REISE
22. November 2011

Maribor ist Kulturhauptstadt 2012 in Europa

Maribor ist neben Guimarães Kulturhauptstadt 2012

Von Verena Wolff

Bill Clinton hat eine, Arnold Schwarzenegger und der japanische Kaiser Akihito: eine Flasche des Weins, der aus Trauben der ältesten Weinrebe der Welt gekeltert ist. Die Rarität in der 300-Milliliter-Flasche, die es nur in der slowenischen Stadt Maribor gibt, ist unverkäuflich.

Nur etwa 100 Flaschen «Blauer Kölner» werden pro Jahr hergestellt - «wenn es ein guter Jahrgang ist und wir aus den Trauben etwa 30 Liter Wein machen können», sagt Jerny Lubej. Der seltene Tropfen gehe an gekrönte Häupter und ähnlich wichtige Zeitgenossen, erklärt der junge Mann im Weinmuseum, an dessen dicken Mauern die alte Rebe rankt.

Der älteste Rebstock steht am Ufer des Flusses Drau, der mitten durch Maribor fließt. Er hat die zweitgrößte Stadt Sloweniens zu einem der wichtigsten Orte des früheren Jugoslawien gemacht, zu einem Industriezentrum. Heute, zwei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit und vier Jahre nach Einführung des Euro, hat sich Maribor verwandelt: Die Schlote der Autofabrik rauchen nicht mehr, die Industrie beherrscht das Stadtbild schon lange nicht mehr. Ja, es sei schwieriger geworden in der Marktwirtschaft, hört man von vielen Seiten. Die Preise seien hoch, der Verdienst niedrig. Doch nächstes Jahr soll vieles besser werden.

Ecoc 2012 heißt der Code für die Hoffnungen: Maribor, früher Marburg genannt, ist im kommenden Jahr zusammen mit dem portugiesischen Guimarães Europäische Kulturhauptstadt. Und dafür putzt sich die Stadt mit ihren knapp 120 000 Einwohnern natürlich heraus. Es wird gebaut, renoviert, poliert. Am 13. Januar geht es los. Der Bürgermeister ist mächtig stolz darauf, dass seine Stadt im kommenden Jahr den klangvollen Namenszusatz trägt. Bis zu einer Million Touristen mehr erwarte man in der Stadt, sagt Franc Kangler. Und: «Maribor wird eine vollkommene Raumerneuerung erleben.»

Ähnlich dem Ruhrgebiet, der Kulturhauptstadt 2010, schultert auch Maribor das zwölfmonatige Programm nicht allein. Es gibt fünf Partnerstädte in Ostslowenien, in denen Lesungen und Ausstellungen, Schauspiel und Tanz, Musik und bildende Kunst dargeboten werden. «Maribor ist als größter dieser Orte sicher das Zentrum und wird auch die meisten Kosten tragen», sagt der Koordinator Borut Pelko. Doch auch bei den anderen Städten, Murska Sobota, Novo Mesto, Ptuj, Slovenj Gradec und Velenje, stehen hochkarätige Angebote in teils ungewöhnlichen Orten auf dem Programm.

Regional soll das Programm sein, europäisch und global. «Das ist kein Widerspruch», sagt Borut. Zum Projekt 12 finden sich jeden Monat international bekannte Persönlichkeiten wie das russische Schachgenie Garri Kasparow oder der Dichter Charles Simic in der Stadt ein.

Die Veranstalter haben sich bewusst gegen kulturelle Schwerpunkte an den einzelnen Orten entschieden. Vielmehr wird jede Stadt von allem ein bisschen anbieten, und dabei wird sich «jeder auf das konzentrieren, was schon jetzt Tradition hat», sagt Borut. Mehr als 300 Veranstaltungen werden es insgesamt sein.

Novo Mesto, idyllisch gelegen am Fluss Krka, ist vor allem für seine archäologischen Funde bekannt: die Ausgrabungen und die Situlen aus der Hallstattzeit, die im Regionalmuseum Dolenjski muzej ausgestellt sind. Sogar die Jugendherberge am Ort widmet sich der Vergangenheit. Ein weiteres Highlight in der «neuen Stadt», so die Übersetzung des Ortsnamens: die Produktionen im Anton-Podbevsek-Theater.

Ptuj mit seiner malerischen Altstadt, den Kirchen, Burgen und dem Schloss hoch über dem Ort ist die älteste Stadt Sloweniens - und vor allem bekannt für das Kurentovanje: Jedes Jahr im Februar werden bei dem Karnevalsumzug Masken und Kostüme getragen, die an die alemannische Fastnacht erinnern. Wie im Südwesten Deutschlands liegen die Ursprünge des Karnevals in der heidnischen Vorstellung von der Vertreibung des Winters. «Die lange und wechselvolle Geschichte der Stadt und die Tradition der Masken, das wird der Schwerpunkt der Veranstaltungen in Ptuj sein», erklärt Borut.

Die mittelalterliche Stadt Slovenj Gradec liegt nur wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Hier wird an den berühmtesten Sohn der Stadt, den Komponisten Hugo Wolf, erinnert. Das Projekt heißt «Wiederbelebte Klänge der Vergangenheit».

Murska Sobota hat ein Tanz-Festival, aber nicht nur das. Vor allem hat die kleine Stadt nahe Maribor eine weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Galerie, in der Direktor Robert Inhof mit großem Witz und Wissen durch die wechselnden Ausstellungen führt.

In Velenje ist die Industriekultur ein wichtiger Faktor. Und ein kleines, freches Mädchen aus Schweden. «In Velenje findet alljährlich ein Pippi-Langstrumpf-Festival statt», sagt Borut. «2012 wird es besonders üppig ausfallen.»

Und Maribor? Maribor ist Zentrum der Kulturhauptstadt - und mit seinem Schauspielhaus der Hauptort für Oper, Musiktheater und Schauspiel. Hier finden die größten Festivals statt - mit Veranstaltungen in der gesamten Stadt, am Drau-Ufer und in den alten Industriebrachen. In den ehemaligen Fabrikhallen der TAM-Werke, wo zu den besten Zeiten 9000 Leute arbeiteten, sind ein Kulturzentrum und eine Performance-Stätte geplant.

Die Stadt freut sich auf hochkarätige Gastspiele, etwa des Odeon Theatre de l'Europe aus Paris oder des Moskauer Bolschoi-Theaters. «Und wir sind gespannt auf die Uraufführung der Oper 'Schwarze Masken' am Eröffnungswochenende im Januar», sagt Borut.

«Pure energy» ist Motto und Losung für das Jahr als Kulturhauptstadt. Festivalfieber ist nichts Außergewöhnliches in Slowenien. Als größtes gilt das zweiwöchige Lent-Festival. Fünfzig Schauplätze verteilen sich über ganz Maribor. Plätze, Höfe, Straßen, Türme, alles wird zur Bühne. Der Leiter des Lent-Festivals, Vladimir Rukavina, war entscheidend daran beteiligt, dass Maribor sich gegen die Hauptstadt Ljubljana durchsetzen konnte und nun Gastgeber von Ecoc ist. «Er hat die künstlerischen Kapazitäten erkannt», sagt Borut Pelko.

Das Potenzial eines verfallenen Klosters inmitten der Stadt ist schon vor Jahren erkannt worden. Nach langer Sanierung und Modernisierung beherbergt es nun Lutkovno gledalisce, das Puppentheater. Es gehört zu den technisch modernsten seiner Art in Europa «und kann in Slowenien auf eine lange Tradition zurückblicken», sagt Mojca Plansak, die so etwas wie die rechte Hand der Direktion ist. Mit einer kleinen Mannschaft stellen die Puppenspieler immer wieder ein beeindruckendes Programm zusammen, mit eigenen Stücken und Adaptionen bekannter Geschichten.

Ein bisschen abgelegen ist das Theater, zwischen dem Ufer der Drau und den mittelalterlichen Plätzen der Innenstadt. Aber so groß ist Maribor nicht, dass man nicht spätestens beim zweiten Anlauf alles findet, was man sucht. Die Innenstadt ist verwinkelt, die Gassen führen in alle Richtungen: Zur Kneipenmeile mit ihren Bars, Pubs und Kneipen, zu den großen Plätzen, die zu jeder Tageszeit gut besucht sind, und immer wieder runter zum Wasser.

Bis vor einigen Jahren, erzählt Nada Altbauer, die hier geboren wurde, war das Drau-Ufer ein beliebter Platz, um die Seele baumeln zu lassen. «Die Wiesen entlang des Ufers waren gesäumt von Trauerweiden. Im Sommer war es schattig, man konnte den ganzen Tag aufs Wasser schauen.»

Die Bäume fielen der Motorsäge zum Oper - doch das Areal im Lentviertel ist noch immer äußerst beliebt. Bei den Straßenkünstlern, die ihre Nummern zum Besten geben. Bei den Jungen, die am Abend durch die Kneipen ziehen. Bei den Älteren, die gepflegt essen gehen. Und bei Liebhabern eines guten Tropfens, die sich im Weinmuseum von der Geschichte der legendären alten Rebe erzählen lassen. dpa

Reise nach Maribor

Anreise: Maribor hat gute Straßenverbindungen zu allen Nachbarstaaten, die Stadt wird zudem regelmäßig von Fernbussen aus Deutschland angesteuert. Aus Graz und Wien gibt es eine Bahnverbindung. Mit Adria Airways kann man von Frankfurt direkt nach Ljubljana fliegen. Andere Anbieter bedienen den Flughafen der slowenischen Hauptstadt mit mindestens einem Zwischenstopp. Bis nach Maribor dauert die Autofahrt eine gute Stunde.

Reisezeit: Im Sommer liegt die Durchschnittstemperatur bei 20 Grad, im Winter um den Gefrierpunkt. Die Stadt hat 266 Sonnentage. Am schönsten ist der Besuch vom späten Frühjahr bis in den Herbst hinein.

Unterkunft: In Maribor gibt es zahlreiche Hotels, Pensionen und Hostels - und in den umliegenden Bergen auch Apartments und Ferienhäuser. Die Preise liegen, je nach Sternen, deutlich unter denen großer europäischer Städte.

Sprache: Slowenisch ist Amtssprache. Je nachdem, in der Nähe welcher Grenze man sich befindet, sprechen die Menschen auch Deutsch, Italienisch, Kroatisch oder Ungarisch.

Informationen: Slowenisches Fremdenverkehrsamt, Maximiliansplatz 12a, 80333 München, Tel: 089/29 16 12 02, slovenia.info