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03. Juli 2012

Weinhotel am Rhein leidet unter Bahn

Die Bewohner des Rheintals leiden unter dem Bahnlärm - zu ihnen zählt auch Martina Lorenz, die das Weinhotel Landsknecht in St. Goar betreibt

Von Christian Schultz

Auf der gegenüberliegenden Rheinseite thront die Burg Maus, daneben ragen Weinberge empor. Es ist ein idyllischer Fleck, an dem das Weinhotel Landsknecht in St. Goar steht. Doch plötzlich ertönt ein dumpfes Grollen, das in ein lautes Quietschen mündet. Ratternd passiert ein Güterzug das Hotel. So geht das jeden Tag etliche Male in dieser vom Bahnlärm geplagten Region - zum Leidwesen von Martina Lorenz, die das Weinhotel betreibt. «Es ist schlimmer geworden», sagt sie. «Früher waren es nicht so viele Züge.»

«Es ist schade, weil viele Gäste die schöne Region unter dem Fokus Bahnlärm sehen», klagt Lorenz. Diese Eindrücke würden im Internet über Bewertungsportale weitergereicht und verbreiteten sich schnell. Das führe letztlich dazu, dass einige gar nicht erst nach St. Goar in das Hotel mit seinen 21 Zimmern kommen. «Sie können die Fenster nachts einfach nicht aufmachen», sagt die Geschäftsführerin. Regelmäßig beschwerten sich Besucher über den Krach. «Wenn mich jemand fragt, wo es ruhig ist, sage ich ihnen: Im Hunsrück.»

Angesichts dessen hat die 42-Jährige, die seit 2005 Chefin des Hotels ist, schon rund 200 000 Euro für Schallschutzfenster, spezielle Dämmungen der Wände und Klimaanlagen ausgegeben. Wie die Situation verbessert werden könnte, davon hat Lorenz sehr konkrete Vorstellungen. Kurzfristig wünscht sie sich ein Nachtfahrverbot für besonders laute Züge, mittelfristig ein komplettes Verbot für diese Ruhestörer. «Und langfristig bräuchte man eine neue Trasse», sagt sie. «Hier sehe ich die Politik in absolutem Handlungsnotstand.»

Diese Forderungen teilen viele in der Region - etwa die Bürgerinitiative «Pro Rheintal» und auch der Stadtbürgermeister von St. Goar, Walter Mallmann. «Der Bahnlärm ist das größte Problem bei uns in der Stadt», sagt der CDU-Politiker. Manche Güterzüge seien so laut, dass Beerdigungen auf dem Friedhof nahe der Bahntrasse unterbrochen werden müssten. «Irgendwann wird hier keiner mehr leben wollen.» Hinzu komme, dass rund um die Uhr Gefahrgutzüge durch den linksrheinischen Ort rollten.

Lorenz engagiert sich wie viele Bürger der Gegend in Initiativen oder bei Bürgerversammlungen, investiert eine Menge Mühe und Zeit. «Die könnte ich besser nutzen, und es führt zu viel Frust», sagt sie. «Meiner Meinung nach sind die Mittelrheiner zu duldsam.»

Doch damit nicht genug der Sorgen für das Weinhotel. Denn sollte die umstrittene Mittelrheinbrücke doch noch gebaut werden, würde sie nach den bisherigen Planungen mehr oder weniger im Vorgarten des Hauses stehen. «Dann hänge ich eine rote Laterne auf und nenne das Ganze Brückenschänke», scherzt Lorenz. Im rot-grünen Koalitionsvertrag steht zwar, die Pläne zum Bau einer Mittelrheinbrücke würden nicht weiter verfolgt und stattdessen ein ausgeweiteter Fährbetrieb bis 2016 erprobt. Endgültig vom Tisch ist aber auch eine solche Rheinquerung bei St. Goar noch nicht.

Lorenz würde davon wenig halten - im Gegensatz zu mehreren Landräten in der Region. Es mangele an dieser Stelle des Rheins auf beiden Seiten an Zu- und Abfahrtswegen, findet sie. «Die Brücke würde mehr Verkehr produzieren, und der würde sich hier konzentrieren.» Sie würde einen Tunnel zwischen Rüdesheim und Bingen favorisieren, auch weil dort die Anbindung an das Autobahnnetz besser sei.

Während sie das sagt, nähert sich ein weiterer Güterzug und taucht das Tal in einen Lärmteppich. «Gesegnet sei der Rhein», steht über einem Bogen im Gastraum des Weinhotels - ein frommer Wunsch bei all den Problemen und Kontroversen. Lorenz hat trotz allem nie ernsthaft darüber nachgedacht, von St. Goar wegzugehen. «Wo soll ich mit dem Hotel denn hin, ich kann es ja nicht auf Räder setzen», sagt sie. «Außerdem bin ich hier geboren.» dpa