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01. Juli 2014

Bahlsen nimmt Abschied vom Kaffeekränzchen

Foto: snygo

Vor 125 Jahren nahm die «Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen» ihre Arbeit auf - mit zehn Mitarbeitern. Heute sind es mehr als 2500. Verstärkt bemüht sich Bahlsen inzwischen um neue Märkte, etwa in China. Die Herausforderung dabei: Geschmäcker sind verschieden

Von Heiko Lossie

Wenn es nach den Konsumgewohnheiten des Chefs geht, sind die Zeiten für den Gebäckhersteller Bahlsen in bester Ordnung. Er verdrücke ja meistens nicht nur einen Keks pro Tag, verrät Werner Michael Bahlsen, Herr über den Gebäckriesen aus Hannover. "Ich bin sicher einer unserer guten Konsumenten", räumt er ein und fügt noch an, beständige Qualitätstests seien ja schließlich auch Chefsache.

Doch der Chef ist nicht der Maßstab. 125 Jahre nach der Gründung der Hannoverschen Cakesfabrik H. Bahlsen ist das Geschäft mit Gebäck im Umbruch. Seine jahrzehntelange Heimat, das Kaffeekränzchen, verliert an Bedeutung. Stattdessen spielen individueller Genuss und der Konsum unterwegs eine wachsende Rolle, wie Bahlsen betont.

"Sicher ist, dass Süßgebäck zunehmend unterwegs gegessen wird, auf der Straße, im Büro, in der U-Bahn", erläutert die Pressestelle. Und: "Single-Haushalte nehmen zu, deswegen werden kleinere Packungsgrößen wichtiger." Der Trend zum Genuss zwischen Tür und Angel hat sich in der Bahlsen-Produktpalette schon niedergeschlagen. So hat der 1891 erfundene Leibniz-Butterkeks, in dem der Markenkern des Unternehmens schlummert, moderne Konkurrenz. Da ist zum Beispiel der Pick-Up-Riegel, mit dem sich der deutsche Süßgebäckmarktführer 125 Jahre nach seiner Gründung um die Gunst jüngerer Kunden bemüht.

Ohnehin scheint das Bild vom Kaffeekränzchen rund um Omas Keksdose zu verblassen - Bahlsen spricht heute vom "Keks 2.0" oder der "Snacking Society". Und dabei zieht süßes Naschen alleine offenbar nicht mehr. So bietet Bahlsen Frühstückskekse inklusive Weizenvollkornmehl, Hafer und Dinkel für alle, die schon morgens eher wenig Zeit haben.

Doch auch wenn die moderne Gebäckwelt hektischer erscheinen mag, so sind viele Kunden bei einem Aspekt auf Weitblick aus: Nachhaltigkeit. "Konsumenten erwarten von einem Markenhersteller, dass er nachhaltig wirtschaftet und entsprechende Rohstoffe einsetzt", heißt es bei Bahlsen. Man verweist auf Weizen aus kontrolliertem Vertragsanbau, am besten von der Mühle aus der Region. Chef Werner M. Bahlsen besuche die Kakaogenossenschaft in der Elfenbeinküste oft persönlich. Eier kämen nur noch aus Bodenhaltung. Vor einigen Jahren hatte Foodwatch Bahlsen für seine Käfig-Eier kritisiert und zu Protest aufgerufen.

Vergangenes Jahr kam Bahlsen auf 572 Millionen Euro Umsatz. Dahinter standen 142 000 Tonnen Produkte. Von den mehr als 2500 Mitarbeitern arbeiten knapp 2000 hierzulande.

Und in Zukunft? Will Bahlsen weiter expandieren. Während die Marke in Deutschland schon bei gut 90 Prozent Bekanntheitsgrad liege, stecke etwa im arabischen Raum noch viel Potenzial. Eine Zielgruppe dort sind verheirateten Frauen, die Gäste am Vormittag zu Tee und Keksen bitten. Oder China: Statt Schokolade- und Karamellfüllungen setzt Bahlsen dort eher auf Fruchtfüllungen. Und die Form der Kekse habe da nicht nur praktische Erwägungen. Kreisrund stehe in China für Glück. Eines funktioniere im Reich der Mitte übrigens gar nicht: dunkle Schokolade. Die sei den chinesischen Gaumen ganz einfach zu bitter. dpa