem Taxi von der historischen Innenstadt entfernt.

REISEZEIT: Das Wetter in Estland wird überwiegend von der Nähe zur Ostsee bestimmt. Im Winter sinken die Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt, der sommerliche Durchschnitt liegt bei rund 16 Grad.

UNTERKUNFT: In Tallinn gibt es zahlreiche Hotels, Pensionen und Hostels. Gäste sollten aber rechtzeitig buchen, wenn sie innerhalb der Altstadtmauern wohnen wollen, dort ist das Angebot begrenzt.

GELD: Am 1. Januar tritt Estland der Eurozone bei. Bis dahin entsprechen 15,65 estnische Kronen 1 Euro.

INFORMATIONEN: Estonian Tourist Board, Mönckebergstraße 5, 20095 Hamburg, +49 40 30387899, Baltikum Tourismus Zentrale, Katharinenstraße 19-20, 10711 Berlin, +49 30 89009091

tallinn2011.ee/eng