Genussgipfel Österreich
11. April 2011

Kaffeehaus Hawelka in Wien feiert

Der Hawelka gehört in sein Kaffeehaus wie Das Hawelka zu Wien: Heute wird Gründer und Cafétier Leopold Hawelka 100 Jahre alt

Von Irmgard Rieger

«Ich bin da, das ist Pflicht», sagt Leopold Hawelka und nimmt einen Schluck seiner Mélange. «Der Chef muss da sein.» Dass er immer noch der Chef ist in seinem Kaffeehaus, daran lassen weder Kellner noch Gäste noch er selbst Zweifel. Zwei, drei Stunden täglich sitzt er an einem der Marmortische in dem kleinen Lokal in der Nähe des Stephansdoms, trinkt eine Mélange, genießt eine Mehlspeise und sieht dem Treiben zu. Am Montag, wenn er seinen 100. Geburtstag feiert, wird es nicht anders sein.

Manchmal wirkt der alte Herr in Anzug und Fliege, als würde er in sich hineinschauen. Vielleicht ziehen sie dann an ihm vorüber, die Jahre, in denen er «Das Hawelka» zu einer Wiener Institution gemacht hat, gemeinsam mit seiner Frau Josefine, die 2005 gestorben ist. «Sie waren ein perfektes Team», sagt Enkel Michael, der mittlerweile die Geschäfte führt. Und das kleine Café war ihr Lebenswerk.

Der Schustersohn aus dem Weinviertel und die Metzgerstochter aus Kremsmünster kauften das kleine Lokal im Mai 1939 - und gleich nach ein paar Monaten mußten sie wieder schließen. Leopold wurde zum Kriegsdienst einberufen. «Im Krieg darf man nicht ehrgeizig sein», erklärte er einmal. Er tat Dienst als Pferdeputzer und Koch, kam unversehrt zurück und eröffnete das Café ein paar Monate nach Kriegsende unter eigenem Namen neu.

Sein Erfolgsgeheimnis? Tochter Herta antwortet für den alten Herrn: «Er ist der Ruhepol, und er war es immer.» «Disziplin», meint Enkel Michael. Für den heutigen Geschäftsführer ist der Großvater ein unerschütterliches Vorbild. «Cafétier sein, was heißt das?» fragt der umtriebige Jungchef und gibt selbst die Antwort: «Das heißt aufmerksam sein und höflich, ein Gefühl für Menschen haben, Charme und Stil. Das hat mein Großvater im Höchstmaß.»

So stand Hawelka über Jahrzehnte hinweg in seinem Café, servierte zunächst selbst in dem Lokal, in dem er mit seiner Frau anfangs auch wohnte. Später, und so kannte man ihn bis vor wenigen Jahren, stand er mit aufmerksamem Blick an der Theke, während seine Frau Josefine quirlig durch den kleinen Raum wuselte. Auch wenn alles vollbesetzt war, sie zauberte von irgendwoher immer noch einen Sessel für einen neu angekommenen Gast.

Leopold hielt sich im Hintergrund, gab hier einmal einem Kellner einen Hinweis, griff dort einmal ein, wenn eine Hand fehlte, um den 1001. Kleinen Braunen des Tages zuzubereiten. Es heißt, er habe auch schon mal einem Gast, der ihm sympathisch war, eine 20-Schilling-Note zugesteckt, damit der seinen Kleinen Braunen bezahlen konnte. Dann wieder erteilt er unerbittlich Lokalverbot: «Wer im Lokal schläft oder eine Frau belästigt, hat hier nichts zu suchen», meint Enkel Michael.

Den Benimmregeln des Cafétiers haben sich dann auch die untergeordnet, die das Jugendstil-Café ab den 1970er Jahren zunehmend bevölkerten: Bei Leopold Hawelka gingen André Heller und Ilse Aichinger, H. C. Artmann und Friedensreich Hundertwasser ein und aus, Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle verbrachten Tage und Nächte dort. «Ein Kaffeehaus lebt mit seinen Gästen», hat Michael von Großvater Leopold gelernt.

Später traten die Großen der Welt durch die Schwingtür: Hans Dietrich Genscher, Bill Clinton und Vaclav Havel sind nur einige Namen, die im dicken Gästebuch verewigt sind. Sie alle hat Leopold Hawelka persönlich begrüßt, an einen Tisch gebeten, verabschiedet - und dazwischen in Ruhe gelassen. «Da sein, ohne aufdringlich zu sein», nennt es Schüler und Enkel Michael.

Nur 80 Quadratmeter misst das kleine Café in einer schmalen Gasse im Zentrum Wiens, es ist noch im Original-Jugendstil der 1920er Jahre eingerichtet und es ist das einzige Kaffeehaus Wiens, das nach einem noch lebenden Gründer benannt ist. Dass «Das Hawelka» Touristenattraktion geworden ist und dabei seinen Charme behalten hat, ist mit der größte Verdienst seines Gründers.

Manchen Neuerungen, denen sich das Traditionslokal nicht verschließen konnte, widersetzt sich der ruhige alte Herr mit dem vollen weißen Haar dennoch beharrlich. So wird das Lokal seit kurzem gesetzeskonform als Nichtraucherlokal geführt. Aber wenn «der Herr Hawelka», wie ihn hier alle nennen, bestimmt, dass die Aschenbecher aufgestellt werden, «dann laufen die Ober», erzählt Michael Hawelka. «Da hilft auch kein Gesetz.» dpa