Honza Klein unterwegs, Reise
13. Februar 2015

Reisebericht Amazonas

Fotos: Honza Klein

Sicherlich nichts für einen Erholungsurlaub. Amazonas bedeutet Abenteuer, Hitze und unglaubliche Luftfeuchtigkeit, gepaart mit einem artenreichen Regenwald

Lediglich der Nil überragt ihn um gerade mal 400 Kilometer. Gut sechseinhalb Tausende Kilometer schlängelt er sich durchs nördliche Südamerika. Sein Einzugsgebiet indes ist ob der vielen Nebenflüsse weit größer als das des afrikanischen längsten Stroms der Erde. Und vielleicht ist auch sein Name etwas magischer: Amazonas. Meine Entdeckungsreise zu diesem Sehnsuchtsort begann im südkolumbianischen Leticia. Schon der zweistündige Flug von Bogota lässt einen erahnen, was wohl die frühen Konquistadoren für Strapazen auszuhalten hatten. Regenwald, Regenwald, Regenwald, so weit das Auge blicken kann. Man bekommt ein Gefühl dafür wie sich etwas Männer wie Pizarro und Cortez gefühlt haben müssen, als sie im 15. und 16. Jahrhundert die fast unberührte Wildnis auf der Suche nach El Dorado durchstreiften. Diese Gefühl verstärkt sich augenblicklich, wenn man in Leticia dem Flugzeug entsteigt. Fast 85 Prozent Luftfeuchtigkeit, bei fast 30 Grad im Dezember.

In Leticia kann man sich entscheiden welches Land man für eine Amazonastour nutzen möchte. Kolumbien, Brasilien und Peru bilden hier ein Dreieck. Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich Kolumbien in einen Krieg mit Peru diesen Zipfel und damit den Zugang zum Amazonas gesichert. Verschiedene Anbieter offerieren nun Touren in die Region. Bei unserer der Fahrt in Richtung Puerto Narino wird deutlich, der Fluss ist so etwas wie die Hauptschlagader der Region. Die Schnellboote der Lineas Amazonas (so etwas wie die S-Bahn der Gegend) sind allgegenwärtig, etliche kleine Langboote surren beladen zu abgelegenen Siedlungen, Fischer gehen ihrem Tagwerk nach (immerhin zählt der Amazonas zu den artenreichsten Flüssen der Welt).

Links Peru, rechts Kolumbien erreichen wir nach gut zwei Stunden den zweitgrößten Ort des kolumbianischen Amazonas. Immerhin es gibt so etwas wie ein Hotel. Nach europäischen Maßstäben hätte es jedoch nicht mal einen Stern. Aber es ist sauber und steht zum Verkauf. Vielleicht etwas für abenteuerlustige Auswanderer. Touristisch hätte man da allerdings noch einiges zu tun. Nichts ist da, was man hierzulande touristische Infrastruktur nennt. Dabei wäre doch vielleicht gerade das etwas, was den Einwohnern ein Einkommen und dem Land auch mehr Touristen bringen könnte.

Der Ort ist wie alle in der Region nur per Boot erreichbar. Ein Blick von einem hölzernen Aussichtsturm zeigt in alle Richtungen nur grün. Fischfang ist die Hauptarbeit der Einwohner. Am frühen Morgen, nachdem wir einen Ausflug auf einen kleinen See gemacht haben und das morgendliche Erwachen der Vögel beobachteten sind bei der Rückkehr nach Puerto Narino gefühlt alle Einwohner am Ufer. Frischer Fisch wird gehandelt, Obst, Maismehl, Reis. Viel mehr gibt die Speisekarte nicht her. Doch immerhin gibt es eine kleine Bar im Ort und noch so etwas wie den Anschein von Zivilisation.

Die ändert sich bei der Weiterfahrt zum Amacayacu River. Dort fühlt man sich endgültig angekommen im Dschungel. Kaum ein Boot begegnet uns noch. Nur hier und da noch ein einsamer Fischer in einem Einbaum. San Maatin ist eine winzige Siedlung der Ureinwohner. Eine Holländerin betreibt hier seit gut zehn Jahren die Casa Gregori – Boutique Hotel & Restaurante. Hört sich an sich nicht schlecht an. Sind aber lediglich ein paar zusammen gehämmerte Brettenbauten. Das Duschwasser kommt Regenwassersammelbehältern, Strom gibt es stundenweise von einem Generator, das Handy ist ohne Empfang. Willkommen im natürlich Amazonasleben.

Da es irgendwie immer wieder mal regnet sollte man bei seiner Reise dringend an ein Regencape und Gummistiefel denken. Bei Wanderungen durch den Wald kann man schnell mal mehr als Knöcheltief im Schlamm versinken. Besonders wenn man einen Reiseführer wie den meinen hat, der meint nun wirklich an die Grenzen gehen zu müssen. Also eine Nachtwanderung durch den finsteren Regenwald mit den abenteuerlichsten Geräuschen und wenn dann noch bei der für geplant eineinhalbstündigen Rückfahrt auf dem Amacayacu nach wenigen Minuten das Benzin alle ist, ist das Abenteuer komplett.

Immergin ein Paddel rettete uns. Dies war wieder ein Beispiel für die touristische Unbedarftheit der Einheimischen. Man mag sich nicht vorstellen, was wohl normale Touristen nach so einem Erlebnis alles angestellt hätten. Fast drei Stunden auf einem schmalen dunklen Fluss, abendliche Kühle und Feuchtigkeit, rings herum das Konzert des Regenwaldes und überall blinkende Glühwürmchen. Es wird deutlich dass der Regenwald vor allem ein gigantisches Hörspiel ist. Die meisten Tiere sind ja Fluchttiere und so erlebt man kaum mehr als ihre Geräusche.

Nun ja wir haben es überlebt. Aber wie gesagt. Eine normale Touristengruppe hätte hinterher sicherlich einen Anwalt beschäftigt. Zumal es unser Führer nicht mal für nötig befand, ein Wort der Entschuldigung zu finden. Doch zum Glück war der Aufenthalt in dem sogenannten Hotel nur eine Nacht. Auch die versprochene Artenvielfalt hielt sich versteckt.

Dies änderte sich im auf der peruanischen Gebiet gelegenen Reserva Natural Marasha (www.reservamarasha.com). Etwa drei Kilometer vom Ufer des Amazonas entfernt ist die Hauptanlage des Parks an einem See gelegen. Hunderte Vögel in den Wipfeln der Bäume sorgen für ein Begrüßungskonzert, Papageien krächzen ein Olá, ein Tucan ist völlig unbeeindruckt. Am Abend gesellte sich ein gutmütige Familie Chiguiros (Wasserschweine) hinzu. Doch auch hier gibt es Strom nur stundenweise und das Telefon bleibt wiederum stumm. Die Ruhe ist vielleicht mal ganz schön, warum es jedoch nicht möglich ist im Speisesaal auch ein Bier oder Wein oder Rum/Cola anbieten zu können erschließt sich nicht. Wäre das doch eine Möglichkeit Einnahmen zu generieren, die dann wieder zur Verbesserung der Infrastruktur genutzt werden könnten. Doch dies nur am Rande.

In der Dämmerung und Nacht ist eine Fahrt über den See besonders beeindruckend, ja fast magisch. Ein Teil der Bewohner geht zur Ruh ein anderer erwacht. So kann man jetzt kurz über der spiegelglatten Wasseroberfläche die leuchtenden Augen von Caimanen entdecken. Mit viel Glück sieht man eine Anaconda. Tagsüber werden Wanderungen und Angeltouren angeboten oder man paddelt einfach durch schmale mangrovengesäumte Kanäle. Wobei man tunlichst nicht kentern sollte, denn außer den erwähnten Caimanen schwimmen Piranhas unter einem. Sie stehen übrigens hin und wieder auch auf der Speisekarte. Oder besser gesagt kommen auf den Tisch. Eine Speisekarte wäre ziemlich leer. Es gibt Reis und Fisch, wahlweise Fisch und Reis, dazu Fruchtsäfte, Kaffee und Wasser. Gewürze jedweder Art sind nicht vorhanden und man wundert sich, wie man an sich guten Fisch so trocken braten bzw. grillen kann.

Nach fast einer Woche jenseits der Welt war ich dann wirklich froh wieder in Leticia zu sein. Ach wenn der Ort nur sehr klein ist, verspricht er doch Zivilisation und einen kalten Drink. Man muss sich auf einen Reise zum und auf dem Amazonas einlassen, dann ist es ein unvergleichliches Abenteuer.

Bin dann mal wieder unterwegs