Reise
16. Dezember 2011

Wintersport in Oberstdorf

foto-pitopia

Kaum ein Wintersportort ist für deutsche Urlauber leichter und schneller erreichbar als Oberstdorf

Von Bernhard Krieger

Wer an Abulie leidet, sollte seinen Winterurlaub unter gar keinen Umständen in Oberstdorf verbringen. Abulie bezeichnet eine krankhafte Unentschlossenheit. Und wer sich nur schwer entscheiden kann, ist in Deutschlands südlichster Gemeinde aufgeschmissen. Das größte Ski-Gebiet im Allgäu quält Unentschlossene im Winter nämlich mit fast unendlich vielen Möglichkeiten. Wem nur Skifahren in den Winterferien viel zu langweilig ist, muss der traditionsreiche Urlaubsort an der Grenze zum österreichischen Kleinwalsertal deshalb wie ein Paradies vorkommen.

Alpin-Skifahrer haben gleich fünf Berge mit insgesamt 124 Pistenkilometern in dem einzigen grenzüberschreitenden Skigebiet Deutschlands zur Auswahl. Das größte ist das Fellhorn mit den an der 2058 Meter hohen Kanzelwand entlang führenden Abfahrten ins Kleinwalsertal nach Österreich. Direkt unterhalb der Kanzelwand kommen auf der steilen Zweiländer-Abfahrt die Buckelpisten-Freaks auf ihre Kosten. Häufig sieht man dort Tatjana Mittermayer mit ihren Buckelpisten-Kursen. «Oberstdorf ist für gute Skifahrer einfach Klasse», sagt die Olympia-Zweite im Buckelpistenfahren von Nagano 1998.

Rund um die Hütte «Alpe Obere Bierenwang» mit ihrer großen Sonnenterrasse geht es dagegen sehr viel gemächlicher zu. Auf sanft gewellten Pisten gleiten Genießer hinunter zum «Balzplatz». Dies ist eine Hütte, deren Namen wohl nicht nur von turtelnden Auerhähnen herrührt, sondern wohl auch von flirtwilligen Skihasen und deren Jägern, die sich im Frühjahr an der Bar tummeln.

Das weitaus anspruchsvollere Gebiet ist der Oberstdorfer Hausberg. Das 2224 Meter hohe Nebelhorn bietet bis ins späte Frühjahr einen grandiosen Spielplatz für Tourengeher und Freerider, die sich im «Ortovox-Trainingcenter» für den Ernstfall im Umgang mit dem abseits der Pisten obligatorischen Lawinenverschütteten-Suchgerät üben können.

Auch ein ABS-Lawinen-Airbag sollte im Gelände mittlerweile selbstverständlich sein. So ausgestattet kann man den tollen Blick vom höchsten Berg des Allgäus über 400 Gipfel unbeschwert genießen. Abwärts geht es vorbei am Iglu-Hotel und der einzigen Halfpipe Deutschlands über die mit 7,5 Kilometern längste Talabfahrt des Landes zurück nach Oberstdorf.

Für Familien mit kleinen Kindern eignet sich am besten das Söllereck mit seinen drei Skischulen und Anfängerliften. Wer unbedingt alle fünf Ski-Gebiete abfahren will, macht dann noch einen Ausflug zum Walmendingerhorn und zum Ifen mit seinem sanft geschwungenen Gottesackerplateau.

Ähnlich wie die Ski-Berge sind auch die Langlauf-Loipen rund um die 10 000-Seelen-Gemeinde im Tal verstreut. Neben 75 Kilometer gespurten Klassik-Loipen gibt es weitere 55 Kilometer für die Anhänger der Skating-Technik. Zehn Kilometer Loipen sind den ganzen Winter über beschneit. Diese waren Teil der Nordischen Ski-WM 2005.

Die Fernseh-Übertragungen von dem Sportereignis waren für das 815 Meter hoch gelegene Oberstdorf eine gute Werbung. Auch das jährliche Auftaktspringen zur Vierschanzen-Tournee Ende Dezember trägt den Namen des Wintersportortes in die ganze Welt. Die Ski-Sprung-Arena gleich neben der Nebelhorn-Bahn ist zu einem Wahrzeichen des Ortes geworden. Mutige können dort sogar in speziellen Kursen das Skispringen erlernen. Dabei ist das Zuschauen allein schon aufregend genug.

Zur Entspannung nach dem Besuch der Ski-Sprung-Arena sollte man eine Runde auf den 140 Kilometer Winterwanderwegen drehen oder durch die gerade im Winter faszinierende Breitachklamm spazieren. Die Wasserfälle in der tiefsten Felsenschlucht Mitteleuropas sind dann gefroren und glitzern wie Kristalle.

Auch in der Fußgängerzone geht es geruhsam zu. Mit seinen vielen Geschäften und Lokalen hebt sich der Ort rund um die schneebedeckte St. Johann-Kirche wohltuend von Skidörfern in den Alpen ab, in denen sich ein Sportgeschäft an das andere reiht. Oberstdorf ist auch kein Partydorf - eher schon ein Ort für Genießer.

Im einzigen Fünfsterne-Haus des Ortes, dem Parkhotel Frank, kommen Gourmets ebenso auf ihre Kosten wie im Landhaus Freiberg, das die Tochter des Oberstdorfer Skisprung-Idols Max Bolkart führt, der 1960 als erster Westdeutscher die Vierschanzen-Tournee gewann. Das von Margret Bolkart-Fetz und ihrem Mann gegründete Restaurant Maximilians wurde als einziges Haus in Oberstdorf jüngst sogar mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet.

Kulinarische Spitzenleistungen neben deftig bayerischer Küche runden das Bild ab. Oberstdorf hat damit alles, was man sich als Winterferienort nur wünschen kann. Nur eins fehlte dem Allgäuer Ferien-Vorzeigeort in den vergangenen Jahren: Kontinuität im Fremdenverkehrsamt. Seit 2005 verschlissen die Oberstdorfer vier Tourismusdirektoren. Vielleicht leiden einige Oberstdorfer ja auch an Abulie? dpa

Reise nach Oberstdorf

Anreise: Oberstdorf liegt im südlichen Bayern an der Grenze zu Österreich. Es ist per Auto und Bahn direkt erreichbar. Die nächsten Flughäfen sind Memmingen, Friedrichshafen und München.

Reisezeit: Die Skisaison dauert von Anfang Dezember bis Ende April.

Informationen: Tourismus Oberstdorf, Prinzregenten-Platz 1, 87561 Oberstdorf, Tel: 08322/7000, oberstdorf.de