09. März 2012

Touristisch ist Deutschland an der Spitze

Deutschland spielt im Tourismus in einer Liga mit Konkurrenten wie Spanien und Italien

Von Andreas Heimann

Die Konkurrenz ist nicht von schlechten Eltern: Spanien, Italien, Frankreich und England spielen seit Jahren nicht nur im Fußball, sondern auch im Tourismus ganz vorne mit. Deutschland wurde in dieser Hinsicht lange unterschätzt. Dabei ist es ein touristisches Schwergewicht und legt noch zu.

Gerade Metropolen wie Berlin und Hamburg sind auch bei Touristen aus Madrid oder Manchester längst hip. Der Anteil der ausländischen Gäste steigt. «Deutschland ist Europameister», sagt Reinhard Meyer, Präsident des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). Der Verband hat zur Reisemesse ITB in Berlin (noch bis 11. März) die aktuellen Zahlen vorgestellt.

«Bei den Übernachtungen lagen wir mit 394 Millionen in 2011 zum vierten Mal in Folge auf Platz eins.» Spanien und Italien und Frankreich landeten erst dahinter. Und für 2012 sei es realistisch, die 400-Millionen-Grenze zu knacken. Die Deutschen selbst machen ohnehin traditionell in keinem anderen Land so gerne Urlaub wie im eigenen: 31 Prozent ihrer Urlaubsreisen führten im vergangenen Jahr an Ziele zwischen Rügen und dem Allgäu, ermittelte Prof. Martin Lohmann in der bei der ITB präsentierten «ReiseAnalyse 2012». Und das ist ein sehr stabiler Wert - mit leichten Schwankungen liegt er seit langem in dieser Größenordnung.

«Das ist schon eine Leistung angesichts des globalen Wettbewerbs», sagt Lohmann. Schließlich ist die touristische Landkarte immer bunter geworden und die Auswahl an Alternativen immer breiter. Daten, die die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zur ITB erhoben hat, bestätigen den Trend für 2012: Bei der repräsentativen Umfrage gaben gut 26 Prozent an, in diesem Sommer in Deutschland Urlaub machen zu wollen. Dann folgt eine Zeit lang gar nichts, auf Platz zwei liegt Spanien mit 10,8 Prozent, danach Italien (8,8 Prozent). Innerhalb Deutschlands sind im nächsten Sommer vor allem Nord- und Ostsee (5,3 und 7,5 Prozent) sowie Bayern (4,1 Prozent) gefragt.

Für Christian Schmidt, Geschäftsführer der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein, hat Deutschland nicht zuletzt von einem Imagewandel profitiert: «Vor ein paar Jahren hat man sich noch verstecken müssen, wenn man Urlaub an der Ostsee gemacht hat, heute kann man sich damit problemlos sehen lassen.» Die Einstellung zum Urlaub «zu Hause» habe sich gerade bei den Jüngeren geändert. «Deutschland gilt wieder als trendy», ist Schmidt überzeugt. Hinzu komme, dass es in dieser Frage weniger dogmatisch zugehe: «Diejenigen, die im Sommer mal ganz weit weg wollen, fahren dann im Herbst wieder an die Nordsee.»

Ein Trend zeichnet sich seit Jahren ab: Der Urlaub wird kürzer. «Das kommt dem Inlandsurlaub sehr zugute», sagt Lohmann. Denn wer zwischendurch nur für zwei, drei Tage wegfährt, wolle keine lange Anreise haben - da liegt ist die Nordsee eben näher als die Südsee, auch wenn dort das Wasser blauer sein sollte.

Hinzu kommt, dass die Gäste mit ihrem Urlaub in Deutschland meist ausgesprochen zufrieden sind: 92 Prozent der deutschen und 74 Prozent der ausländischen Gäste gaben bei einer Befragung an, in den kommenden zwei bis drei Jahren erneut Urlaub zwischen Nordsee und Alpen machen zu wollen. «Das ist ein extrem hoher Wert», sagt Mathias Feige, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts dwif, der solche Daten für den DTV zusammenträgt. Die Durchschnittsnote bei der Gesamtzufriedenheit der Gäste liegt bei 1,8, die Skala reicht von 1 bis 5. Das Preisleistungsverhältnis wird mit 2,2 bewertet - alles Werte voll im grünen Bereich.

An der Spitze der beliebtesten Bundesländer liegen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. «Und das bleibt auch so», prognostiziert Prof. Lohmann. Aber besonders die Städte in Deutschland werden immer attraktiver, vor allem die Metropolen Berlin und Hamburg, die bei den Übernachtungszahlen im vergangenen Jahr um 7,5 und 6,5 Prozent zulegten. «Das bleibt sicher auch auf hohem Niveau so, wobei ich nicht sicher bin, ob die bisherigen Zuwachsraten für die Zukunft noch realistisch sind», sagt Lohmann.

Sascha Albertsen, Sprecher von Hamburg Tourismus, macht sich da um die Hansestadt keine Sorgen: «Wir haben die Übernachtungszahlen seit 2001 verdoppelt, vergangenes Jahr waren es 9,5 Millionen. Keine andere Großstadt, weder Barcelona noch Berlin, hatte solche Zuwächse.» Und diese Zahl wäre nach Überzeugung der Hamburger Touristiker noch höher ausgefallen, wenn es an der Elbe genügend Betten gäbe - genau die fehlten aber. «Wir haben die höchste Auslastung in Deutschland», sagt Albertsen. Weil die Nachfrage da sei, werde der Trend anhalten. «Bis 2020 halten wir 18 oder 19 Millionen Übernachtungen für möglich.»

Perspektivisch wird im Deutschlandurlaub allerdings einiges anders, ist DTV-Präsident Reinhard Meyer überzeugt. Das sei schon wegen des demografischen Wandels so. Erstens schrumpft die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten - es gibt also schlicht weniger Deutsche, die in Deutschland Urlaub machen könnten. Um diesen Rückgang wettzumachen, müsse der Anteil der ausländischen Gäste deutlich steigen. «Außerdem haben wir eine immer ältere Bevölkerung», sagt Meyer. «Und da ist noch eine Menge zu tun, um sich diese Zielgruppe zu erschließen.» Die kennt sich schließlich längst auch auf Mallorca gut aus. dpa

Übernachtungszahlen in Deutschland

Bundesweit wurden 2011 rund 394 Millionen Übernachtungen in Hotels, Pensionen und anderen Beherbergungen gezählt - ein neuer Rekordwert. Innerhalb Deutschlands sieht das Bild allerdings sehr unterschiedlich aus: So hat Berlin mit einem Plus von 7,5 Prozent am deutlichsten zugelegt. Das war durchaus typisch für die Großstädte. Bremen und Hamburg liegen mit je 6,5 Prozent auf Platz zwei und drei der Bundesländer mit den größten Zuwächsen, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat.

Ebenfalls spürbar zugelegt haben Nordrhein-Westfalen (5,1), Baden-Württemberg (4,8), Rheinland-Pfalz (4,7), das Saarland (4,6) und Bayern (4 Prozent) haben. Mit etwas geringeren Zuwächsen mussten sich Brandenburg und Sachsen (beide 3,4), Hessen und Sachsen-Anhalt (beide 3,1), Niedersachsen (2,5), Thüringen (1,1) sowie Schleswig-Holstein (0,2 Prozent) zufriedengeben. Das Schlusslicht bei der Entwicklung der Übernachtungszahlen war Mecklenburg-Vorpommern: Hier gab es vor allem wetterbedingt ein Minus von 0,2 Prozent.