REISE
03. Januar 2017

Vietnams Metropolen Saigon und Hanoi

Foto: Pitopia/Alexander

Saigon mit seinen französischen Kolonialbauten und Boulevards hat in Vietnam immer noch den faszinierenderen Ruf. Hanoi im Norden aber bietet 1000-jährige Geschichte und ein Altstadt-Labyrinth mit köstlichen Straßenküchen.

Von Frank Rumpf

Die Frangipanibäume blühen und duften immer noch in Saigon, der heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt. Sie betörten schon den britischen Schriftsteller Graham Greene. Auch das Hotel «Continental» neben der Oper, auf dessen Terrasse sich während der beiden Vietnamkriege Agenten und Korrespondenten trafen, steht noch an alter Stelle und leuchtet in frischem, unschuldigen Weiß.

Doch links und rechts vom Hotel klaffen Baugruben. Ho-Chi-Minh-Stadt ist, wie ganz Asien, längst vom Neubaufieber ergriffen und errichtet wie im Wahn glitzernde Riesen aus Glas und Stahl. Die Metropole im Süden Vietnams mit sieben Millionen Einwohnern hat ihr verschlafenes Image abgelegt und gilt als modernes Wirtschaftszentrum, Verkehrsknotenpunkt und Einkaufsmekka des Landes.

Das französische Erbe ist fast nur noch Staffage. Und oft, wie das Rathaus mit Uhrenturm von 1907, in so grell leuchtenden Farben renoviert, dass man eher an Disneyland denkt als an authentische Zeugnisse der zerrissenen Landesgeschichte. Man könnte vermuten, die Stadtherren hätten mit Absicht den Zuckerbäckeranstrich gewählt, um das alte Beamtenzentrum der Kolonialisten lächerlich zu machen.

Doch erstens tagt im Rathaus heute mit vollem Ernst das Volkskomitee, der ausführende Arm der kommunistischen Stadtregierung. Und zweitens ist es dem Namensgeber der Stadt kaum besser ergangen: «Onkel Ho», wie der Freiheitskämpfer Ho Chi Minh liebevoll genannt wurde, steht auf Hochglanz poliert vor dem Gebäude auf einem Marmorpodest, mit scharfer Bügelfalte in der Uniformhose, gütig winkend.

Unbeeindruckt trifft sich an diesem artifiziellen Ort abends die Jugend der Stadt und schlendert mit dem oder der Liebsten zwischen Blumenrabatten und pulsierenden Wasserinstallationen über den ehemaligen Boulevard Charner. Die breite Straße ist gesäumt von Hotels und Restaurants mit Dachterrassen. Auf ihnen lässt es sich nach Einbruch der Dunkelheit gut verweilen, ein laues Lüftchen weht vom Saigon-Fluss herüber, man blickt hinab auf den Strom der Mopeds und Autos, der zu später Stunde nicht abebbt.

Unter Flaneuren beliebt wie eh und je ist auch die Parallelstraße Dong Khoi, den Graham-Greene-Lesern noch als Rue Catinat bekannt. Sie führt von der Kathedrale Notre Dame hinunter an den Fluss. Dicht an dicht siedeln hier die internationalen Luxusläden, aber auch Cafés und Restaurants im pseudokolonialen Stil mit Zimmerpalmen und Holzventilatoren.

Dem modernen Selbstverständnis der Stadt entspricht eher die stets gut besuchte «Eon Heli Bar» im 52. Stock des Bitexco Financial Tower, dem höchsten Gebäude der Stadt. In die wolkennahe, in blaues Licht getauchte Cocktailkneipe gelangt man durch ein Einkaufszentrum. Vor allem abends ist der Blick aufs Lichtermeer beeindruckend.

Die beste Methode, um zwischen Neubauten und Hochhäusern noch Orte des traditionellen Lebens zu finden, ist eine geführte Moped-Tour. Mit Vespa Adventures saust man als Beifahrer auf alten italienischen Motorrollern durch den Straßenverkehr. Zu den Stationen auf der Vier-Stunden-Route gehören der Volkspark Tao-Dan, in dem Männer morgens ihre Ziervögel in Holzkäfigen ausführen, kleine Blumen- und Fischmärkte, großartige buddhistische Tempel und Pagoden, und auch der Ort, wo sich der Mönch Thich Quang Duc 1963 anzündete, um gegen die Unterdrückung der buddhistischen Bevölkerung zu protestieren.

Der junge Fahrer stürzt sich furchtlos in jede Kurve und umschifft Verkehrsstaus mit kühnen Manövern. Es ist ein Heidenspaß. Einziger Nachteil: Auch die Abgaswolken des Stadtverkehrs erlebt man an jeder roten Ampel unmittelbar.

Auf eigene Faust erkunden lässt sich das Museum für Kriegsrelikte. In dem scheußlichen Klotz war einst die US Information Agency untergebracht und agitierte gegen die Kommunisten. Heute richtet sich darin die Propagandaarbeit umgekehrt gegen die USA und ihre Kriegsverbündeten. Im Hof wird unter Feigenbäumen schweres Gerät als Beute präsentiert: Panzer, Jagdflugzeuge und Hubschrauber der Amerikaner.

Trotz der politischen Vereinnahmung lohnt sich der Rundgang, nicht zuletzt wegen der Ausstellung «Requiem» mit Bildern namhafter Kriegsfotografen wie des Amerikaners Robert Capra, des Deutschen Dieter Bellendorf oder des Japaners Bunyo Ishikawa. Auch Solidaritätsplakate der DDR sind zu sehen. Nirgendwo in der Stadt spürt man so sehr die Schrecken dieses Krieges, der fern wirkt, doch erst vor einer Generation endete.

Ein Kriegsmuseum gibt es auch in der Metropole des Nordens - in Hanoi, der Hauptstadt Vietnams. Sie ist von Ho-Chi-Minh-Stadt immerhin 1700 Kilometer entfernt, so weit wie Hamburg von Rom. Aber wer das Kriegsmuseum unten am Saigon-Fluss gesehen hat, kann es sich oben in Hanoi sparen. Weitere Doppelungen bestehen: Auch Hanoi hat eine von den Franzosen errichtete Kathedrale und ein altehrwürdiges Hotel, das «Metropole», in dessen «Bambusbar» hervorragende Cocktails serviert werden. Den besonderen Charme Hanois macht aber das Straßenleben aus.

Die weitgehend niedrig bebaute Kapitale wirkt im Vergleich zu Ho-Chi-Minh-Stadt fast provinziell. Sie profitiert von einer idyllischen Lage um den Hoan-Kiem-See, der wie Hamburgs Außenalster in kaum einer Dreiviertelstunde zu umrunden ist. Am Ufer üben sich Bürger im Federballspiel, Gesellschaftstanz oder auch im Body Building an öffentlichen Trainingsgeräten.

Gleich am See beginnt auch das Altstadtviertel mit 36 labyrinthischen Handwerkergassen: Seidengassen, Blumengassen, Schuhmachergassen, Gassen für Fahnen und Hausaltäre. Straßenküchen sind allgegenwärtig, mit Plastikstühlchen wie für Kinder. Offenbar gilt: je niedriger der Stuhl, desto billiger das Essen. Verliert man in dem Irrgarten die Orientierung, ist die einfachste Lösung, die nächste größere Straße zu suchen und ein Taxi herbeizuwinken.

Zwei Dinge sollte man in Hanoi kulinarisch nicht verpassen: Pho, die klare Rindfleischsuppe mit Bandnudeln, Frühlingszwiebeln, Koriander, Basilikum, Minze und ein paar Spritzern Limette. Eine Schale kostet auf der Straße kaum einen Euro, man isst sie traditionell vormittags, als erstes oder zweites Frühstück, bekommt sie aber den ganzen Tag. Und Caphe trung, ein starker Kaffee mit süßem Eierschaum aufgefüllt wie eine italienische Zabaione. Vietnam ist ein Land der Kaffeetrinker und einer der größten Bohnenproduzenten der Welt.

Im Regierungsviertel - ebenfalls gut zu Fuß zu erkunden - steht das markanteste Gebäude der Stadt, das Ho-Chi-Minh-Mausoleum. In dem Marmorwürfel wurde der Staatsheld entgegen seinem letzten Willen einbalsamiert aufgebahrt. Vom riesigen Ba-Dinh-Platz davor haben im Ausland vermutlich nur wenige gehört; dabei ist er kaum kleiner als der gigantische Tian'anmen-Platz in Peking.

Hinter dem Mausoleum liegt der Präsidentenpalast mit Garten, Teich und einem schlichten Stelzenhaus, in dem Ho Chi Minh lebte und arbeitete. Ein amüsantes Detail der Anlage ist die Garage mit dem Fuhrpark des Revolutionärs, heute alles verblüffend kleine Oldtimer wie der sowjetische Pobeda von 1955 oder der Peugeot 404.

Das mit Abstand schönste Gebäude Hanois ist allerdings der Literaturtempel, eine halbe Stunde zu Fuß vom Mausoleum entfernt. Mehr als 800 Jahre war er das Zentrum konfuzianischer Bildung. Hier mussten die Beamten des Landes zum Staatsexamen antreten. Durch große Portale wandert man durch fünf Innenhöfe mit kleinen Teichen, Tempeln, Zeremonienhallen und steinernen Schildkröten. Leider ist es meistens sehr voll.

Der Literaturtempel lässt erahnen, wie alt Hanoi ist. 2010 feierte die Stadt ihr 1000-jähriges Bestehen. Das ehemalige Saigon ist dagegen nur rund 300 Jahre alt. Schon aus Altersgründen ist deshalb zu sagen: Hat man nur Zeit für eine der beiden Metropolen, sollte man das geschichtsträchtigere und vielseitigere Hanoi wählen. dpa

Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi

Klima und Reisezeit: Im Norden subtropisches, im Süden tropisches Klima. Beste Reisezeit ist das Winterhalbjahr bis März. Allerdings kann es dann in Hanoi recht kühl sein.

Anreise: Vietnam Airlines fliegt von Frankfurt/Main nonstop nach Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi, in rund 12 Stunden. Lufthansa fliegt zum Beispiel über Bangkok und dann weiter mit Partner-Airlines wie Thai Airways. Zwischen Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi verkehren mehrmals täglich neben Vietnam Airlines verschiedene Low-Cost-Gesellschaften.

Einreise: Deutsche Touristen können sich maximal 15 Tage visumfrei in Vietnam aufhalten. Der Reisepass muss mindestens noch sechs Monate gültig sein.

Übernachtung: Einfache und saubere Pensionen gibt es in beiden Städten ab 20 Euro pro Nacht und pro Person. Gute Mittelklassehotels beginnen bei 80 Euro pro Nacht, Luxushotels ab 200 Euro pro Nacht.

Währung: 1 Euro sind rund 25 000 Vietnamesische Dong (Stand: Dezember 2016).

Ausflüge: Von Ho-Chi-Minh-Stadt ist das Mekong-Delta nicht weit, für einen Tagesausflug eignet sich etwa der Ort My Tho, verbunden mit einem Bootsausflug zu einer der Inseln im Delta. Von Hanoi aus führen Ein- bis Zweitagestouren zur berühmten Ha-Long-Bucht.

Informationen: Informationsbüro Vietnam, c/o Indochina Services GmbH & Co KG/ICS Travel Group, Karlstraße 42, 80333 München (Tel.: 089/219098660, E-Mail: info@is-eu.com, icstravelgroup.com).