News
30. Mai 2014

Weinelf wiederholt Wunder von Bern

60 Jahre nach dem spektakulären Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn hat die Weinelf, die Fußballnationalmannschaft der deutschen Winzer, im schweizerischen Salgesch die ungarischen Berufskollegen mit dem gleichen Ergebnis von 3:2 bezwungen

Wein- und Sportreporter Rudolf Knoll berichtet:

4. Juli 1954 im Wankdorf-Stadion in Bern: Deutschland wird mit einem überraschenden 3:2 gegen die vier Jahre ungeschlagenen Ungarn Fußball-Weltmeister. Der Schütze des Siegestores heißt Helmut Rahn. 60 Jahre später, wieder in der Schweiz, im Stadion in Salgesch im Wallis. Deutschland spielt erneut gegen Ungarn. Aber diesmal sind es die Weinteams aus beiden Ländern, die sich in einem spannenden Turnier ins Endspiel durchgekämpft hatten. Der erlösende Treffer wieder zum 3:2, diesmal in der Verlängerung, geht auf das Konto von "Helmut Rahn". Denn so heißt seitdem Jungwinzer Fabian Schmidt aus Oberrotweil. Wer im Weingut Bercher-Schmidt anruft und "Helmut" verlangt, wird vom Vater sofort mit dem 31-Jährigen verbunden ...

Dass er nach einem extrem spannenden Match in der 5. Minute der Verlängerung nach einem Pass von Pascal Sohns traf, war Ausführung eines Befehls. Spielführer Andy Spreitzer, der für das Endspiel ausgefallen war, meinte in der kurzen Beratung vor den letzten Minuten: "Fabian, du machst das 3:2 und wir gewinnen." So war es denn auch, weil Torhüter Jürgen Fladung kurz vor dem Abpfiff noch einen von ihm selbst verursachen Elfmeter der Ungarn parierte - und damit einen Freudentaumel bei der Weinelf auslöste.

Auch zuvor war der Spannungspegel sehr hoch, wie der Torreigen andeutet. Zunächst gingen die spielstarken Ungarn in Führung. Dann schoss Christian Gebhardt mit einem seiner gefürchteten Distanzschüsse fast den ungarischen Keeper in dessen Tor: 1:1. Wieder gingen die Ungarn in Front, weil Abwehrrecke Steffen Röll einen Elfmeter nicht vermeiden konnte. Als kurz vor Schluss Michael Gutzler nach einer Traumkombination mit Pascal Sohns noch den Ausgleich schaffte, hätte ihn 11er-Verursacher Röll "am liebsten bis nach Lausanne getragen."

Gefeiert wurde nach diesem "Herzinfarkt-Finale" (Weinelf-Organisationschefin Erica Fischbach) ausgiebig. Und dabei nicht vergessen, wie beschwerlich der Weg ins Finale war. Das erste Duell gegen die Schweiz wurde nach Treffern von Julian Semet und Pascal Sohns noch eher locker mit 2:1 gewonnen. Die gastgebenden Eidgenossen (die am Ende den letzten, 6. Platz belegten) hatten Glück, dass den Weinelf-Schützen das Pech an den Füßen klebte und etliche Topchancen vergeben wurden.

Als Gruppenzweiter hinter Italien (1:1 gegen die Weinelf, Torschütze Christian Gebhardt mit einem präzisen Freistoß) zog man ins Halbfinale ein und erlebte einen Fußballkrimi der Sonderklasse. Die Slowenen forderten der deutschen Weinelf alles ab. Wieder sorgte Christian Gebhardt, von allen nur "Gebi" genannt, für den Führungstreffer durch einen Elfmeter. Dann fiel das 1:1. Michael Gutzler brachte das deutsche Team wieder in Führung, aber vor dem Abpfiff wurde noch der Ausgleich kassiert. Also Verlängerung und schließlich Elfmeter-Schießen.

Zuerst verwandelte der Rheinhesse Stefan Winter, dann verschoss Julian Semet - und hätte gleich darauf Torhüter Jürgen Fladung am liebsten abgebusselt, weil er den Elfer der Ungarn parierte. Anschließend zeigten sich Pascal Sohns, Fabian Schmidt (der später zum "Helmut" wurde), Christian Gebhardt und Michael Gutzler treffsicher, während der letzte ungarische Schütze das Ziel verfehlte - Endspiel erreicht.

Es folgte tags drauf das dramatische und aus Sicht der Weinelf jetzt schon legendäre 3:2 gegen Ungarn. Ein bisschen trauerte man im Anschluss mit den tapferen Schweizer Gastgebern, die eine großartige Europa-Meisterschaft ausgerichtet hatten, aber erfolglos blieben. Dritter wurde am Ende Italien vor Slowenien (Meister 2012) und Österreich. Ein paar Wermutstropfen waren Verletzungen bei der Weinelf im Verlauf des Turniers. Härter erwischte es Michael Kern, Carsten Strauß und Andy Spreitzer, der aber seinen Bänderriss als Kapitän standesgemäß kommentierte: "Wenn man Europameister wird, spürt man so etwas nicht und steckt das locker weg."