News
18. Februar 2014

Brot und Bier als Weltkulturerbe

© pitopia, Foto: Karsten Mügge

Das Bäckerhandwerk wirbt für die Aufnahme der deutschen Brotkultur in die Unesco-Liste des immateriellen Welterbes

Damit solle die Vielfalt des deutschen Brotes anerkannt werden, sagte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, Peter Becker, heute in Berlin. Die Bundesländer sammeln bis Mitte April die Anträge aus den diversen Kulturbereichen. Dann geht das Verfahren auf nationaler Ebene weiter, bis die UN-Organisation Unesco schließlich im Jahr 2016 über die Aufnahme in ihre Listen entscheidet. Die Brotkultur hat einen starken Konkurrenten aus dem eigenen Land: Auch das Reinheitsgebot für Bier ist im Rennen.

Mehr: Beste Bäcker gesucht

Das immaterielle Kulturerbe der Unesco
Das Unesco-Abkommen zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes ist seit 2006 in Kraft. Zu diesem Erbe gezählt werden "Bräuche, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten - sowie die dazu gehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturellen Räume - (...), die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen". Traditionelle Handwerkstechniken werden in der Übereinkunft als eine von mehreren Ausdrucksformen genannt. Weil Deutschland dem Abkommen erst 2013 beitrat, steht noch kein deutsches Kulturgut im Verzeichnis der Unesco. dpa

 

Deutsches Brot und Bier auf dem Weg zum Weltkulturgut

Für das geplante deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes sind 128 Vorschläge eingangen. Darunter sind Handwerkskünste, Bräuche und Musikformen. Die Brauer hoffen darauf, dass das Reinheitsgebot des Bieres anerkannt wird. Die Bäcker wünschen sich ein Prädikat für die deutsche Brotkultur.

Was versteht die Unesco unter immateriellem Kulturerbe?

Die Weltkulturorganisation zählt zu diesem geistigen Erbe lebendige Traditionen, Ausdrucksformen, menschliches Wissen über Natur und Universum, darstellende Künste und traditionelle Handwerkstechniken.

Welche Ziele verfolgt das Unesco-Abkommen?

Was die Unesco in einem Verzeichnis dokumentiert, soll von der jeweiligen Gruppe mit Hilfe der Staaten und der Unesco selbst erhalten werden. Ein besonderer Schutz ist damit nicht verbunden. Das Abkommen verweist darauf, dass Traditionen sich verändern und an den Menschen und dessen aktive Überlieferung gebunden sind.

Was unterscheidet das immaterielle Kulturerbe vom Weltkulturerbe?

Unter das immaterielle Kulturerbe fallen nach Unesco-Definition Traditionen, Bräuche, menschliches Wissen und Können. Im Gegensatz dazu gelten als Weltkulturerbe ausschließlich Baudenkmäler, Stadtensembles sowie Kultur- und Naturlandschaften.

   Die beiden Begriffe basieren auf zwei unterschiedlichen Unesco-Abkommen. Dem Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt trat Deutschland 1976 bei. Das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes ist seit 2006 in Kraft. Mehr als 150 Staaten haben es unterzeichnet, Deutschland ist seit Juli 2013 dabei.

Welche Kulturgüter hat die Unesco schon geadelt?

In einer «repräsentativen Liste» der Unesco sind mittlerweile 281 traditionelle Kulturformen aus allen Weltregionen aufgeführt. Dazu gehört etwa das Krabbenfischen auf Pferden in Belgien und das brasilianische Festival «Cirio de Nazaré», eine der weltweit größten religiösen Prozessionen. In einer weiteren «Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes» gibt es bislang 35 Einträge. Im Dezember kam zum Beispiel ein Maisanbauritual aus Guatemala hinzu.

Welchen Wert hätte die Anerkennung der deutschen Brotkultur oder des Reinheitsgebots für Bier in das Unesco-Verzeichnis?

Den Bäckereien, die nach traditioneller Art backen, brächte das einen Imagegewinn. Sie können auf die besondere Auszeichnung auch in der Werbung verweisen. Da gälte aber auch für industriell gefertigte Backwaren, bei denen möglicherweise Zutaten minderer Qualität zum Einsatz kommen. Beim Bier wäre es ähnlich: Die Würdigung des Reinheitsgebots durch die Unesco würde deutschen Brauern im Wettbewerb mit ausländischer Konkurrenten helfen.

Hätte eine Unesco-Auszeichnung Folgen für die Zutatenliste oder die Herstellungsweise von Brot in Deutschland?

Nein. Die UN-Organisation macht den Herstellern keine entsprechenden Vorschriften.

Wer hat sich sonst noch um die Aufnahme ins Unesco-Verzeichnis beworben?

Unter den 128 Vorschlägen, die bis zum Fristende im November bei den Kultusministerien der Bundesländer eingingen, sind Handwerkskünste, Bräuche und Musikformen. Zu den Anwärtern zählen unter anderem der Rheinische Karneval, der Chorgesang sowie der Kratzputz an historischen Fachwerkhäusern.

Wie sieht das Verfahren der Unesco aus?

Bis Ende November mussten die Bewerbungen eingereicht werden. Bis April treffen die Bundesländer eine Vorauswahl für das bundesweite Verzeichnis. Die ersten Einträge in die nationale Liste sollen in diesem Herbst präsentiert werden. Ein Komitee wählt dann die geistigen Kulturgüter aus, mit denen sich Deutschland bei der Unesco bewirbt. Im Jahr 2016 wird die Unesco entscheiden, welche Traditionen in ihre Verzeichnisse aufgenommen werden. dpa

Weltreisende in Sachen Brot lernen Backkunst in Weinheim

Von Christine Cornelius

Geschäftig kneten sie den Teig, formen Brötchen und Hefezöpfe, schieben Brezeln in den Ofen. Immer wieder der Blick auf die Uhr. Es ist kein Tag wie jeder andere im internationalen Backkurs an der Bundesakademie des Bäckerhandwerks im baden-württembergischen Weinheim. Was die 18 Teilnehmer aus Kanada, Australien, Indonesien, Portugal und anderen Ländern aus dem Ofen holen, wird benotet und geht ein in das Zertifikat, das sie am Ende mit in ihre Heimat nehmen. Die Tipps von Kursleiter Frank Sweningson saugen sie wissbegierig auf. «Das Topthema ist Sauerteig, den gibt es so nur in Deutschland.» Darüber wollen sie alles ganz genau wissen.

«Ihr habt das beste Brot auf der Welt», sagt Carlos Posada aus Kolumbien. Der 61-Jährige ist schon in Rente und hat sein Familienunternehmen an seinen Sohn übergeben, wie er erzählt. Bislang stellen sie dort vor allem weiches, weißes Brot her. «Jetzt wollen wir anfangen, gesündere Zutaten zu verwenden - die Kunden fragen das immer mehr nach.» Das deutsche Brot sei viel weniger süß als in seinem Heimatland, das gefalle ihm, sagt Posada.

Viele Teilnehmer träumen noch von der eigenen Bäckerei in ihrem Land, zum Beispiel David Katamba aus Uganda und seine Schwester. Ein Jahr wollen sie noch warten und üben, dann soll es losgehen - auch mit deutschen Backwaren im Sortiment. «Ich habe hier meine erste Brezel gegessen», sagt der 25-Jährige mit leuchtenden Augen. «Die wäre in Uganda der Renner.» Dafür würden viele sicher auch tiefer in die Tasche greifen, ist er überzeugt. «Das deutsche Brot soll gesünder sein als alle anderen Brote auf der Welt.»

Die weltweite Begeisterung für deutsche Backkunst kennt auch der Direktor des Museums der Brotkultur in Ulm, Andrea Fadani. Er bekommt fast jeden Tag Besuch von japanischen Touristen. «Bäcker können hier eine große Vielfalt erzeugen, das haben wir in keinem anderen Land der Welt.» Das Bäckerhandwerk wirbt sogar dafür, die deutsche Brotkultur von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe erklären zu lassen. Die Chancen stünden gut, sagt Fadani. Viele Deutsche sähen die Vielfalt zwar als nichts Besonderes, aber Menschen von anderswo seien fasziniert. In vielen Ländern gebe es ja nur Weizenbrot.

Als ziemlich eintönig empfinden auch die meisten Teilnehmer des Weinheimer Seminars die Brote und Brötchen in ihrer Heimat. «Die deutsche Brotkultur ist ein guter Botschafter für unser Land», sagt der Direktor der Akademie Deutsches Bäckerhandwerk, Bernd Kütscher. «Nach unseren Kursen in den vergangenen Jahren sind deutsche Bäckereien in Indien und Südafrika entstanden.» Dabei kann der bis zu fünfwöchige Kurs nur ein Anstoß sein. Die Prüfung für die internationale Gruppe ist alles andere als eine Gesellenprüfung.

Anspruchslos ist sie trotzdem nicht - durchfallen ist selten, aber möglich. «Sie müssen Teile der Rezepte reproduzieren können, die wir vormachen», sagt Kütscher. «Sie sind aber natürlich nicht wie ein deutscher Bäckermeister in der Lage, eigene Rezepte zu kreieren.» Nirgendwo sei die Bäckerausbildung so umfangreich und intensiv wie in Deutschland, betont er.

Die Backfans aus aller Welt drapieren Kaiserbrötchen liebevoll neben Körnerbrötchen mit Karotten. «Das Auge isst mit», sagt Kursleiter Sweningson und schaut prüfend über das Angebot. «Hier war der Ofen wohl etwas zu heiß eingestellt, die sind ziemlich wild aufgegangen», bemerkt er und zeigt auf einige Igel und Schildkröten aus süßem Teig. Die Stimmung ist trotz der Anspannung gut. Einer der Teilnehmer fasst sich lachend an den Bauch und sagt: «Wir haben sehr viel gegessen in den letzten Wochen.» Bis zum ersten Nachbacken in Indonesien, Uganda oder Kolumbien wird es wohl nicht lange dauern. dpa