Berlin
07. Dezember 2012

Restaurant Grosz in Berlin übt den Klassenkampf

Das neue Grand Cafe von Roland Mary im Cumberland ist noch kein Borchardt des Westens – 2x zu Besuch: das geht noch besser

Der Mythos vom Haus Cumberland ist inspirierend, hier ging die Hautevolee kurz vor dem 1. Weltkrieg ein und aus. Ein edles, ein luxuriöses Haus. Das Comeback des Kurfürstendamms ist groß angekündigt, der Boulevard soll wieder sexy werden.

Roland Mary, der Erfinder des Borchardt im Osten, hat den Reigen eröffnet - Go West ist angesagt. Das Waldorf Astoria wird mit Pierre Gagnaire und dem legendären Romanischen Cafe folgen, Shan's Kitchen ist schon da, quasi als Nachbar vom Grosz. Auch Markus Semmler ist in einer Seitenstraße angekommen - und Lanninger lässt noch auf sich warten, Danijel Kresovic lässt grüßen.

Das Grosz - benannt nach Georg Grosz, der hier seinen Platz am Kudamm hat - könnte das elegante Scharnier zu den luxuriösen Shops von Cartier, Bulgari, Gucci und Hermes bilden.

Gleich morgens wollen wir etwas gegen die Unterzuckerung unternehmen und holen uns aus dem kleinen Back-Shop L'Oui im Cafe Grosz zwei Croissants, ein Mandel-Brioche und vier Tartes zum Mitnehmen. Für exakt 20 Euro.

Roland Mary hatte angekündigt, selbst die Tür zu machen, er will verhindern, dass Kiezvolk sein Grand Cafe stürmt. Bei den Preisen braucht er sich da keine Sorgen zu machen, keine Oma aus dem Kiez kann sich das Grosz leisten. Warum er betont, dass das Blondinenverhältnis stimmen muss, wird für immer sein Geheimnis bleiben.

Die hausgemachten Back-Waren von L'Oui sind sehr gut, einen Tick unter der Qualität von Aux Delices Normands und Lenotre im KaDeWe. Im Cafe-Bereich selbst ist älteres Publikum mit jüngerem gemischt.

Fazit 1. Besuch im Vorraum: Für mich ist die Atmosphäre im Grosz zu dämmerig, zu patiniert, außerdem zu hallig und zu schlauchartig.

Gegen Abend besuchen wir das Restaurant ein zweites Mal. Das Grosz bleibt blass. Ihm fehlt das Pariser Flair, das im Borchardt herrscht. Es fehlt das Mondäne, die Verruchtheit, für die Georg Grosz steht. Der hätte sich hier gelangweilt.

Die Bar kurz hinter der Tür ist zugig, sie wäre besser im hinteren Bereich des Restaurants aufgehoben. Hier vorn ist es ein ewiges Kommen und Gehen.

Das Tatar (18 Euro) ist exzellent, das Tempura von Jacobsmuschel, Pulpo und Calamaretti (18 Euro) ebenfalls. Das Essen ist bereits am ersten Tag besser als im Borchardt, ist das ein Kompliment oder schon ein Verriss?

Was uns stört:

Die vielen Seh-Leute wie im Adlon, sie haben billige Einkaufstüten in der Hand und wollen schauen, was sie sich da nun nicht leisten können.

Die billig scheppernde Grammophon-Musik, einfach lästig.

Schmeißen Sie sich meinetwegen in Schale, aber vergessen Sie den Schal nicht.

Das Grosz ist sehr zugig, wie in einer Bahnhofshalle. Jedenfalls im vorderen Bereich. Im hinteren Bereich ist es angenehmer - eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?

Unter dem Pflaster liegt der Strand - so skandierte es Mary früher.

Wir nörgeln auf hohem Niveau, hier kann noch vieles nachgebessert werden, es ist Platz nach oben, wie man heute so schön sagt.

Noch kann Roland Mary dem Raum keine Magie einhauchen, sind die Zeiten des großen Gastro-Zauberers vorbei? Für Kudamm-Touristen und Anwohner mag das ausreichen. Eine Reise ist das Grosz so nicht wert.

Das Cafe Einstein an der Kurfürstenstraße bleibt der Platzhirsch in Berlin. Schaun mer mal.

Oder wartet Georg Grosz lieber auf die Eröffnung seines Romanischen Cafes?